Berlins mythische Unterwelt und der Wert eines Häftlings

Gerhard Kania (links) und Thomas Volkmann arbeiteten in den vergangenen Jahren erfolgreich an vielen kreativen Projekten.

werdohl -  Bekannt wurde der Werdohler Künstler Thomas Volkmann im heimischen Raum vor allem durch seine gemalten Parodien, die schrille und bunte, zornige und wilde Figuren, vor allem aber Gesichter zeigen. Roh in der Malweise, ausdrucksstark, voller mythologischer und literarischer Bezüge und ohne den Anspruch, dass jedermann diese Bilder über sein Sofa hängen mag, kommen diese Arbeiten daher.

Thomas Volkmann hat ihre Gestalt im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Schon mit der Künstlergruppe N.E.S.T entwarf der Künstler darüber hinaus konzeptionelle Arbeiten, die völlig anders aussahen und in den öffentlichen Raum vorstießen. 2008 reisten die „Seh-Container“ durch Menden, Hagen, Siegen und Iserlohn. Für die Aktionskunst, die den Sinn von Arbeit thematisierte, indem die Künstler eine an Sisyphos erinnernde Endlosschleife von Be- und Entladung dieser Seh-Container in Szene setzten, gab es den Kunstpreis der Stadt Menden. Preise für andere Projekte aus Düsseldorf, Augsburg und der Kunstpreis des Landes NRW kamen hinzu. Weniger sichtbar in Südwestfalen als die großen Seh-Container blieben konzeptionelle Arbeiten, die Thomas Volkmann gemeinsam mit dem Neuenrader Künstler Gerhard Kania entwickelte. Es handelte sich dabei um Wettbewerbsbeiträge, die mit Ideen auf Ausschreibungen reagierten.

Europa – das war einst die von Zeus entführte Königstochter, die der Göttervater in Gestalt eines Stieres auf die Insel Kreta entführte. Den europäischen Boden, den der verliebte Zeus mit seiner Beute schwimmend erreichte, legte er seiner Angebeteten quasi zu Füßen, indem er den Erdteil nach ihr benannte. „Europa im 21. Jahrhundert“ – das ist vor allem ein Krisenszenario, das seit dem Fastbankrott des griechischen Staates rund um den Euro kreist. Durch eine 90-Grad-Drehung von dessen Zeichen ließen Thomas Volkmann und Gerhard Kania den Euro zu Boden gehen. Doch das Symbol erzählt nicht eindeutig von Schwäche, denn die angespitzten Enden des Bogens sehen wie die abstrahierten Hörner eines Stieres aus, die in die Höhe gereckt werden. Die Künstler beschreiben diese Mehrdeutigkeit des Symbols „Europa“ und die damit verbundene offene Frage so: „Steht der Name Europa auch heute noch, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, im übertragenen Sinne für etwas Betörendes, Begehrens- und Bewundernswertes? Oder ist die schöne Dame Europa das Sinnbild einer großen Täuschung, eines luxuriösen Deckmantels, hinter dem sich etwas völlig Andersartiges verbirgt, das nach und nach zum Vorschein kommt?“ Die Europa Union in Leverkusen belohnte die auf ein prägnantes Zeichen verdichtete Auseinandersetzung mit dem Thema „Europa“ mit einem Kunstpreis.

Mythologie spielt auch eine Rolle in einer Reihe von Fotografien, die „Imaginäre Reisen in die Unterwelt“ Berlins zeigen. „Man verlässt die reale Welt und steigt ab in die Unterwelt, wie es einst der Sänger Orpheus tat, um seine geliebte Eurydice aus den Fängen des Hades zu befreien.“ In dieser Welt stoßen die Künstler auf Berliner Gesichter und in ihnen auf Orpheus und Eurydice, den trinkfreudigen Bacchus, Gott des Weines, und den dreiköpfigen Hund Cerberus. Verwandelt kehrten die Künstler nach diesem Ausflug in Berlins Oberwelt zurück.

Eine reale Hölle ganz anderer Art thematisierte die Arbeit „Abrechnung“. Die Gräueltaten der Nazis verdichten sich hier in den Berechnungen des SS-Obergruppenführers Pohl, der „den Gewinnwert eines Konzentrationslager-Häftlings“ berechnete. Die unerträglich zynische Gewinn- und Verlustrechnung eines lebenden Häftlings und die „rationelle Verwertung der Häftlingsleiche nach neun Monaten“ wird dramatisiert durch ausgestellte und gebrandmarkte Häute, Tierhäute. Monumental schaut die Arbeit aus Texten und auf Keilrahmen gespannten Häuten auf den Betrachter herab.

Mit den Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung setzen sich die Künstler in einer Arbeit auseinander, die sie ab Samstag, 18. Januar, in einem ehemaligen Umkleideraum des Gewerbeparks Eveking (Hauptstraße 67) zeigen. In der Arbeit mit dem Titel „Made in Bangladesh – Ausbeutung bis aufs letzte Hemd“ wird die Jagd von globalen Textilindustrien nach immer billigeren Arbeitskräften thematisiert. Auch in den Jahresrückblicken wird derzeit auf die tödliche Katastrophe in einer Textilfabrik in Bangladesh zurückgeblickt. Die Künstler beschreiben die Stoßrichtung ihrer Installation so: „Zahlreiche Markenfirmen der Modebranche lassen ihre Ware in Ländern fertigen, in denen Arbeiter für Hungerlöhne unter unwürdigen Bedingungen tätig sind und die Markenrechte besser geschützt sind als die Rechte der Arbeiter. Stickrahmen, Schnittmuster und Logos bekannter Hersteller ergeben eine faszinierende wie verstörende Raum-Collage.“

Auf 400 Quadratmetern zeigen Thomas Volkmann und Gerhard Kania gemeinsam mit den Künstlern Hartmut Funke und Udo Unkel Installationen, Objekte, Malerei und Konzeptkunst in der Kunsthalle Südwestfalen im alten Industriebauwerk.

Ein weiterer Raum widmet sich dabei unter dem Titel „Goldener Schnitt“ dem Schönheitswahn unserer Epoche – der in der Modewelt und in der Schönheitschirurgie um die Wette eifert. „Weitere Darsteller in den Kania.Volkmann-Installationen sind Literaten wie Burroughs, Schiller, Wedekind und mythologische Figuren wie Janus und Judas“, kündigen die Künstler an.

Von Thomas Krumm

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