Vom DDR-Pastorensohn zum Apotheken-Besitzer

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Das Team der Bahnhofs-Apotheke wird von Oliver Schwarz angeführt. Vater Christopher schaut aber gerne noch jeden Vormittag herein. Auch Renate Schwarz (nicht im Bild) ist für den Betrieb tätig. In diesen Tagen wird die Apotheke 50 Jahre alt.

Werdohl - Seit 50 Jahren führt die Familie Schwarz die Bahnhofs-Apotheke – ohne die Lebensgeschichte des Seniors Christopher Schwarz ist diese Geschichte nicht zu erzählen. Schon vor zwölf Jahren hat der heute 78-Jährige das Geschäft an seinen Sohn Oliver weitergegeben. Christopher Schwarz ist ebenso wie seine Frau Renate (76) noch so gut wie jeden Tag in der Apotheke.

Christopher Schwarz wurde auf der Ostseeinsel Rügen geboren. Sein Vater war evangelischer Pastor und stand nach dem Zweiten Weltkrieg unter besonderer Beobachtung des DDR-Regimes.

Mit der Regierung geriet auch der junge Christopher in Kontakt: Das Abitur wurde ihm aberkannt, weil er zur Abiturfeier mit anderen singend durch die Straßen gelaufen war. Das Abitur als sozialistisches Reifezeugnis wurde ihm umgehend wieder entzogen, er musste die Prüfung wiederholen. Bald darauf floh er mit seinem Bruder nach Westdeutschland – Christopher legte die Abiturprüfung in Bergneustadt zum dritten Mal ab.

Immer viel Glück im Leben

1958 kam der junge Mann aus Mecklenburg über Auffanglager nach Nordrhein-Westfalen. In Hagen lernte er seine Frau Renate kennen, in Münster studierte er Pharmazie. Ein Vertreter machte ihn in einer Hagener Apotheke darauf aufmerksam, dass er in Werdohl eine Apotheke übernehmen könne. „Ich hatte immer viel Glück im Leben“, sagt Schwarz heute.

Zielstrebigkeit gehörte wohl auch dazu, denn Christopher zog mit der fünf Jahre alten Tochter Susanne und dem gerade einmal einem halben Jahr alten Sohn Oliver von Hagen nach Werdohl. Die Bahnhofs-Apotheke war 1952 von einem ehemaligen Mitarbeiter der heute noch bestehenden Stadt-Apotheke gegründet worden und hatte bis zur Übernahme von Schwarz im Oktober 1967 verschiedene Inhaber gehabt. „Mit 28 Jahren hatte ich also meine Apotheke“, erinnert sich Schwarz, „es war damals ein schwieriges Umfeld.“

Klein-Oliver als Attraktion

Oliver krabbelte als Attraktion durch den Laden, Ehefrau Renate schmiss den Haushalt und arbeitete obendrein in der Apotheke mit. Die Familie zog in die Wohnung über der Apotheke ein, zunächst war alles nur gemietet und gepachtet. Nach einiger Zeit kaufte Schwarz Apotheke und Haus. „Dann zogen wir eine Etage nach oben, weil ich über der Apotheke einen Hausarzt haben wollte.“ Schwarz hatte genügend Geschäftssinn, um seinen Betrieb zu stärken.

„Alles selbst geschossen“ – Christopher Schwarz hat den Bereitschaftsraum des Apothekers in eine Jagdstube umgewandelt. Jagen ist die Leidenschaft des 78-Jährigen, und sie gilt nicht nur dem heimischen Rotwild. Von Jagdreisen hat er seltene Trophäen mitgebracht.


Angefangen hatte er mit seiner Frau, einer Praktikantin und einer Apothekenhelferin. Manchmal habe er eine ganze Woche lang Tag und Nacht gearbeitet. „Das Sofa im Bereitschaftsraum war dann meine Schlafstelle“, erzählt er. Die Leute kauften damals im Notdienst Papiertaschentücher und Nasenspray. 50 Pfennig Nachtdienstaufschlag wurden gern bezahlt. Wenn beim gegenüberliegenden Werk Thomeé um fünf Uhr morgens die Nachtschicht vorbei war, kauften die Arbeiter in der Apotheke ein.

Keine Kondome in der Apotheke

Und noch eine Anekdote aus der alten Zeit berichtet Christopher Schwarz. Ein katholischer Apotheker in Werdohl habe sich geweigert, Kondome zu verkaufen und Rezepte für die Antibabypille einzulösen. „So war das damals“, lacht der 78-Jährige.

Vater und Sohn ärgern sich heute über die Ungerechtigkeit beim Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Online-Versandapotheken säßen im Ausland, zahlten in Deutschland keine Steuern und dürften verschreibungspflichtige Medikamente mit Rabatt anbieten. „Wir erwarten von einem Gerichtsurteil eine Gleichstellung“, erzählt Oliver Schwarz.

Zufrieden im Bahnhosviertel

Früher hätten Apotheken eine besondere Stellung gehabt, heute sei das nicht mehr ganz so, stellen die beiden fest. Zwei Apotheken in Werdohl hätten bereits aufgegeben, die Konkurrenz durch den Versandhandel sei riesig. Dennoch wollen sie nicht klagen, mit der Entwicklung im Bahnhofsviertel sind die Geschäftsleute sehr zufrieden. Die Ansiedlung des Edeka-Marktes habe viele neue Kunden gebracht. Die Parkraumbewirtschaftung habe erreicht, dass im Bahnhofsviertel immer ein freier Parkplatz zu finden sei. „Wir sind in Werdohl die einzige Apotheke mit Parkplätzen direkt vor der Tür“, so Christopher Schwarz.

Mitarbeiterin seit 1979

„Ich habe mich für Naturwissenschaften interessiert und es lag deshalb nahe, die Apotheke zu übernehmen“, sagt Oliver Schwarz. Für Studium und Approbation mit den drei Staatsexamen habe er sich sehr viel Zeit gelassen. Im April 2005 übernahm er die Apotheke vom Vater. Mittlerweile hat die Bahnhofs-Apotheke elf Beschäftigte. Einige sind schon lange dabei, die langjährigste Mitarbeiterin ist seit 1979 angestellt. Das Jubiläum wird Anfang Oktober intern gefeiert.

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