Michael Martin und Kai Brodersen begeistern in der Lesenacht

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Michael Martin ist ein großartiger Unterhalter. Diesmal hatte er Kurzgeschichten von einer „Jugend in der Sauerländer Schlagerhölle“ mitgebracht: „Rock’n’Roll war woanders“.  

Werdohl  -  Mit einer äußerst vergnüglichen Veranstaltung beteiligte sich die Stadtbücherei am Freitag an der NRW-weiten „Nacht der Bibliotheken“. Zu Gast waren gleich zwei Autoren, deren Wurzeln in Werdohl liegen.

Obwohl oder gerade weil sein Lebensmittelpunkt mittlerweile in England liegt, dokumentiert Michael Martin in seinen Veröffentlichungen eine tiefe Verbundenheit mit den Bräuchen und Märchen des Sauerlandes. 

Kurzgeschichten von einer „Jugend in der Sauerländer Schlagerhölle“ präsentierte der Band „Rock’n’Roll war woanders“. Für die Besucher der Bücherei-Nacht hatte Michael Martin den vergnüglichen Kurzgeschichten dieses Bandes eine weitere hinzugefügt: „Tanzstunde“. 

Allerdings machte das Fußballtraining dem Ich-Erzähler und seinem Kumpel einen hartnäckigen Strich durch die Rechnung, die von Terminüberschneidungen und einem hammerharten Trainer präsentiert wird: „Wer von euch beiden ist denn heute die Dame?“, deutet er gegenüber seinen beiden Spielern wenig Verständnis für deren Bedürfnis an, sich diese „Chance zu Körperkontakt mit dem anderen Geschlecht“ nicht entgehen zu lassen. 

Ganz abgesehen von den Problemen, die sich während der Tanzstunde im Altenaer Etablissement „Lennestein“ ergeben: „Die Hübschen und die ohne Büstenhalter waren alle seit der ersten Tanzstunde an feste Partner vergeben.“ 

Natürlich war Michael Martin sehr nah dran an Personen und Orten der Zeitgeschichte der 70er Jahre – so nah, dass ein Besucher geschmeidig ergänzen konnte, dass die Grundschullehrerin Fräulein Brenner einst einen Manta gefahren habe.

Auf das geruchsintensive Eintauchen in eine Jugend im Sauerland folgte ein dichter Dialog über das, was hier so gesprochen wird. „Berlin 1981 – ich habe echt geglaubt, ich spreche Hochdeutsch“, erinnerte sich Michael Martin. Damals erntete er ein „Ey Alter, wie sprichst du denn?“ Schon die Verortung des Sauerlandes sei ein mittleres Problem gewesen in der geteilten Stadt: „Eine größere Stadt? – Lüdenscheid? Iserlohn? Brilon?“ Das Sauerland war also irgendwo zwischen Magdeburg und Venlo, und man kann sich hier „ohne Gebärdendolmetscher entlang des Sauerland-Höhenfluges problemlos verständigen“. 

Die Kenntnis von kleinen sprachlichen Schätzen wie „Voll auf den Nürsel“, „Hömma“, Bütterken, Knifte und „(Wat) willste machen?“ einten Publikum und den Mann, der in dieser Phase des Abends eher zufällig vorne und nicht mittendrin saß. Ein sprachökonomisch großartiges Gebilde sei noch nachgetragen: „Isso!“ „Es hätte den Titel ‚Wort des Jahres’ verdient“, versicherte Michael Martin.

Der Boden war nach den Debatten übers Sauerland und seine Sprache bestens bereitet für ein benachbartes Idiom: Kai-Uwe Brodersen ließ die Besucher in seine Schreibwerkstatt blicken und las eine Kurzgeschichte aus Köln – ein „Kaleidoskop des Lebens“, Schnorrens und Sterbens auf der Straße und auf einer Parkbank.

Doch dann ging es mitten hinein oder vielmehr an den äußersten Rand eines großzügig bemessenen Sauerlandes. Im Zentrum von Kai-Uwe Brodersens zweitem Krimi „Fummel und Flamme“ steht erneut Nobbe, der Kiosk-Besitzer vom Europa-Platz in Hagen-Vorhalle, der in dieser Geschichte mit einem Brand in unmittelbarer Nachbarschaft seiner Wohnung konfrontiert ist. 

Schon diese Lesung machte Freude. Doch für das Werdohler Publikum packte Kai-Uwe Brodersen schon mal seinen dritten Vorhalle-Krimi aus, der frühestens im September 2017 erscheinen soll. Wieder verunziert eine Leiche den Europaplatz: „Aus dem Rondell des Kriegerdenkmals wurde ein Zinksarg getragen.“ Und wieder gab es prächtige Formulierungen wie diese von einem nachdenklichen Nobbe: „In den vergangenen Monaten war ich dem Tod zu häufig begegnet, und ich kann nicht sagen, dass wir ein herzliches Verhältnis entwickelt hätten.“

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