Pannenserie bei der Bahn

Aufzug-Ärger: Rollstuhlfahrer erlebt eine Odyssee auf Schienen

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Die Gleisüberführung am Werdohler Bahnhof ist für Menschen wie Dirk Hebert ein unüberwindbares Hindernis, wenn die Aufzüge nicht funktionieren.

Werdohl - Eine wahre Odyssee auf Schienen hat der Werdohler Dirk Hebert hinter sich. Dabei hat er eigentlich nur die Geburtstagsfeier seiner Schwägerin besuchen wollen. 

Was für die meisten Bahnreisenden eine Kleinigkeit ist, gestaltete sich für Hebert schwierig, denn er ist auf den Rollstuhl und Aufzüge angewiesen.

Dirk Hebert wirkt ganz und gar nicht unzufrieden, obwohl er vielleicht allen Grund dazu hätte. Aufgrund einer schweren Diabeteserkrankung hat er beide Beine verloren, seit rund drei Jahren sitzt der 52-Jährige im Rollstuhl. Doch er jammert nicht, stattdessen versucht er tapfer, sich mit der neuen Lebenssituation zu arrangieren. „Was soll ich sonst machen?“, fragt er – und lächelt. 

Laune gründlich verhagelt

Eine Bahnreise hat ihm aber die Laune gründlich verhagelt. Dabei hatte er die Zugfahrt zum Geburtstag seiner Schwägerin in Gronau und zurück nach Werdohl gründlich geplant. Hebert hatte sich mit dem Mobilitätsservice der Deutschen Bahn in Verbindung gesetzt, denn immerhin benötigte er bei Umsteigen fremde Hilfe. Und auf einigen Bahnhöfen war er auch auf Fahrstühle angewiesen, um Höhenunterschiede überwinden zu können. Dass gerade diese Einrichtungen nicht immer störungsfrei sind, weiß Hebert aus seiner Heimatstadt Werdohl: Auch dort funktionierten die Aufzüge in der Vergangenheit nicht immer, gerade wird einer ganz ausgetauscht und steht deshalb nicht zur Verfügung. Hebert überließ deshalb nichts dem Zufall, ließ die beiden Lifte, die noch in Betrieb sind, kontrollieren. Alles war gut. 

Die Hinfahrt ins Münsterland klappte deshalb auch reibungslos, der geplanten Geburtstagsfeier stand nichts im Weg. Dafür wurde die Rückfahrt für Dirk Hebert zu einem wahren Abenteuer. „Bis Hagen hat das alles gut geklappt“, berichtet er von einer problemlosen Bahnreise von Gronau über Münster bis an den Rand des Sauerlands. Auch die Zugfahrt selbst bis nach Werdohl ging noch reibungslos über die Bühne, aber dann stand der Rollstuhlfahrer schließlich freitags nachmittags um kurz vor 16 Uhr auf dem Werdohler Bahnsteig vor einem defekten Fahrstuhl. 

Notrufnummer nirgends zu finden

„Dann steht man da und weiß gar nicht, wen man anrufen soll“, schildert Hebert seine missliche Lage. Denn eine Notrufnummer der Bahn war nirgendwo am Fahrstuhl zu finden. „Also habe ich die 112 angerufen“, berichtet der 52-Jährige. Damit setzte er ein Großaufgebot von Helfern in Bewegung: Die Feuerwehr rückte an, ebenso ein Krankenwagen und sogar der Baubetriebshof der Stadt. 

Aufzug steht und die Bahn schläft - Feuerwehr rettet gestrandeten Rollstuhlfahrer

Den Aufzug in Gang setzen konnte aber keiner. Und der Plan, Hebert einfach mitsamt Rollstuhl über die Treppen zu tragen, war ein schier aussichtloses Unterfangen. „Der wiegt 260 Kilo“, zeigt der Rollstuhlfahrer auf sein elektrisch betriebenes Hilfsmittel mit schwerem Akku. Immerhin hätten sich die Helfer aber sehr um ihn gekümmert, ihn vor allem in der großen Hitze mit Getränken versorgt, sagt er dankbar. 

Mit dem nächsten Zug nach Plettenberg

Nur vom Bahnsteig kam Dirk Hebert nicht herunter. Irgendwann sei es dann gelungen, die Deutsche Bahn zu kontaktieren. „Die haben vorgeschlagen, dass ich mit dem nächsten Zug nach Plettenberg fahre und dort den Aufzug benutze“, berichtet Hebert. Das hörte sich vernünftig an, zumal dort ein Rotkreuz-Wagen auf ihn warten und ihn wieder nach Werdohl bringen sollte. Also wieder hinein in den Zug. 

In Plettenberg dann die nächste böse Überraschung. „Auch dort war der Fahrstuhl kaputt“, berichtet Dirk Hebert. Daraufhin nahm er erneut Kontakt mit Werdohls Feuerwehr-Chef Kai Tebrün auf. Der habe sich zwar sehr bemüht, aber auch nicht so recht helfen können. Ein Zugbegleiter habe ihm dann die Weiterfahrt nach Finnentrop vorgeschlagen, wo die Odyssee auf Schienen ein Ende haben sollte. 

Auch am dritten Bahnhof versagt der Aufzug

Doch auch am mittlerweile dritten Bahnhof versagte der Aufzug seinen Dienst. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, blickt Hebert zurück. Zwar hätte theoretisch die Möglichkeit bestanden, wieder nach Plettenberg zurückzufahren („Der Zug dort hat sogar extra auf mich gewartet.“), aber ohne einen Aufzug war der betreffende Bahnsteig für Hebert unerreichbar. 

Dass sich letztlich doch noch alles irgendwie zum Guten wendete, ist freundlichem Zugpersonal auf dem Finnentroper Bahnhof zu verdanken. Dort wurde eigens für Dirk Hebert eine rund zehnminütige Rangierfahrt durchgeführt, so dass er schließlich doch auf dem Bahnsteig landete, von dem aus er den Rotkreuz-Wagen erreichen konnte, den der Werdohler Feuerwehrchef mittlerweile nach Finnentrop umdirigiert hatte. Mit dem Fahrzeug der Hilfsorganisation erreichte der 52-Jährige schließlich gegen 19.30 Uhr, also mit rund vierstündiger Verspätung, doch noch sein Ziel. 

Bahn-Sprecher: "Wohl einiges schief gelaufen"

„Da ist wohl einiges schief gelaufen, wir können uns dafür nur entschuldigen“, sagte Bahn-Sprecher Dirk Pohlmann. Restlos aufklären könne er die Pannenserie nicht. So habe das bahneigene Meldesystem im fraglichen Zeitraum keine Störung der Aufzüge in Werdohl, Plettenberg und Finnentrop aufgezeichnet. Es könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass die Meldung mit Verzögerung eingegangen sei. Die Bahn habe gerade während der Hitzwelle Ende Juli vermehrt mit Störungen an Bahnhofs-Aufzügen zu kämpfen gehabt.

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