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„Auf beiden Seiten weinen Familien“: Russland-Experte referiert zum Angriffskrieg

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Von: Michael Koll

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Als Experte für die Länder der ehemaligen Sowjetunion sprach Kornelius Schulz zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine.
Als Experte für die Länder der ehemaligen Sowjetunion sprach Kornelius Schulz zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. © Koll, Michael

„Es herrscht eine willkürliche Kriegsführung“, urteilt Kornelius Schulz über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. „Es weiß einfach niemand, wo die nächsten Bomben fallen werden“, sagt der Experte für die Länder der ehemaligen Sowjetunion beim Seniorenkreis im Gemeindehaus der evangelischen Christuskirche vor 26 Anwesenden.

Werdohl – Schulz ist kurzfristig eingesprungen für den erkrankten Eduard Ewert. „Ich bin selbst in Kasachstan geboren und erst vor 44 Jahren nach Deutschland gekommen mit meiner Familie“, erläutert der 60-Jährige. Sieben Geschwister habe er: „Wir waren sechs Brüder und zwei Schwestern zuhause“, sagt er.

Der gelernte Werkzeugmacher lebt seit 1981 in Meinerzhagen, wo er einst auch Vorsteher einer freien evangelischen Gemeinde war. „Doch die Kultur und Sprache meiner Heimat habe ich nicht vergessen“, verrät er.

Schulz arbeitet heute beim Missionswerk Friedensbote in Meinerzhagen. „Vor dem Krieg war ich selbst auch häufig in der Ukraine. Ich bin bei meinem Job auch oft missionarisch tätig, doch würde ich mich eher als humanitären Helfer bezeichnen“, umschreibt der 60-Jährige seine dienstlichen Aufgaben.

Er selbst war zwar seit dem 24. Februar nun nicht mehr in der Ukraine, „doch wir haben von Meinerzhagen aus zwischen 500 und 600 Tonnen Hilfsgüter dorthin gebracht – verteilt auf mehr als 30 Sattelschlepper“. Teils würden diese Hilfsgüter gespendet, zum Teil aber auch eigens für diesen Zweck angekauft, führt er aus.

Schulz betont: „Ich werde mich heute hier nicht politisch äußern, aber die Ukraine ist schon korrupt geworden.“ Der Fahrer der Hilfstransporte sei zwar noch nie um Geld erpresst worden, werde aber doch immer wieder aufgehalten und festgehalten, „so auch im Moment – ich denke aber, dass er bis Ende der Woche weiterfahren kann, oder halt Anfang nächster Woche“.

Hörten dem Referenten gespannt zu: Die Mitglieder des Seniorenkreises, die zu der Veranstaltung im Gemeindehaus der Christuskirche gekommen waren.
Hörten dem Referenten gespannt zu: Die Mitglieder des Seniorenkreises, die zu der Veranstaltung im Gemeindehaus der Christuskirche gekommen waren. © Koll, Michael

Der humanitäre Helfer positionierte sich eindeutig: „Krieg ist nie gut.“ Er schob indes sogleich hinterher: „Aber ich will den Russen keine Schuld geben. Auf beiden Seiten weinen die Familien.“

Kontakt in die Ukraine halte er vom Sauerland aus über einen Mitarbeiter des Missionswerks Friedensbote namens Leonid Tkaschow. Dieser sende ihm auch Bilder der Zerstörungen. Schulz zeigt einige davon, unterstreicht aber, die Bilder von Verletzten und Toten nicht präsentieren zu wollen. „Die Verletzten können nicht mehr richtig behandelt werden, weil alles kaputt ist“, sagt er nur noch. Und dann bricht er die Dia-Schau ganz ab und erklärt: „Ich zeige keine weiteren Fotos, sie sehen alle gleich aus.“

Der gebürtige Kasache führt aus: „Wir bekommen täglich neue Hilfsanfragen aus der Ukraine. Wir müssen uns entscheiden, wem wir helfen wollen und wem nicht.“ Er schildert von Besuchen bei den Menschen, die sich in den U-Bahn-Stationen verschanzt haben: „Mit einer Tasse Kaffee hast Du den Leuten dort den Tag gerettet“, sagt er. Und dann nennt er ein zweites Beispiel: „Du gibst jemandem ein Brot. Der küsst es sofort und fängt dann an zu weinen.“

Den Teilnehmern des Seniorenkreises teilte Pfarrer Martin Buschhaus, der den Nachmittag moderierte, noch mit, dass in der Christuskirche aufgrund eines Krankheitsfalles am Sonntag, 11. September, kein Gottesdienst stattfinden werde.

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