Rätselraten in Altenheimen

Arzt aus dem MK kritisiert die Impfpraxis

Wie neue Bewohner von Senioreneinrichtungen geimpft werden sollen, ist derzeit noch unklar. Der Kreis verweist auf sein Impfzentrum, aber auch Hausärzte könnten eine wichtige Rolle spielen.
+
Wie neue Bewohner von Senioreneinrichtungen geimpft werden sollen, ist derzeit noch unklar. Der Kreis verweist auf sein Impfzentrum, aber auch Hausärzte könnten eine wichtige Rolle spielen.

Die Bewohner und Mitarbeiter von Seniorenwohn- und pflegeheimen waren die ersten, die eine Impfung zum Schutz vor dem Coronavirus erhalten haben. Doch wie geht es in den Einrichtungen weiter, wenn Menschen dort einziehen, die noch nicht geimpft worden sind? Diese Frage beschäftigt auch die Verantwortlichen in den Einrichtungen in Werdohl. Derweil kritisiert ein Arzt die Impfpraxis.

Werdohl ‒ „Wir haben im Moment noch keine Lösung“, gibt Kerstin Medenbach vom Wichernhaus zu und spricht von „Einzelfallentscheidungen“, die in Ansprache mit Dr. Gregor Schmitz, dem Leiter des Lüdenscheider Impfzentrums, getroffen werden müssten. Auch Susanne Thöne vom Haus Versetal antwortet auf die Frage, wie und von wem neu aufzunehmende Bewohner geimpft werden: „Wir haben noch keinen Plan.“

Und Sonia Tabiadon, Leiterin des Seniorenzentrums an der Stadtklinik, zuckt nur mit den Schultern: „Da ist die Regierung gefragt.“ Es gibt also offensichtlich noch keine Vorgabe, wie Senioren gegen Covid-19 geimpft werden sollen, wenn sie vollstationär in ein Pflegeheim aufgenommen werden sollen.

Wohin mit den Ungeimpften?

Dabei haben die Werdohler Einrichtungen bisher noch Glück: Sie standen noch nicht vor der Aufgabe, ungeimpfte neue Bewohner aufnehmen zu müssen. Nur das Märkische Seniorenzentrum hat nach Worten seiner Leiterin eine Seniorrin aufnehmen müssen, die aber immerhin schon die erste Impfung erhalten hat. „Die wird dann demnächst wohl von ihren Angehörigen auch zum zweiten Impftermin nach Lüdenscheid gebracht“, erklärte Tabiadon.

„Bei den Hausärzten wären allem die Hochbetagten über 80 Jahre besser aufgehoben.“

Dr. Hussein Al Shami, Arzt in Werdohl

Eine Impfung von „Nachzüglern“ in den Senioreneinrichtungen dürfte schwierig werden, wie auch Hendrik Klein vermutet. „Wegen einer Impfung kommt der Arzt nicht ins Haus“, glaubt der Pressesprecher des Märkischen Kreises und ergänzt: „Wenn die Bewohner mobil sind, können sie einen Termin im Impfzentrum vereinbaren und dort vorbeikommen. Ansonsten müssen sie warten, bis auch die Hausärzte impfen dürfen.“

KV sucht Impfärzte

Einer dieser Hausärzte ist der Werdohler Dr. Huseein Al Shami. Ihm liegt bereits eine Anfrage der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe vor, ob er demnächst als Impfarzt fungieren möchte. Al Shami möchte, sehr gerne sogar. Ginge es nach ihm, würde die Corona-Schutzimpfung schon lange in den Hausarztpraxen verabreicht. „Bei den Hausärzten wären allem die Hochbetagten über 80 Jahre besser aufgehoben“, ist der Mediziner überzeugt, dass das Modell mit den Impfzentren zumindest für diese Personengruppe keine gute Lösung ist.

Die Wahrheit über den Impfstoff

Er wäre darauf vorbereitet gewesen, seine Patienten in der Praxis zu impfen, berichtet Al Shami. „Schon im Dezember habe ich Listen gemacht mit den Namen meiner Patienten, die älter als 70 und älter als 80 Jahre sind“, erzählt er. Die Listen habe er inzwischen ad acta gelegt. Al Shami weiß nicht, was dagegen gesprochen hätte, dezentral zu impfen. Dass der Impfstoff von Biontech/Pfizer so empfindlich sei und stark gekühlt werden müsse, hält er für einen vorgeschobenen Grund. „Die Wahrheit ist: Es gab zu wenig Impfstoff“, behauptet er. Das hätten die Politiker aber nicht offen zugeben wollen.

Befürchtungen in Seniorenheimen

Nach seinen Erfahrungen sei der angeblich so empfindliche Impfstoff gut gekühlt 72 Stunden halt- und verwendbar, sagt Al Shami. Er könnte sich deshalb vorstellen, Termine für eine Impfung in seiner Praxis zu vergeben und dann den Impfstoff eine Woche im voraus zu bestellen. „Der könnte dann montags angeliefert werden, und ich könnte ihn bis mittwochs verimpfen“, beschreibt der Arzt, wie er sich den Ablauf vorstellt. Seine Ü80-Patienten hätte er auf diese Weise in nur einer Woche impfen können, meint er.

In Wirklichkeit geht nun alles viel langsamer, was man in den Seniorenheimen mit Sorge beobachtet. „Wir müssen damit rechnen, dass wir in vier bis sechs Monaten wieder 20 bis 30 Prozent Ungeimpfte haben“, befürchtet Sonia Tabiadon, dass das Virus in die Einrichtungen zurückkehren könnte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion