„Arsen und Spitzenhäubchen“ begeistert

Jonathan Brewster umarmt seine beiden Tanten Abby (rechts) und Martha. - Foto: Koll

WERDOHL - Die Unvorhersehbarkeiten einer Live-Theateraufführung im Festsaal Riesei sorgten für einen amüsanten Abend und hinterließen ein hervorragend unterhaltenes Publikum. Der Literaturkursus des zwölften Jahrgangs der Albert Einstein-Gesamtschule hatte – unter der Leitung von Andrea Pingel – nach anderthalbjähriger Probenarbeit die Kriminalkomödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ von Josef Kesselring auf die Bühne gebracht.

Von Michael Koll

Dass dabei manche Leiche quicklebendig war und abgehetzt, weil verspätet zu ihrem Einsatz sprintete, machte den Abend zu etwas Besonderem.

Wenn in der Kunst alles glatt läuft, wird es schnell zu perfekt, geradezu steril und somit emotionslos. Gerade die kleinen Fehler sind es, die aus etwas Schönem etwas Einzigartiges machen. Am Donnerstagabend wurde das Spiel der Schauspiel-Laien so ein ums andere Mal auf authentische Art und Weise außergewöhnlich sympathisch.

Unverhüllte Nervosität und damit verbundenes Lachen der Darsteller machten diese Inszenierung des Klassikers zu einem frischen und fröhlichen Abend im Festsaal Riesei. „Komm, Johnny“, wurde etwa einmal laut aus dem Saal gerufen, weil oben auf den Brettern, die für manchen die Welt bedeuten, der Text abhanden gekommen war.

Dann wiederum sackten die Schauspieler entnervt auf dem Tisch zusammen, weil zum Szenenende das Licht nicht erlosch. Die Aufführung bekam dadurch einen ganz eigenen Charme, den das Publikum hör- und sichtbar genoss. Leider waren nur ein Drittel der Stühle im Saal besetzt.

Diejenigen, die nicht gekommen waren, verpassten etwa den äußerst geduldigen Mortimer (bravourös dargestellt von Carolin Gierse), der sich entspannt die Brille zurück auf die Nase schob, während sein Bruder Jonathan und dessen Kompagnon Dr. Herman Einstein die Vorhangschnur nicht bändigen konnten, mit der sie ihren Widersacher fesseln wollten. Während die Schnur zu Boden fiel, Mortimer aber nicht flüchtete, entstand eine Slapstick-Situation, die das Publikum befreit auflachen ließ. Besser hätte das wohl niemals geprobt sein können.

Doch meistens funktionierte alles auf der Bühne, wie es auch vorgesehen war. Vor allen Dingen Kimberly Pawlicki, die die abgedrehte Abby gab, Lukas Rosner als schmierig-unangenehmer Jonathan und die bereits erwähnte Gierse als gelangweilter Theaterkritiker und hyper-nervöser Neffe Mortimer verdienten sich mit einer überzeugenden Leistung Bestnoten.

Eben dieser Mortimer und seine affektierte Verlobte Elaine Harper (Katharina Babucke) hatten herrlich sarkastische Textszenen – etwa wenn Elaine zu ihrem Künftigen sagt: „Mein Vater spricht immer ein kurzes Gebet für mich, bevor wir zwei miteinander ausgehen.“ Höhepunkt ihrer verbalen Scharmützel war eine Szene, in welcher sie ihn fragt: „Bist Du total verrückt?“ Er antwortet: „Das ist nur noch eine Frage der Zeit.“ Und sie gesteht ihm prompt: „Ich werde Dich heiraten, weil ich Dich liebe, Du Spinner.“

Zuvor ging es im Haus von Abby und Martha (schrullig angelegt von Carolin Studte) bereits drunter und drüber. Die Bühne war karg ausgestattet: Rote und weiße Tücher über Stellwände gehängt skizzierten die Wohnzimmer-Wände. In diesem gehen die zwei Tanten einem extravagantes Hobby nach: Sie vergiften Menschen, die sie für einsam halten, und begraben sie dann im Keller. Auf zwölf Leichen haben sie es so schon gebracht.

Ihr Neffe Mortimer entdeckt den Privatfriedhof und fürchtet aufgrund des mörderischen Treibens seiner Tanten den Verstand zu verlieren. Sein Bruder Teddy (Jeffrey Auerbach), der wirklich verrückt ist und sich für den amerikanischen Präsidenten Roosevelt hält, schaufelt die Gräber und glaubt, somit den Panama-Kanal anzulegen. Der dritte der Brüder, Jonathan, von Beruf Profi-Killer, bringt noch eine frische, die 13. Leiche ins Haus der Tanten.

Zwei spießig-kleinbürgerliche Polizisten (gespielt von Lennart Neef sowie Joscha Voß), ein weiterer Beamter, der überdies noch glaubt, ein begabter Schriftsteller zu sein (die Rolle teilten sich Nora Appel und Alice Herfel), ein Pastor (Lydia Claßen und Melike Imre), der windige Schönheitschirurg Dr. Einstein (Yannick Richter), ein verhinderter Untermieter (Jasmin Keiderling), ein Irrenhaus-Leiter (Benedikt Helleckes) sowie ein Polizei-Leutnant (Hannah Kemper) komplettierten das Theater-Ensemble.

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