Medikamente teilweise knapp

Apotheken im Dauerstress

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Kenan Karakas von der Neuen Apotheke in Werdohl kann – wie andere Apotheker auch – nicht mehr alle Medikamente beschaffen. Manche Hersteller haben Lieferengpässe bei bestimmten Medikationen.

Werdohl/Neuenrade/Balve – Keine der sieben Apotheken in Werdohl, Neuenrade und Balve wird momentan von der Möglichkeit Gebrauch machen, wegen der Corona-Krise auch am Sonntag zu öffnen.

Die Apotheker betonen, dass sie für sich und die Mitarbeiterinnen unbedingt einen freien Tag in der Woche brauchen. Die Arbeit sei so anstrengend und fordernd wie nie zuvor. Dazu kommt, dass tatsächlich bestimmte Antibiotika und Herz-Kreislauf-Medikamente knapp werden. 

Olaf Lüdtke hat mit der Fortuna-Apotheke sicher den kleinsten Betrieb in Werdohl, er macht es kurz und bündig: „Ich stehe sowieso jeden Tag hier, dann schaffe ich den Sonntag nicht auch noch.“ Über eine Sonntagsöffnung habe er vor lauter Arbeit noch gar nicht wirklich nachgedacht, erst einmal wolle er die nächsten Tage abwarten. 

Arbeit ohne Ende

Kenan Karakas von der Neuen Apotheke in Werdohl hat die Sache klar: „Wenn wir nicht wenigstens einen Tag frei haben in der Woche, fallen wir bald alle aus den Latschen.“ Im Handverkauf und im Backoffice-Bereich gebe es Arbeit ohne Ende: „Die Lage ist wirklich sehr angespannt momentan.“ So etwas habe er persönlich in den vergangenen Jahrzehnten nicht erlebt, er führe unzählige Telefonate, um Medikamente zu besorgen und um mit Ärzten andere Medikationen zu bereden. Viele Hersteller kämen mit Produktion und Lieferung nicht hinterher, es gebe viele so genannter „Defekte“ bei Medikamenten. Wenn die Bundeskanzlerin davon spreche, dass 60 bis 70 Prozent der Menschen an Corona erkranken würden, stehe das Schlimmste erst noch bevor. 

Oliver Schwarz von der Bahnhofsapotheke in Werdohl wird auch nicht am Sonntag öffnen, es sei denn, er werde dazu gezwungen. Eine Sonntagsöffnung sei seiner Meinung nach momentan nicht nötig: „Außerdem wäre der Sonntag ein Tag mehr, an dem wir uns anstecken können.“ Der Apotheker und seine Mitarbeiterinnen schützen sich mit Plexiglasscheiben, so gut es eben gehe.

Altenheime hamstern größere Mengen 

Dr. Gunther Fay, noch bis Ende des Monats Inhaber der Werdohler Stadt-Apotheke, ist auch Sprecher der hiesigen Apothekerschaft. Sonntag werde er in keiner seiner Apotheken öffnen: „Uns fehlt ohnehin überall Personal, und unsere Mitarbeiterinnen brauchen dringend einen freien Tag Ruhe.“ Die Arbeitssituation sei außerordentlich. Die Apotheke beliefere auch Altenheime, die teilweise größere Mengen hamstern würden. Rezepte gingen gerade „paketeweise“ durch die Apotheke. Tatsächlich habe er ein paar Tage lang einen Lieferengpass bei dem beliebten und rezeptfreien Schmerzmittel Paracetamol gehabt. Bei bestimmten Antibiotika und manchen Herz-Kreislauf-Mitteln herrsche Mangel. „Antibiotika ist stark begrenzt“, sagt Dr. Fay. Ständig müsse mit Ärzten Rücksprache gehalten werden, weil bestimmte Dosierungen und bestimmte Produkte nicht mehr verfügbar seien, dann müsse mit dem Behandler eine Alternative abgesprochen werden. All das koste viel Zeit und viel Kraft. 

Dr. Fay hat sich Gedanken gemacht über die Herstellung und den Vertrieb von Medikamenten. Krankenkassen verhandeln schon lange mit den Herstellern über die Produktion bestimmter Wirkstoffe, um Kosten zu optimieren. Der Markt funktioniere so, dass manche Wirkstoffe nur noch von einem Hersteller kommen, der vielleicht in Indien produziert. Dr. Fay gibt ein Beispiel: Wenn der Arbeiterin in Indien die Schutzmaske in die Sortiermaschine für Produkte von Rathiopharm falle, sei eine riesige Charge nicht mehr zu gebrauchen. In Zeiten von monopolisiert hergestellten Medikamenten könne so etwas die komplette Lieferkette bis Deutschland unterbrechen. 

Engpässe über lange Zeit?

Apotheker Fay hat sich noch mehr Gedanken gemacht: Er befürchte, dass bestimmte Medikamente zwei Jahre lang Lieferengpässe bekommen würden. Problematisch sei eben, dass manche Wirkstoffe nur von einzelnen Herstellern produziert würden. Die Krankenkassen steuerten diese Entwicklung. Von daher sei das System anfällig, wenn durch Ereignisse wie die Corona-Krise möglicherweise Lieferketten unterbrochen würden. 

Dr. Fay will aber auch nicht dramatisieren und Panik verbreiten: „Im Augenblick kriegen wir noch alles hin, es fehlen zwar viele Medikamente, aber es geht irgendwie noch.“ Die Situation verschlimmere sich allerdings von Tag zu Tag, und außerdem meint er: „Corona wird uns noch sehr lange erhalten bleiben.“ 

"Wir arbeiten am Limit"

„Wir hatten ja bereits vor der Corona-Krise Schwierigkeiten mit der Lieferzeit bestimmter Medikamente“, sagt Apotheker Christian Bathe, Inhaber der Apotheke am Drostenplatz in Balve. Allerdings könne man momentan insgesamt noch von einer guten Versorgung ausgehen. An diesem Sonntag hat Apotheker Christian Bathe ohnehin Notdienst. Momentan sei es grundsätzlich aber nicht angedacht, die Apotheke Am Drostenplatz in Balve sonntags zu öffnen. „Das könnten wir personell auch kaum stemmen, wir arbeiten am Limit“, erklärt Bathe. Sollte die Situation aber eine Ausweitung der Öffnungszeiten erfordern, werde er gemeinsam mit seinem Team eine Lösung finden und reagieren. „Allerdings gehe ich davon aus, dass die Apothekenkammer in diesem Fall die Notdienstbereitschaft hochfährt“, vermutet der Balver. 

Apotheker Dr. Sven Simons sagte für die Gertruden-Apotheke in Neuenrade, dass er augenblicklich noch keine Veranlassung für eine zusätzliche Sonntagsöffnungsehe; ausschließen möchte er das für die kommenden Wochen aber nicht: „Wir denken darüber nach – und sind zu allem bereit, um unseren Beitrag in dieser Situation zu leisten.“ Auch Dr. Simons weiß um die Probleme, die sich durch Lieferengpässe ergeben. Deshalb rät er vor allem chronisch Kranken, die auf bestimmte Medikamente angewiesen sind, sich diese nicht auf den letzten Drücker in der Apotheke zu besorgen.

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