Anwerbeabkommen an Erich-Kästner-Schule Thema

+
Katja Fall von der Koordinierungsstelle Integration des Märkischen Kreises, Cigdem Woska als Zeitzeugin und Gülcan Kiraz, Sozialpädagogische Integrationskraft der Erich-Kästner-Schule (von links) gestalteten die Gesprächsrunde in der Schule.

WERDOHL ▪ „Typisch Ausländer, die frieren immer.“ - Diesen Satz bekam das kleine siebenjährige Mädchen Cisgem zu hören, als es beim Schlitten fahren seine Handschuhe im Schnee verloren hatte und fror. Das war aber auch nur einer der seltenen Momente, in denen sie darüber nachdachte, vielleicht „anders“ sein zu können, erzählte gestern – mehr als vierzig Jahre später – die erwachsene Cigdem Woska. „Ich war immer mittendrin, ich habe mich nie als Ausländerin gefühlt“, betonte die 48-Jährige bei ihrem Besuch in der Erich-Kästner-Schule. Der 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei wurde hier in dieser Woche thematisiert.

Der Film „Almanya - Willkommen in Deutschland“ stimmte die Schülerinnen und Schüler des siebten und achten Jahrgangs auf das Eintreffen der Gastarbeiter in der Bundesrepublik ein. Sie habe festgestellt, dass in der Bevölkerung eigentlich recht wenig bekannt sei, wie es war, als nach dem Anwerbeabkommen, die ersten türkischen Arbeiter nach Deutschland kamen, berichtete Katja Fall, die bei der Koordinierungsstelle Integration des Märkischen Kreises arbeitet und gestern in der Hauptschule über den geschichtlichen Hintergrund des Anwerbeabkommens berichtete, darüber wie für die meisten Türken aus den zunächst geplanten zwei Jahren Jahrzehnte wurden und aus den Gastarbeitern Einwanderer, die ihre Familien ebenfalls nach Deutschland holten. „Wir sprechen hier über Menschen, die Ängste und Sorgen, Hoffnungen und Träume hatten“, betonte sie.

Dokumentiert wurde ihr Vortrag auch mit einer Fotoausstellung der Ditib-Gemeinde aus Balve, die ab Januar auch im Lüdenscheider Kreishaus zu sehen sein wird.

„Viele hatten immer den Traum, in die Heimat zurück zu kehren, doch die meisten gewöhnten sich hier ein“, so Katja Fall.

Dass es Unterschiede gibt, zwischen Deutsch- und Türkischsein, haben die Lüdenscheiderin Cigdem Woska und Gülcan Kiraz, Sozialpädagogische Integrationskraft der Schule, während ihrer Kindheit nicht gespürt. Cigdem Woska ist Türkin der zweiten Generation, sie war noch kein Jahr alt, als sie nach Deutschland kam. „Damals gab es noch nicht so viele türkische Kinder in Lüdenscheid-Brügge und für mich gab es auch keinen Unterschied“, betonte sie gestern. Auch sie zeigte den Siebt- und Achtklässlern alte Fotos, darunter eins vom Sonntagsspaziergang der Familie an einer Talsperre. „Das könnte auch eine deutsche Familie sein.“ Ein Unterschied zwischen deutschen und türkischen Kindern sei ihr erst bewusst geworden, als die Freundinnen zum Konfirmationsunterricht gingen. Inneren Frieden habe sie in der Theorie von Charles Darwin gefunden, die besagt, dass alle an Gott glauben, ihn aber jeder anders nennt.

Eine Sichtweise, die Gülcan Kiraz nur bestätigte: „Wir haben viele Gemeinsamkeiten als Menschen, ob mit Kopftuch oder nicht.“

Dass auch die Schüler Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Türken und Deutschen beschäftigt, zeigte sich in den Themen, die in der Abschlussrunde angesprochen wurden. Die Frage, was besonders schön ist in Deutschland, fiel hier, auch das Gefühl, ausgestoßen zu sein war ein Thema, ebenso wie Freundschaft. Auch die Jugendlichen bestätigten, dass Freunde nach dem Charakter und nicht nach der Nationalität ausgesucht werden sollten. ▪ sim

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare