Abriss steht bevor

Altes Hallenbad in Werdohl: So sieht es nach der Stilllegung aus

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Es hat schon was von einer Kathedrale, das verlassene Hallenbad auf dem Riesei. Nach dem letzten Betrieb im Frühjahr vergangenen Jahres wurden alle Anlagen heruntergefahren und das Wasser aus dem Becken gelassen. Konkrete Ideen für eine Nachnutzung gibt es nicht, wahrscheinlich wird der Komplex abgerissen und eingeebnet.

Werdohl - Seit dem letzten Badetag am 22. Mai 2019 ist das wegen seiner Architektur als „Wasserkirche“ bekannte Hallenbad auf dem Riesei ein verlorener Ort geworden.

Abgeplatzter Beton am Fundament, Badezimmer-Charme aus den 1970er-Jahren, Knöpfe und Schalter wie bei Mondlandungsfilmen. Die einst so stolze „Wasserkirche“ ist entweiht. 

Es läuft mit großer Wahrscheinlichkeit auf einen Abriss hinaus, einen Rückbau, damit es nicht ganz so dramatisch klingt. Das Hallenbad-Gebäude auf dem Riesei wird in zwei Monaten 50 Jahre alt, es findet sich niemand, der damit etwas anzufangen wüsste. Es habe zwar einen gastronomischen Interessenten gegeben, berichtet Bäder-Chef Frank Schlutow, doch von dem habe man nichts mehr gehört. 

Keine Ideen zur Nachnutzung

„Konkrete Ideen zur Nachnutzung habe ich nicht“, gibt Schlutow auch ganz offen zu. In der Pflicht sieht er sich nicht in erster Linie, weil letztlich die Aufsichtsrat über die Zukunft der Immobilie entscheiden müsse. Und da der Bäder-Betrieb eine 100-prozentige Tochter der Stadt ist, müsse auch dort über das Gebäude und das 14 000 Quadratmeter große Grundstück nachgedacht werden. Das passiert auch schon, das Grundstück am Riesei gegenüber den Sportplätzen könnte dem Neubau des Feuerwehrgerätehauses für die Löschgruppe Brüninghaus dienen. Entweder hier oder auf einem städtischen Grundstück am Fuße der Königsburg könnte der Neubau stehen. Verwaltung und Politik werden das unter Berücksichtigung der Brandschutzbedarfsplanung entscheiden. 

Der studierte Schiffsbetriebstechniker und Bäder-Chef Frank Schlutow steht hier nicht zu Filmaufnahmen für die Retro-Serie „Das Boot“ bereit, sondern im Maschinenraum des alten Hallenbads auf dem Riesei.

So oder so wird das alte Hallenbad nicht mehr gebraucht. Schlutow schätzt die Abrisskosten auf 150 000 bis 200 000 Euro. Ein Abriss sei in jedem Fall wirtschaftlich günstiger als ein Unterhalt der Immobilie für die nächsten zehn Jahre. Die Anlage obliegt der Verkehrssicherungspflicht, wird frostfrei gehalten, die Außenanlagen müssen etwas gepflegt werden und Versicherungen kosten auch Geld. 

Bald wird alles weggeworfen

Fürs Erste soll in den nächsten Wochen aufgeräumt werden. Alle beweglichen Einrichtungsgegenstände würden gesichtet und entsorgt, so Schlutow. Was im neuen Hallenbad in Ütterlingsen noch gebraucht werden konnte, ist schon längst umgezogen. 

Von dem herumliegenden Krempel auf dem Riesei ist nichts mehr von Wert oder Bedeutung. Das meiste ist ohnehin defekt oder total veraltet. Der letzte Öffnungstag des Hallenbades ist auf der Tafel im Eingangsbereich angeschrieben: Am 22. Mai 2019 waren Wasser und Luft 29 Grad warm. Schlutow schnappt sich ein Stück Kreide und schreibt „letzter Badetag am Riesei“ dazu. Wir machen ein Erinnerungsfoto. Im verlassenen Bad scheint der Charme der 70er-Jahre auf. Die gestalterischen Ideen des meist weiblichen Personals an den Wänden wirken niedlich und putzig, aber sicher nicht modern. Alles hier ist irgendwie „Retro“ oder „Vintage“, man kann aber auch einfach sagen: von gestern. 

Bausubstanz grundsätzlich gut

Zwar sei die Bausubstanz grundsätzlich gut, sagt Schlutow, dennoch habe er mit 3,5 bis 4 Millionen Euro Sanierungsbedarf gerechnet. Das neue Hallenbad hat 5 Millionen gekostet, unter anderem finanziert durch den steuerlichen Querverbund. Dafür hat der Bäderbetrieb ein Bad auf modernstem Stand der Technik. Ein Gang durch die Katakomben auf dem Riesei zeigt, dass der Neubau die richtige Entscheidung war: Rohre, Drehräder und Maschinenteile erinnern eher an eine historische U-Boot-Verfilmung als an ein öffentliches Hallenbad. Überall platzt Beton von der Bewehrung ab, Rost und Undichtigkeiten sind gut zu erkennen. Eine Lüftungsanlage ist vollkommen hinüber, man hätte das Bad auch nicht mehr übergangsweise in Betrieb nehmen können, sagt Schlutow. 

Stillleben im Hallenbad: Bald wird am Riesei aufgeräumt und sämtliches Inventar herausgenommen. Vermutlich wird alles weggeworfen.

Der Bäder-Chef weist auch darauf hin, welche Verbesserungen das neue Bad für das Personal mit sich gebracht hat. Eigentlich unhaltbar war die so genannte Personalumkleide auf dem Riesei. Weil es dafür keinen eigenen Raum gab, zogen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nacheinander hinter einer Art Duschvorhang im Keller um. Die Spinde waren aufgebockt, damit sie nicht von unten vermoderten, direkt daneben verliefen Heizungsrohre und Lüftungskanäle. Auch das Kassenhäuschen mit gerade mal einem Meter Breite war schnell auf 40 Grad erhitzt und eine Zumutung. 

Erinnerung an Mondlandung

Die Schwimmmeister-Station erinnert mehr an die Mondlandung oder das abgeschaltetes Kohlekraftwerk Elverlingsen als an die zeitgemäße, also voll digitale Steuerung wie in Ütterlingsen.

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