Serie Werdühl

1400 Gäste bei der Hochzeit

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Eine riesige türkische Hochzeit haben Tülin und Ahmet Tasdemir gefeiert. Zur Feier kamen 1400 Gäste in die Lüdenscheider Schützenhalle.

Werdohl - Am 1. April 2018 haben die 25-jährige Altenpflegerin Tülin Arici und der 32-jährige Immobilienkaufmann Ahmet Tasdemir geheiratet. Zu ihrer Hochzeitsfeier wurden 500 Einladungen ausgesprochen, 1400 Gäste kamen, darunter etwa 50 Deutsche. Hochzeit und Wohnungseinrichtung haben eine fünfstellige Summe gekostet. „Bei uns Türken ist so eine Hochzeit ganz normal“, lacht Ehemann Ahmet. Und seine Frau Tülin ist immer noch auf Wolke sieben: „Das war ein fantastischer Tag, es war so mega, das würde ich noch einmal ganz genau so machen.“

Die beiden sitzen auf dem Sofa ihrer tiptop eingerichteten Doppelhaushälfte in Neuenrade und schwärmen immer noch von ihrer Hochzeit. Im Wohnzimmer liegen die Fotobücher griffbereit. Die beiden sympathischen und sehr gut aussehenden jungen Leute erzählen, wie wichtig das traditionell türkisch geprägte Familienleben für sie ist. „In unsere Whatsapp-Familiengruppe schreiben meine Neffen und Nichten, welche Noten sie in der letzten Mathearbeit hatten“, erzählt Ahmet. „So ist man in Kontakt, jeder weiß über jeden Bescheid.“

Dabei hatten sich die heutigen Eheleute erst einmal dagegen gewehrt, von ihren Familien miteinander verkuppelt zu werden. Tülin lebte in Duisburg und arbeitete als examinierte Krankenschwester. Ahmet arbeitet als Teamleiter der Mieterbetreuung bei der Wohnungsgesellschaft Werdohl. Ahmet lacht wieder: „Wir wollten moderner sein, wir wollten uns nicht verkuppeln lassen.“ Auch Tülin wollte nichts von Ahmet aus Neuenrade wissen: „Verwandte und Bekannte haben ständig auf mich eingeredet, aber ich habe mich geweigert.“

Irgendwie hatte Tülin aber doch den Weg ins Herz von Ahmet gefunden. „Ich hatte Bilder von ihr, und da habe ich selbst die Initiative ergriffen.“ Für seine ersten Annäherungsversuche bekam er einen Korb von Tülin verpasst. „Das machte sie aber für mich erst recht interessant“, verstärkte Ahmet die Bemühungen, seine Angebetete herum zu kriegen.

Tülin und Ahmet Tasdemir haben zu ihrer Hochzeit im April eine Doppelhaushälfte in Neuenrade gekauft. Von ihrer Hochzeitsfeier sind sie immer noch total begeistert. In ihrem Wohnzimmer liegen die Alben mit den großformatigen Fotos griffbereit.

„Sie hat es mir wirklich nicht leicht gemacht, ich musste kämpfen.“ Ahmet ließ all seinen Charme spielen und schaffte es, Tülin zu einem ersten Treffen im Januar 2017 in Duisburg zu überreden.

Es kam, wie es kommen musste in dieser wunderbaren Liebesgeschichte. „Irgendwann fand ich ihn auch interessant“, schmolz Tülins Widerstand dahin, nach ein paar Monaten trafen sie sich wieder, im Frühjahr wurden sie ein Paar. „Im Mai habe ich ihr den Heiratsantrag gemacht“, freut sich Ahmet über seinen Erfolg.

Dann kamen die Familien wieder ins Spiel. Die gegenseitige Vorstellung der Familien Tasdemir aus Neuenrade und Arici aus Duisburg ging im Mai 2017 über die Bühne. Die Verlobungs-Ringe wurden im Juli getauscht, die eigentliche Verlobung mit 250 Gästen gefeiert. Beide wohnten immer noch Zuhause bei ihren Familien. Das ist in der türkischen Gesellschaft so üblich.

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Für den ältesten Sohn der Familie war es selbstverständlich, dass die Hochzeit ein paar Nummern größer ausfallen würde. Und auch für die Brautfamilie war klar, dass tief in die Tasche zu greifen war. Beide Familien hatten für diesen Fall gespart, auch Ahmet Tasdemir hatte schon lange in Bausparverträge eingezahlt.

Tülin stimmt ihrem Mann zu: „Wir haben immer viel gearbeitet und gespart, weil wir wussten, wofür wir das Geld einmal brauchen werden.“

So langsam wurde die eigentliche Hochzeitsfeier in Angriff genommen, das Datum auf den 1. April 2018 festgelegt. Am 20. Januar heirateten die Beiden standesamtlich in der Villa am Wall in Neuenrade. Der Henna-Abend, so eine Art Junggesellinnen-Abschied, stand für Tülin Ende März an.

Die eigentliche Hochzeit fand im April in der großen Schützenhalle in Lüdenscheid statt – wie schon gesagt, mit 1400 Gästen.

„Die deutsche Kultur hatte großen Einfluss auf mich."

Tags darauf wurde die erste Nacht in der durchrenovierten Doppelhaushälfte verbracht. Wenn ein junges türkischstämmiges Paar nach der Hochzeit in die eigenen vier Wände einziehe, müsse möglichst alles neu sein. Ahmet erinnert sich: „Die deutsche Kultur hatte großen Einfluss auf mich, ich war total pingelig beim Renovieren, ich habe auf jede Fuge geachtet.“

Das Familienleben ist beiden nach wie vor extrem wichtig. Es vergehe kaum ein Wochenende ohne Verwandtenbesuch. „Wir lieben Gäste“, freut sich Tülin, in ihrem Haus Menschen zu empfangen. Der größte Teil des sozialen Lebens spiele sich in der Familie ab. Für beide ist das völlig klar: „Wir wissen, dass wir auf unsere Familien zählen können, die sind immer bei uns, die unterstützen uns immer.“ Ohne Familien zu sein oder sich von den Familien zu distanzieren, können sich die beiden nicht vorstellen. Ahmet kennt die Individualisierung deutscher Familien, das sei bei den meisten Türken einfach anders. Ahmet hat vier jüngere Geschwister, Tülin hat zwei Geschwister. Tülin empfindet das genau so. Die Familien seien behütend und beschützend: „Wir fühlen uns sicher.“ Die Familien würden häufiger besucht als die Freunde.

Noch ist Ahmet türkischer Staatsbürger, möchte aber in diesem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Ahmet ist im Werdohler Krankenhaus geboren und lebt seitdem in Neuenrade. Seine Herkunft gibt er mit Gaziantep an, eine Stadt nahe der Grenze zu Syrien. In Gaziantep sind seine Eltern geboren.

"So schnell hätte ich kein Visum bekommen."

Tülin ist wie Ahmet in Deutschland geboren, hat aber von Geburt an einen deutschen Pass. Probleme mit der türkischen Staatsbürgerschaft hatte Ahmet erst kurz nach seiner Hochzeit. „Eigentlich wollten wir nach Mexiko oder Dubai in die Flitterwochen, aber wir waren recht spät dran und ich hätte so schnell kein Visum bekommen“, erinnert sich Ahmet: „Es war schwierig im Reisebüro. Am Ende waren wir in der Türkei, in Antalya.“

Tasdemir arbeitet als Wohnungsvermittler bei der Woge. „Ich erlebe das fast tagtäglich auch bei unseren türkischen Kunden.“ Meist käme zuerst der zukünftige Ehemann und nenne das Hochzeitsdatum mit einem Vorlauf von gut einem Jahr. Dann werde auf dieses Datum fixiert eine Wohnung gesucht. Alles drehe sich um die Hochzeit und die Familie, danach beginne das Leben des Paares neu.

Die Eltern von Ahmet Tasdemir kamen vor 37 Jahren nach Neuenrade. Weil zum Zeitpunkt seiner Geburt weder Vater noch Mutter acht Jahre in Deutschland gelebt hatten, bekam Ahmet die türkische Staatsbürgerschaft. Nach Kindergarten und Grundschule in Neuenrade besuchte Ahmet Tasdemir die Gesamtschule in Werdohl. Als Schüler habe er immer gearbeitet, häufig in den Dönerbuden der Verwandtschaft in Altena, Lüdenscheid und Werdohl. Das Abitur legte er 2006 in Werdohl ab, damals war noch Heinz Rohe Schulleiter. Wie er an seinen Ausbildungsplatz bei der Woge gekommen war, weiß er noch ganz genau. Er sei vom Schulleiter mitten aus dem Unterricht gerufen worden: „Ahmet, komm mal raus.“ Er habe sich erschrocken, weil er sich keiner Schuld bewusst war. Rohe habe ihn sozusagen angewiesen, sich bei der Woge vorzustellen. Rohe sagte ihm, dass die Woge einen türkischsprachigen Immobilienkaufmann ausbilden wollte. „Ich habe das einfach gemacht, auch aus Respekt vor dem Älteren,“ erzählt Tasdemir heute.

"Ich habe das bis heute nicht bereut."

Nach dem Vorstellungsgespräch beim Woge-Geschäftsführer Ingo Wöste habe man ihn noch eine ganze Weile zappeln lassen. Dann hatte er die Stelle: „Ich habe das bis heute nicht bereut, diesen Weg bei der Woge gegangen zu sein, ich bin durch die Ausbildung und meine Arbeit dort sehr viel reifer geworden.“

Schon früh habe er sich für die Organisation von Veranstaltungen interessiert. Abisturm und Abiball waren 2006 zu WM-Zeiten sein erster Erfolg. An seine Schulzeit in Werdohl hat er nur gute Erinnerungen: Mit vier deutschen und zwei türkischen Schülern seien sie täglich von Neuenrade mit dem Bus zur Schule gefahren.

Deutsch-türkische Freundschaften und Beziehungen seien da entstanden. Während die Christen in der AEG Religionsunterricht bekamen, saßen die türkischen Schüler zwei Stunden die Woche im Türkisch-Unterricht. Das sei reiner Sprachunterricht gewesen, als in Deutschland geborener Türke habe er dort seinen türkischen Wortschatz erweitert und seine Grammatik verbessert.

Heute nütze ihm diese gute türkische Sprachkenntnis in seinem Beruf, wenn er für die manchmal kaum Deutsch sprechenden Mieter übersetzen müsse.

"Bei Politik enthalte ich mich."

Als Mietbetreuer und Teamleiter bei der Woge ist er auch für Ütterlingsen zuständig, wo sehr viele türkische Familien wohnen. Bei der Zusammensetzung der Mieterschaft in einem Woge-Mehrfamilienhaus ist er hart: „Wenn in einem Haus schon zwei türkische Familien wohnen, setze ich da nicht noch eine dritte Familie rein.“ Türkische Familien seien immer größer als deutsche Familien, sie seien häufig lauter und würden es mit der Flurwoche nicht immer so ganz genau nehmen.

Einige Woge-Häuser seien von seinem Vorgänger komplett türkisch belegt worden, das sei ungünstig. Wo schon viele Türken wohnten, wollten deutsche Mieter nicht unbedingt einziehen.

Beide Tasdemirs haben in der Steuerkarte „Islam“ als Religionszugehörigkeit eingetragen. Ahmet Tasdemir ist Mitglied in der Werdohler Ditib-Gemeinde und zahlt dort seinen Monatsbeitrag. Tülan hat noch nie ein Kopftuch getragen, beide bezeichnen sich nicht als strenggläubig. Keiner von ihnen bete fünf Mal am Tag, wie es eigentlich vorgeschrieben sei.

Über Politik spreche er weder privat noch im Beruf, so Ahmet Tasdemir: „Ich enthalte mich.“ Auch innerhalb seiner Familie werde das Thema prinzipiell vermieden. Politische Ansichten in und über die Türkei seien seiner Meinung viel zu stark mit Ideologien verknüpft. In manchen Großfamilien habe Politik schon zu Trennungen und Zerwürfnissen geführt. „Meiner Meinung nach ist die Türkei selber wegen der Politik gespalten“, so Tasdemir. Erdogans Wölfe und die von Atatürk gegründete demokratische Partei ständen im offenen Widerspruch zueinander.

Stiftung für Türkeistudien und Integrationsforschung: 90 Prozent der Deutsch-Türken fühlen sich wohl

Türkeistämmige in Deutschland sind Menschen, die selbst Staatsbürger der Türkei sind oder waren oder auf deren Vorfahren dies zutraf, und die oder deren Vorfahren ab 1960 aus der Türkei im Gefolge der Gastarbeitermigration in die Bundesrepublik Deutschland aus den verschiedensten Gründen eingewandert sind.

In offiziellen Statistiken ist der Begriff „Türken in Deutschland“ die Bezeichnung für Staatsbürger der Türkei, die in Deutschland leben. Darüber hinaus gibt es den mehrdeutigen Begriff „Deutsch-Türken“. Etwa drei Millionen Personen in Deutschland mit Migrationshintergrund haben ihre familiären oder religiösen Wurzeln in der Türkei, von denen ungefähr die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

Laut der im Jahr 2016 veröffentlichten Studie des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster fühlen sich 90 Prozent der befragten Türkeistämmigen in Deutschland wohl, 87 Prozent weisen eine sehr enge bis enge Verbundenheit mit Deutschland, 85 Prozent eine sehr enge bis enge Verbundenheit mit der Türkei auf.

Der Wille zur Integration („Ich möchte mich unbedingt und ohne Abstriche in die deutsche Gesellschaft integrieren.“) sei bei 70 Prozent der Befragten vorhanden.

51 Prozent der Befragten fühlen sich als „Bürger zweiter Klasse“, nur 24 Prozent als „Angehörige einer Bevölkerungsgruppe“, die in Deutschland diskriminiert würde.

In einer 2017 durchgeführten Mehrthemenbefragung unter Türkeistämmigen in Deutschland stellte die Stiftung für Türkeistudien und Integrationsforschung einen mindestens seit 2012 bestehenden Trend zu einer wachsenden Türkeiorientierung fest, insbesondere bei den Nachfolgegenerationen.

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