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Altenheim-Betreiber schlägt Alarm: „Sektorale Impfpflicht reicht nicht“

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Von: Volker Heyn

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Zuerst in den Altenheimen wurde Anfang des Jahres 2021 mit den Corona-Impfungen begonnen. Die medizinische Fachangestellte Sandra Nöbel impfte am 12. Januar im Seniorenzentrum Werdohl den Pflegeassistenten Michel Reuse gegen Covid-19. Ab März 2022 gilt für alle Beschäftigten in der Pflege eine Impfpflicht. Das sei aber nicht genug, meint Matthias Germer, Geschäftsführer der Märkischen Seniorenzentren.
Zuerst in den Altenheimen wurde Anfang des Jahres 2021 mit den Corona-Impfungen begonnen. Die medizinische Fachangestellte Sandra Nöbel impfte am 12. Januar im Seniorenzentrum Werdohl den Pflegeassistenten Michel Reuse gegen Covid-19. Ab März 2022 gilt für alle Beschäftigten in der Pflege eine Impfpflicht. Das sei aber nicht genug, meint Matthias Germer, Geschäftsführer der Märkischen Seniorenzentren. © Griese, Volker

Seit Beginn der Pandemie im März 2020 galten die Menschen in Altenhilfeeinrichtungen und Seniorenzentren als besonders gefährdet, lebensbedrohlich an Covid-19 zu erkranken.

Erst die Bewohner und kurz darauf auch die Beschäftigten in den Altenheimen gehörten zu den allerersten Personengruppen, die geimpft wurden. Im Januar 2021 wurde auch das Personal im Seniorenzentrum Werdohl an der Schulstraße geimpft. Jetzt wird die Impfpflicht für Beschäftigte in der Pflege aller Voraussicht nach am 15. März 2022 in Kraft treten, zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie. Fragen zum Thema Impfpflicht und die möglichen Auswirkungen auf die Beschäftigten in der Pflege beantwortete Matthias Germer, Geschäftsführer der Märkischen Seniorenzentren GmbH.

Herr Germer, wie sehen Sie die bevorstehenden Impfpflicht für Ihre Häuser, in diesem Fall das Seniorenzentrum Werdohl?

Als Pflegeeinrichtung tragen wir eine besondere Verantwortung, um unsere Bewohner sowie unsere Mitarbeitenden vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Mittel- und langfristig ist eine hohe Impfquote die Voraussetzung für die Rückkehr zu einem halbwegs normalen Leben für alle und vor allem für den Schutz der vulnerablen Menschen, die wir versorgen. Wir befürworten die Impfung, klären auf und appellieren seit circa einem Jahr immer wieder an alle Beschäftigten, sich impfen zu lassen. Aus Sicht einer Pflegeeinrichtung und mit Blick auf die Zukunft mit einer zu erwartenden fünften Welle ist eine Corona-Impfpflicht ein wichtiger Schritt. Allerdings sehe ich eine isolierte sektorale Impfpflicht nur für die Beschäftigten im Gesundheitswesen, wie sie jetzt beschlossen wurde, kritisch und nicht als ausreichend an. Nach meiner Auffassung und auch nach Auffassung des Bundesverbandes der Kommunalen Senioren- und Behinderteneinrichtungen BKSB, ist eine isolierte Impfpflicht nur für die Beschäftigten im Gesundheitswesen nicht sachgerecht. Natürlich tragen die Beschäftigten Verantwortung, aber die Überlastung des Gesundheitswesens würde wesentlich wirksamer bekämpft, wenn es eine allgemeine Impfpflicht gibt. Es ist einer Pflegekraft nur schwer zu vermitteln, dass sie sich qua Gesetz impfen lassen muss, während der zu betreuende Bewohner, um dessen Schutz es eigentlich geht, die Impfung weiter ablehnen darf. Wir haben nämlich leider auch unter den Bewohnern und Bewohnerinnen unserer Pflegeeinrichtungen Menschen, die eine Impfung ablehnen. Außerdem besteht auch weiter ein Gefährdungspotenzial durch ungeimpfte Besucher und Angehörige, selbst wenn alle Mitarbeiter geimpft wären. Aus den offiziellen Zahlen des RKI lässt sich entnehmen, dass bei den Infektionen, die nachweislich einem Ausbruchsort zuzuordnen sind, Pflegeeinrichtungen – anders als noch vor einem Jahr – nur eine untergeordnete Rolle spielen. Fast die Hälfte dieser Infektionen ist dem privaten häuslichen Umfeld zuzuordnen. Das Hauptproblem für unsere Krankenhäuser sind also nicht die ungeimpften Beschäftigten in Pflegeeinrichtungen, sondern die vielen ungeimpften Menschen insbesondere der Altersgruppe 60+, die schwer an Corona erkranken. Wünschenswert und viel effizienter für die Pandemiebekämpfung wäre daher eine allgemeine Impfpflicht, auch um Abwanderungen von impfskeptischen Beschäftigten in andere Branchen zu verhindern.

Wie viel Prozent Ungeimpfte gibt es im Seniorenzentrum Werdohl, beziehungsweise wie viele Personen sind das?

Im Seniorenzentrum Werdohl sind erfreulicherweise 90 Prozent der Beschäftigten geimpft, das heißt 10 Prozent sind ungeimpft, dabei geht es um fünf Personen.

Welcher Extra-Aufwand wird derzeit getrieben, um die Ungeimpften testen zu lassen? Wie lange wird das noch den Ungeimpften angeboten?

Noch nicht immunisierte Mitarbeiter müssen arbeitstäglich vor Arbeitsbeginn einen Antigen-Schnellest vorlegen, der nicht älter als 24 Stunden alt ist. Bereits geimpfte oder genesene Mitarbeitende müssen zwei Mal pro Woche ein negatives Testergebnis vorlegen. Wir bieten diese Tests selbst an und planen, dies auch weiterhin zu tun. Wir beschäftigen im Seniorenzentrum Werdohl eine Kraft, die ausschließlich für Tests eingestellt wurde.

Rechnen Sie mit Kündigungen? Wie könnten diese Lücken im Personal aufgefangen werden?

Wir hoffen natürlich, dass es nicht zu Kündigungen kommt. Aus dem Seniorenzentrum Werdohl gibt es aktuell keine Tendenzen in diese Richtung. Aus anderen Gesundheitseinrichtungen weiß ich aber, dass es Beschäftigte gibt, die angekündigt haben, zu kündigen, wenn eine Impfpflicht kommt. Es sind wenige Fälle, aber jeder Verlust wäre schmerzhaft. Wie überall im Gesundheitswesen, sind auch wir vom Fachkräftemangel in der Pflege betroffen und fangen diesen vor allem über teure Leiharbeitnehmer auf, was wieder andere Probleme auslöst. Als ultima ratio könnten auch Begrenzungen der Aufnahmekapazität drohen, wenn kein zeitnaher Personalersatz möglich ist.

Geschäftsführer Matthias Germer und Pflegedienstleiterin Sonia Tabiadon bei einer Auszeichnung, die das Seniorenzentrum Werdohl 2018 erhielt.
Geschäftsführer Matthias Germer und Pflegedienstleiterin Sonia Tabiadon bei einer Auszeichnung, die das Seniorenzentrum Werdohl 2018 erhielt. © Volker Griese

Können Sie die betriebswirtschaftlichen Kosten benennen, die durch die Beschäftigung Ungeimpfter entstehen?

Nein, aktuell bekommen wir die Kosten für die Mitarbeitertests erstattet.

Wäre es nicht auch sinnvoll, alle Beschäftigten im Gesundheitswesen – also auch Angestellte in der Verwaltung – in die Impfpflicht mit einzubeziehen?

Ja unbedingt. Das neue Infektionsschutzgesetz sieht vor, dass alle in einer Gesundheits- oder Pflegeeinrichtung tätigen (auch Verwaltung, Küchenpersonal, Reinigungskräfte) der Impfpflicht unterliegen und ab dem 15. März 2022 von einem Tätigkeitsverbot bedroht sind, wenn sie nicht geimpft oder genesen sind und auch keine medizinischen Gründe entgegenstehen.

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