Alfred Hinsching ist der Hüter des Ahe-Hammers

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Alfred Hinsching und der Ahe-Hammer gehören untrennbar zusammen. Seit rund 50 Jahren kümmert sich Hinsching um das alte Industriedenkmal im Grenzgebiet von Werdohl und Herscheid.

WERDOHL - Vor allem die Bilder der Kinder und ihre Briefe dokumentieren die Bedeutung von Alfred Hinschings Arbeit: „Es war sehr schön bei Ihnen im Hammerwerk“, schrieb Sophia, und wie viele andere Kinder malte sie nach ihrem Besuch im Ahe-Hammer im Grenzgebiet von Werdohl und Herscheid ihre Eindrücke.

Alfred Hinsching kümmert sich seit rund 50 Jahren um das Industriedenkmal und zeigt den Kindern, wie altes Handwerk funktionierte. „Da steckt viel Herzblut drin“, sagt Hinsching mit Blick auf den Hammer, den er zu seiner persönlichen Angelegenheit gemacht hat.

Alfred Hinsching und der Ahe-Hammer gehören untrennbar zusammen. Seit rund 50 Jahren kümmert sich Hinsching um das alte Industriedenkmal im Grenzgebiet von Werdohl und Herscheid.

Die gesammelten Bilder dokumentieren auch die Arbeit Hinschings. Ramazan malte das Schmiedefeuer, Frederic zeichnete mit großer Sorgfalt die Hammerwellen und den Wasserlauf, der sie antreibt, Nicole vergaß neben Wasser, Feuer und dem Schmied auch den Zangenjungen nicht, und Simone beschränkte sich auf die Hammerwelle, den Amboss und „Herrn Hinsching“, der mit einem glühenden Stück Eisen in der Zange am Schmiedefeuer steht.

Für seine Arbeit im Ahe-Hammer hat der gelernte Schmied beste Voraussetzungen mitgebracht. Als 13-Jähriger ging er ab 1946 in die dreijährige Lehre bei einem Schmied in Schalksmühle-Dahlerbrück, wurde Huf- und Wagenschmied. „Gegenüber dem Bahnhof verkauften die Schwarzhändler einzelne Zigaretten zum Preis von sechs Reichsmark – das war doppelt so viel, wie ich in einer Woche verdiente“, erinnert sich Alfred Hinsching. „Ich habe dort jeden Tag zwölf Stunden gearbeitet – davon waren etwa zwei Stunden Pausen.“ Kost und Logis verdiente sich der Lehrling, und am Wochenende ging es nach Hause, nach Werdohl, zu den Eltern. Erst mit dem Zug nach Lüdenscheid und dann weiter mit der Schnurre durch das Versetal. „Die Züge waren überfüllt. Man hing auf dem Trittbrett mit dem Koffer in der Hand und musste aufpassen, wenn der Gegenzug kam.“ Dauerte die Arbeit am Freitag zu lange, reichte es nicht mehr für die kürzeste Verbindung. „Dann bin ich auch schon mal über Hagen gefahren.“ Einmal sei der Zug im Tunnel steckengeblieben, was damals wegen der Kohlenfeuerung nicht ganz ungefährlich war. „Ich habe noch in Werdohl gehustet.“

Ab 1951 stellte Alfred Hinsching dort in der Gesenkschmiede Brüninghaus Musterstücke, sogenannte „Freiformstücke“, für mögliche Kunden her – „damit die wussten, was sie bekommen würden“, wenn sie bei Brüninghaus die gewünschten Werkstücke bestellten. „Wir haben alles Mögliche und Blödsinn gemacht“, scherzt Alfred Hinsching und zeigt einen kunstvoll geschmiedeten Musterstab, der auf seiner Länge eine Kugel, Sechs- und Vierkant, Gedrehtes, einen Bohrer und eine Spitze hat. Wenn das Ding nicht so schwer wäre, könnte es ein kunstvoll gearbeiteter Wanderstab sein. Nach solchem Muster bestellten Geschäftsführer und Vorgesetzte gerne ein geschmiedetes Geschenk.

Ein alter Zeitungsartikel in Schwarz-Weiß dokumentiert Alfred Hinschings großen Auftritt auf der Hannover-Messe. 75 durchnummerierte Hufeisen schmiedete er dort mithilfe seines Sohnes Peter. Die Nummer 1 bekam Berthold Beitz, einflussreicher Generalbevollmächtigter des Alfred Krupp von Bohlen und Halbach, die Nummer 2 ging an den langjährigen Wirtschaftsminister und Steuerhinterzieher Otto Graf Lambsdorff. „Der hat noch nicht mal Dankeschön gesagt“, erinnert sich Hinsching, der jahrelang auch der Chef der Werksfeuerwehr bei Brüninghaus war. Auch dieser „interessante Job“ trug dazu bei, dass er vor 20 Jahren nur ungern aus dem Berufsleben ausschied: „Ich habe eine schöne Zeit gehabt bei Brüninghaus.“ Mit einem offenen Brief an die Werdohler und ihre Politiker stritt Alfred Hinsching als Bürger für die Umbenennung des Platzes „Stadtmitte-Süd“ in „Brüninghaus-Platz“. Der Hammer habe in der Wahrnehmung der mittlerweile völlig verschwundenen Firma immer einen großen Stellenwert gehabt, erinnert sich der Hüter des Ahe-Hammers.

Doch vor allem trug das Engagement Hinschings dazu bei, dass nicht nur Grundschulkinder auch heute noch einen aufschlussreichen Blick in die industrielle Frühzeit ihrer Heimat werfen können.

Von Thomas Krumm

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