Vortragsabend zur DDR

Erinnerungen in Werdohl ans Leben hinter der Mauer

+
Ex-Jugendpfarrer Albrecht Kaul (rechts) schilderte im Zwiegespräch mit Martin Scott sein Leben in der ehemaligen DDR – bis hin zum für ihn überraschenden Fall der Berliner Mauer.

Werdohl - Einen beeindruckenden Abend erlebten die Besucher im zu zwei Dritteln gefüllten Gemeindesaal der Landeskirchlichen Gemeinschaft an der Unteren Heide am Mittwoch. Unter dem Motto „Wunderjahr 1989“ erinnerten Albrecht Kaul und Martin Scott im Zwiegespräch an vier Jahrzehnte DDR sowie deutsch-deutsche Geschichte.

„Ich komme aus der Stadt mit drei ‘O’“, stellte sich der Sachse Kaul augenzwinkernd dem Publikum vor: „Korl-Morx-Stodt.“ Solange die DDR existiert habe, habe er dort gelebt. Und obwohl die DDR sich als atheistischen Staat gesehen habe, sei er dort Jugendpfarrer gewesen, sagte der heutige Pensionär.

Am 7. Oktober 1949 wurde die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Kaul berichtete: „Übrig gebliebene Nazis wurden nach Sibirien verschleppt – ohne dass ihre Familien etwas davon erfuhren.“

Anfangs sei die DDR pazifistisch gewesen, „aber sie haben es leider nicht durchgehalten“. Selbst Polizisten hätten zunächst keine Waffe getragen. Und Kaul selbst erlebte, wie ernst der Pazifismus damals genommen wurde. „Zu einer Vorlesestunde brachte ich ein Märchenbuch mit in die Schule. Darin war eine Abbildung eines Jägers mit Gewehr über der Schulter. Die Lehrerin schimpfte mich aus. Das sei ein ganz böses Buch.“

Mit deutlichen Worten schilderte Kaul die Zustände in der DDR. „Die Staatspropaganda ging schon im Kindergarten los.“ Und er umschrieb bildhaft, was Demokratie in der DDR bedeutet habe: „Bei der Wahl war unsere Aufgabe, den Wahlzettel zusammen zu falten und in die Urne zu stecken. Ein Kreuzchen mussten wir nicht machen. Damit wollte man die Bürger nicht belasten.“ Der Volksmund habe DDR dann auch selbst übersetzt mit „Der dämliche Rest“.

Doch obwohl eine Wahlpflicht herrschte, habe sein Vater, betonte Kaul, zu den Wenigen gehört, die sich der Wahl verweigerten. Nichtwähler wurden indes gegängelt.

Kaul erinnerte sich stolz: „In der DDR gab es viele schlaue Köpfe. Immer wieder wurden tolle Erfindungen gemacht.“ Der Referent schob jedoch hinterher: „Die Patente aber wurden der Sowjetunion geschenkt: als Kriegsreparationszahlungen.“

Bis in seine Jugend hinein habe Kaul seine Heimat gemocht. „Mit 16 Jahren war ich dann aber einmal in West-Berlin.“ Daraufhin habe er beschlossen, wenn er 18 Jahre sei, würde er eine Weltreise antreten. „Doch als ich 17 Jahre alt war, wurde am 13. August 1961 die Mauer gebaut.“

Elf Tage später habe es den ersten Mauertoten gegeben, erfuhren die Besucher bei einer Filmeinspielung. Solche gab es immer wieder. Dazu war der Saal geschmückt mit alten DDR-Produkten – von den Spreewaldgurken über die Nachspeise „Kalter Hund“ bis hin zur Club-Cola.

Referent Kaul schilderte dann, wie er mit 14 Jahren bereits Christ geworden sei. Mit großer Dramatik und beschwörerischer Stimme schildert der heute 73-Jährige die Repressionen, denen er aufgrund seines Glaubens ausgesetzt gewesen sei. Die Stasi habe über ihn letztlich weit mehr als 200-Aktenseiten Wissen angesammelt. Darunter befand sich auch eine Stadtplan-Zeichnung, die zur Planung seiner Festnahme erstellt worden sei. Zur Verhaftung Kauls ist es dann aber wohl nie gekommen.

Der ehemalige Jugendpfarrer und seine Frau hätten oftmals abends da gesessen und aufgrund des Drucks, den die Bespitzelungen der Stasi bei ihnen ausgelöst habe, „einfach nur noch geheult“, gab Kaul zu.

Dann kam der 73-Jährige auf das titelgebende Jahr 1989 zu sprechen: „Wir merkten in dem Jahr: Es verändert sich etwas. Aber mit dem, was später geschah, haben wir dann doch überhaupt nicht gerechnet.“ Kaul berichtet von der DDR-Bürgerbewegung Neues Forum, die mitverantwortlich war für die friedliche Revolution, die zum Mauerfall führte. „Deren Ideen sind alle nur Sandkastenspiele“, habe er damals jedenfalls gedacht.

Im August 1989 sei er dann mit 16 Jugendlichen in Ungarn gewesen. Während dieser christlichen Sommerfreizeit habe Ungarn die Grenze zu Österreich geöffnet. „Wir sind aber zurück in die DDR gefahren. Wir wollten in der DDR etwas verändern.“

Die Montagsdemonstrationen wuchsen derweil immer weiter an. Am 4. Juni 1989 schoss dann chinesisches Militär auf dem Platz des Himmlischen Friedens auf demonstrierende Studenten.

Am 9. Oktober 1989 habe das DDR-Militär diese „chinesische Lösung“ auch in Leipzig anwenden wollen. Doch angesichts von unerwartet vielen Demonstranten – es kamen 70 000 Menschen – hätten sich die Soldaten zurückgezogen. Kaul kommentierte dies: „Ich nenne es das Wunderjahr, weil nicht die Offiziere entschieden haben, nicht auf die Montagsdemonstranten zu schießen, sondern Gott hat gesagt: Es ist Schluss.“

Am 9. November 1989 fiel dann die Mauer. SED-Sekretär für Informationswesen Günter Schabowski verlas in einer Pressekonferenz die Mitteilung, dass DDR-Bürger „ab sofort – unverzüglich“ Reisefreiheit erhielten. Kaul verfolgte dies im Fernsehen. Er erinnert sich: „Als ich das sah, dachte ich: Das ist ein politisches Kabarett.“

Mit dieser Bemerkung endete eine Veranstaltung, die 90 Minuten hatte dauern sollen. Das lebendige Zwiegespräch zwischen Scott und Kaul nahm jedoch zweieinhalb Stunden in Anspruch. Das Publikum hatten die beiden dabei mühelos gefesselt. Und so erhielten sie zum Abschluss einen großen Applaus.

Erschreckend waren zwei Momente an diesem Abend: Kaul berichtete, dass die Stasi die eigene Bevölkerung ausspioniert habe. In einem Film-Einspieler war zu sehen, wie Michail Gorbatschow Erich Honnecker küsste. Und beide Male war einem Teil der Zuschauer anzuhören, dass sie dies beides offenbar noch nie gehört oder gesehen hatten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare