Aktuell und zeitgemäß

Eine Szene aus dem Schauspiel „Buddenbrooks“, das im Festsaal Riesei aufgeführt wurde.

WERDOHL ▪ Das berühmteste deutsche Buch, „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann, schreckt manchen Leser mit mehr als 1100 Seiten Umfang. Doch ein glänzend aufgelegtes Ensemble der Konzertdirektion Landgraf brachte die Essenz der Familienchronik am Donnerstagabend mühelos in 130 Minuten Spielzeit auf die Bühne des Festsaals Riesei.

Am Ende ernteten die Schauspieler für ihre überaus überzeugende und engagierte Leistung minutenlang begeisterten bis frenetischen Beifall. Zur großen Freude des Veranstalters, die Kulturabteilung der Stadt Werdohl, saßen dabei im Saal auch zwei komplette Klassen der Albert-Einstein-Gesamtschule.

Von Oktober 1897 bis Juli 1900 schrieb Mann an seinem Werk. Anhand seiner eigenen Verwandtschaft entwarf er damit ein Lehrstück über die Prinzipien und Zwänge einer gutbürgerlichen Familie. Werteverfall, ökonomischer Überlebenskampf, menschliche Opfer und letztlich Zerstörung mancher Existenz bilden ein zeitlos modernes Meisterstück, das als Mutter aller Soap Operas gelten darf.

Vor der Pause brachte das quirlige Ensemble auf der Bühne das Publikum im zu gut zwei Drittel besetzten Festsaal häufig zum befreiten Lachen. Die beherzte und lebendige Inszenierung ließ den Zuschauer nicht spüren, dass die Textvorlage bereits 110 Jahre alt ist. Nach der Unterbrechung der Aufführung wandelte sich die Geschichte. Das Publikum reagierte zusehends weniger amüsiert. Grauen und Entsetzen überwogen nunmehr.

Um die umfangreiche Chronik der Buddenbrooks zu raffen, verharrten einzelne Akteure am Ende einer Szene bewegungslos – wie eingefroren – im Bühnenbild, während bereits die nächste Szene begann. Sprünge im Geschehen, teilweise mehrere Jahre überbrückend, wurden mit Texteinblendungen im Hintergrund erläutert. Diese waren jedoch von den äußeren Plätzen in den ersten Reihen nicht zu lesen. Was der anfangs auf die Leinwand am Bühnenrand projizierte PC-Hintergrund mit einem schwirrenden Cursor und sich öffnenden Bildschirmfenstern sollte, fragte sich der Schauspieler Klaus Mikoleit ebenso sichtlich irritiert wie das Publikum.

Zum Beginn hielt Konsul Johann Buddenbrook (ehrfürchtig dargestellt von Mikoleit) das Zepter der Familie in Händen. Seine unbeschwerten Kinder lasen gerne Bücher. Doch Lyrik lehnte er ab, Gefühle waren ihm nicht so wichtig. So brachte er seine Tochter Tony (zunächst ungebändigt und später als verzweifelt um Haltung bemüht gespielt von Nadine Nollau) auch dazu, die „gute Partie“ Bendix Grünlich (affektiert gegeben von Matthias Engel) zu heiraten, obwohl sie diesen nicht ausstehen konnte. Tony brachte das Geld ihres Gatten durch.

Als Grünlich sich als längst bankrotter Scharlatan herausstellte, verstieß Johann Buddenbrook seinen Schwiegersohn. Die Ehe wurde aufgelöst, obgleich sie so Schande über die Familie brachte. Aus Gram starb der Konsul. Seine Gemahlin, Konsulin Elisabeth (stets bedächtig agierend: Heidemarie Wenzel) übergab die Familiengeschäfte an das ungleiche Brüderpaar Thomas (überaus korrekt: Jan-Hinnerk Arnke) und Christian (in sich zerrissen: Jörg Walter).

Thomas versuchte im Stile seines Vaters die Fäden zusammenzuhalten – und scheiterte an dieser Aufgabe. Christian dagegen war ein Lebemann, der von seinem Bruder verstoßen wurde. Tony heiratete neu, um wieder bei dem falschen Mann zu stranden. Thomas wurde Politiker und ehelichte Gerda (gewollt steif und kaltherzig: Irene Jacoba Holzfurtner).

Damit begann erst der letztliche Untergang des Familien-Imperiums. Die Brüche zwischen den Personen wurden immer deutlicher.

Tony fragte ihren Bruder Thomas rhetorisch: „Ist nur das ein Skandal, was laut wird und an die Leute kommt?“ Die alte Konsulin stellte fest: „Vernunft ist nicht das Höchste auf Erden.“ Und mit diesen beiden Sätzen umschrieb die Theater-Inszenierung das Destillat von Sensations-Boulevard-Sendungen im Vorabendprogramm privater Fernsehsender.

Aktueller und zeitgemäßer kann ein literarisches Standardwerk nicht auf die Bühne gebracht werden.

Michael Koll

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare