Akribischer Beobachter mit feinem Spott

Mit Perücke und typischen Gesten wird aus dem Kabarettist im Handumdrehen Kanzlerin Angela Merkel, die er sagen lässt: „Wenn Sie wissen wollen, wie es Ihnen geht, dann schauen Sie mich an.“ - Fotos: Koll

Werdohl - Die Zuschauer im Kleinen Kulturforum lachen meist mehr verschmitzt als überschwänglich. Das, was Kabarettist Reiner Kröhnert ihnen da bietet, ist doch ziemlich harter Tobak. Wer entsprechend breites politisches Hintergrundwissen hat, auch noch mit den Stichworten Barschel und Badewanne etwas anfangen kann, der wird von dem Rheinland-Pfälzer sehr gut unterhalten.

Zimperlich durften Kröhnerts Zuschauer im ausverkauften Kleinen Kulturforum im Bahnhof nicht sein. Zwar legt der Kabarettist seinen Opfern nicht (nur) derbe Wortspiele in den Mund. Auch gekonnte Stimmen-Imitationen der Promis sind sein Trumpf nicht.

Aber mit akribischen Beobachtungen ist es ihm gelungen, seine Protagonisten mit kleinsten Gesten und Mimiken unverkennbar und frappierend authentisch darzustellen. Lediglich bei der Kanzlerin greift er zusätzlich auf eine Perücke zurück. Doch als er diese mit Putin telefonieren lässt, sorgen allein Kröhnerts Kieferzuckungen für Lachsalven.

Billige Anzüglichkeiten sind nicht der Duktus von Kröhnert. Vielmehr brilliert er mit feinem, inhaltlich fundiertem Spott, etwa wenn er den Bundespräsidenten sagen lässt: „Einen Kredit bekommt nur, wer lückenlos nachweist, dass er ihn nicht braucht.“ Doch Probleme des gemeinen Volkes interessieren Kröhnerts Gauck nicht. Vielmehr denkt er an sich: „Ich bin nicht eitel, obwohl ich zweifellos allen Grund dazu hätte.“

Schwächen der Promis kurzerhand entlarvt

Und so entlarvt der Kabarettist ganz ohne plakative Show-Effekte Joachim Gauck als botschaftslosen Transporteur fader Worthülsen, Ronald Pofalla als stets sich anbiedernden Opportunisten, sowie die Kanzlerin als rücksichtslose Egomanin.

Die Paraderolle Kröhnerts ist fraglos Angela Merkel. „Ich hab sie alle klein gekriegt“, sagt er. Seine Hände sind zu einer Raute gebildet. „Mit dem Kohl ging’s los.“ Und schon kündigt die Kanzlerin an, dass das nächste Haupt, welches rollen werde, das der „bayerischen Gesinnungsamöbe Horst Seehofer“ sein müsse.

Später zieht die Regierungschefin die Mundwinkel herunter und rät dem Publikum: „Wenn Sie wissen wollen, wie es Ihnen geht, dann schauen Sie mich an.“ Als die Werdohler daraufhin amüsiert sind, poltert die Physikerin: „Wer heute noch lacht, hat nur noch nicht meine Botschaft vernommen.“

Und es spricht für sich, wenn Kröhnert Wolfgang Schäuble sagen lässt: „Es ist, wie es ist. Und wie es ist, ist es auch“ und direkt danach als Boris Becker: „Ich bin, was ich bin. Und was ich bin, bin ich auch.“

Schäuble: „Die eigene Endlichkeit erfahren“

Der einstige Leimener ist nicht der einzige Nicht-Politiker, dem Kröhnert an diesem Abend seinen Körper leiht. Als er Ex-Fußballer Mario Basler persifliert, wird ohren- und augenscheinlich, dass dieser viel Substanzielleres zu sagen hatte als sein Namensvetter Barth.

Dem Bundesfinanzminister Schäuble legt der Comedian weiter in den Mund: „Nur die Unendlichkeit der Verschuldung lässt uns doch erst unsere eigene Endlichkeit erfahren.“ In solchen Momenten bleibt dem Werdohler Publikum wahrlich das Lachen im Halse stecken. Vor allen Dingen, wenn Tennis-Legende Becker zum gleichen Thema schwadroniert: „Geld ist nicht der Sinn des Lebens. Bei mir zum Beispiel liegt es immer nur herum.“

Trotz all dieser markigen Worte: Kröhnert offenbart die Konturlosigkeit des heutigen politischen Personals mit Leichtigkeit in dem Moment, in welchem er die Polit-Größen vergangener Tage auftreten lässt. Rita Süßmuth lässt er süffisant feststellen: „Heute sind alle nur noch gemäßigt weichgespült.“ Und das Kabarett-Publikum kann nur noch versonnen mit dem Kopf nicken.

Dem einst führenden Sozialdemokraten Hans-Jochen Vogel entlockt Kröhnert die Feststellung: „Der einzige Lichtblick in der SPD ist die glimmende Zigarettenspitze von Helmut Schmidt.“

Gerhard Schröder pflichtet dem bei: „Ohne mich ist die SPD eine FDP, die es noch nicht gemerkt hat. Und so kündigt der Ex-Kanzler seine Rückkehr und die Agenda 2030 an.

Für jüngere Zuschauer wird somit das Programm Kröhnerts schon fast zur Geschichtsstunde. Gerhard Stoltenberg und Erich Honnecker schauen auch noch einmal vorbei.

Von Michael Koll

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