Musik gehört zu Weihnachten

Advent in der Corona-Pandemie: So erleben zwei Kirchenmusiker diese besondere Zeit

Musik gehört zur Weihnachtszeit wie die Lichterketten, die Lebkuchen und die leuchtenden Kerzen. Weihnachten und Musik, das gehört irgendwie zusammen. Konzerte, in denen festliche und weltliche, lustige und besinnliche Weihnachtslieder vorgetragen werden, sind fester Bestandteil der Vorweihnachtszeit – normalerweise.

Im Corona-Jahr 2020 ist auch davon vieles nicht möglich. Die Werdohler Kirchenmusikerin Marion Jeßegus und Detlef Seidel, der in Eveking an der Kirchenorgel sitzt und ansonsten den Kirchenchor leitet, wissen davon ein trauriges Lied zu singen.

Musik ist für Marion Jeßegus wesentlicher Bestandteil des Lebens. Sie wurde ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt, denn sie stammt aus einer Familie, in der „Hausmusik gepflegt wurde“, wie sie sagt. Weil der Vater ihr für 100 Mark ein gebrauchtes Klavier gekauft hat und weil die Mutter sie schon als kleines Kind mit zum Kirchenchor nahm, fand Marion Jeßegus sehr früh Zugang zur Musik. Mit elf Jahren sang sie nicht nur im Kirchenchor mit, sondern spielte in Gottesdiensten schon vertretungsweise die Orgel.

Auf der Orgel der Christuskirche hat Marion Jeßegus mit elf Jahren das erste Mal gespielt. Heute sitzt die 62-Jährige bei fast jedem Gottesdienst am Spieltisch. In der Pandemie ist sie aber auch als Kantorin gefragt.

Nur ganz oder gar nicht

„Musik macht man nicht nebenbei, sondern ganz oder gar nicht“, sagt die 62-Jährige, die nach dem Abitur Kirchenmusik studierte und seit mittlerweile 40 Jahren als Kantorin in der Evangelischen Kirchengemeinde Werdohl arbeitet. „Ideen und Planungen sind meine ständigen Begleiter, oft Monate oder sogar ein Jahr im Voraus beginnt die Arbeit mit Auswahl, Arrangement und Proben.“ Deshalb schmerzt es sie auch, dass sie die Adventszeit musikalisch nicht so gestalten konnte, wie sie es sich gewünscht hat. „Advent und Weihnachten, das ist für Kirchenmusiker die Hoch-Zeit“, erklärt Jeßegus.

Für das traditionelle Konzert am ersten Advent hatte sie bereits ein zwar kleines, aber feines Programm vorbereitet. Mit einem Vokal- Quartett hatte sie Bearbeitungen barocker Instrumentalmusik einstudiert – die allerdings mit Texten barocker Dichter unterlegt wurden. „Eine musikalische Besonderheit: Wir wollten zu viert singen, was sonst ein großes Orchester spielt“, erklärt Jeßegus. Doch daraus wurde nichts, das Coronavirus machte den Künstlern einen Strich durch die Rechnung. Wieder musste kurzfristig umdisponiert werden. Am Ende gab es eine musikalische Andacht in Minimalbesetzung.

Coronavirus in Werdohl: Es gibt auch positive Effekte

Doch Marion Jeßegus sieht durchaus auch positive Effekte der Einschränkungen in der Pandemie. Weil der Gemeindegesang in den Gottesdiensten unterbleiben muss, übernahm sie zuletzt in ihrer Aufgabe als Kantorin diesen wichtigen Bestandteil des Gottesdienstes. Sie spielte im Gottesdienst nicht nur die Orgel, sondern singt auch. „Dabei spielt der Gesang altvertrauter Lieder besonders in dieser Zeit eine nicht zu unterschätzende Rolle. Anderseits können jetzt auch Lieder den Gottesdienst bereichern, die die Gemeinde noch nicht kennt“, erklärt Marion Jeßegus. Und ihre Erfahrung ist, dass der Gemeinde das gefällt. „Ich bekomme häufiger positive und dankbare Resonanz“, berichtet sie.

Coronabedingt finden nun an Weihnachten gar keine Präsenzgottesdienste in der Evangelischen Kirchengemeinde Werdohl statt. Stattdessen gibt es Alternativen in Form von Online-Angeboten. Auch hier seien Flexibilität und Kreativität gefragt in diesen Zeiten, hat Marion Jeßegus festgestellt. Wenn die Gottesdienste so nur noch in komprimierter Form stattfinden können, könnte für Musik wenig Zeit sein. Sie wird zwangsläufig zur Nebensache. Für jemanden, dessen Leben von der Musik geprägt ist, keine schöne Aussicht.

Detlef Seidel stört das „Gedudel“

In einer ähnlichen Stimmung ist in diesen Tagen Detlef Seidel. Der 68-Jährige ist Organist der evangelischen Friedenskirche in Eveking und leitet den Kirchenchor der evangelischen Gemeinde. „Der Advent lebt auch von der Kirchenmusik, nicht nur von dem Gedudel in den Kaufhäusern“, sagt er. Was Seidel als „Gedudel“ bezeichnet, tönt dieser Tage auch aus vielen Radios. Was für ihn die Advents- und Weihnachtszeit ausmacht, würde dagegen normalerweise in Konzerten oder bei Auftritten von Musikern, Sängern, Orchestern und Chören dargeboten. Nicht jedoch in diesem vermaledeiten Corona-Jahr.

Auf der Orgel der Friedenskirche begleitet Detlef Seidel die Gottesdienste, gleichzeitig ist er mittlerweile auch als Kantor im Einsatz.

Seidel fehlt das, denn die Musik begleitet ihn schon sein ganzes Leben. „Mit sieben oder acht Jahren“ habe er angefangen, Klavier zu spielen, als Zehnjähriger habe er im CVJM-Posaunenchor unter der Leitung von Hans Blum Trompete gespielt. Mit 13 Jahren saß er zum ersten Mal bei einem Gottesdienst am Harmonium und seit seinem 15. Lebensjahr ist er als Kirchenmusiker bei der Evangelischen Kirche von Westfalen angestellt.

Jetzt auch die Aufgabe des Vorsängers

Während der Corona-Pandemie beschränkte sich seine Aufgabe im Gottesdienst nicht mehr nur auf die instrumentale Begleitung. Vielmehr kam auf Seidel in den vergangenen Wochen auch die Aufgabe des Vorsängers zu. „Das ist ungewohnt, denn ich bin ja eigentlich kein Kantor“, sagt er. Er habe zwar „mal ein, zwei Kurse besucht“ sich das Singen aber ansonsten selbst beigebracht. Doch er habe den Eindruck, dass es bei der Gemeinde ganz gut ankommt, formuliert der 68-Jährige in bescheidenen Worten, dass er als singender Organist mit einer weichen Baritonstimme wohl eine recht gute Figur macht.

Was die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes an Heiligabend angeht, hat Detlef Seidel schon eine gewisse Vorstellung, vor allem, was den Schluss betrifft. Seidel hätte sich gut vorstellen können, dass die ganze Gemeinde, die ja in der Kirche derzeit nicht singen darf, sich nach dem Gottesdienst auf dem Vorplatz versammelt, und gemeinsam noch ein Lied singt, „O, du fröhliche“ etwa. „Die Menschen haben einfach das Bedürfnis zu singen“, glaubt Seidel. Das hätte er ihnen am 24. Dezember gerne ermöglicht. Das wird nun nicht möglich sein. Doch vielleicht kann Detlef Seidel die Melodie, die auf einer sizilianischen Volksweise beruht, am Heiligen Abend per Livestream in die Werdohler und andere Wohnzimmer senden.

Orgel sorgt für Weihnachtsstimmung

Noch einmal zurück zu den schönen, den „richtigen“ Weihnachtsliedern. Detlef Seidel mag besonders gern das weihnachtliche Kirchenlied „In dulci jubilo“ in einer Choralbearbeitung von Johann Sebastian Bach. Als er es anstimmt auf der 26 Register umfassenden Orgel mit dem Zimbelstern, der so schöne helle Glockentöne von sich gibt, kommt in der Friedenskirche tatsächlich so etwas wie Weihnachtsstimmung auf.

Auch Marion Jeßegus hat ein weihnachtliches Lieblingslied. „Fröhlich soll mein Herze springen“ heißt es, stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde von Paul Gerhardt als Gedicht verfasst. Ihr gefalle der besondere Schwung im Reim, sagt die Kirchenmusikerin. Es hebe sich dadurch von anderen Liedern ab. Und dann spielt sie das Lied auf der großen Orgel der menschenleeren Christuskirche.

Rubriklistenbild: © Griese, Volker

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