"Beleidigt er meine Mutter, boxe ich ihn"

Werdohler Realschüler sprechen über Gewalt und Demokratie

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Teamleiter Hanin (links) stellte der Klasse Thesen zu Rollenbildern vor, die Schülerinnen und Schüler sollten aufstehen, wenn sie die Thesen unterstützten. Anschließend wurden die Thesen ohne Wertung hinterfragt und die Jugendlichen waren gefordert, direkt ihre Meinung dafür oder dagegen zu sagen.

Werdohl - „Jemand hat Deine Mutter beleidigt, was machst Du?“, fragt Jaouad Hanin die Achtklässler. Hanin vom Kölner Verein Hennamond ist ein erfahrener und gut geschulter interkultureller Trainer. Die Antwort, die er von einem Jungen bekommt, hört er nicht zum ersten Mal. „Ich würde ihn boxen“, sagt der Schüler. Andere pflichten ihm bei, Jungen ebenso wie Mädchen. Warum? „Ist Instinkt“, sagt einer voller Überzeugung.

Es ist kein normaler Unterricht in der Realschule an diesem Vormittag, sondern der von Spenden getragene Verein Hennamond ist mit Teamleiter Hanin und zwei ehrenamtlich arbeitenden Kölner Studenten nach Werdohl gekommen.

Die Leute von Hennamond haben ein Projekt namens Champs, im vergangenen Jahr hieß es noch Heroes. Der Name wurde geändert, die Idee ist dieselbe. Der Kölner Verein wurde 2006 gegründet und setzt sich für die Förderung der Selbstbestimmung der von familiärer Gewalt, Unterdrückung, Zwangsverheiratung und „Ehrenmord“ bedrohten Mädchen, Jungen, Frauen und Männern mit Migrationshintergrund in Deutschland ein.

Das Projekt Champs wendet sich mit einem pädagogischen Auftrag an Schulklassen. Den Kölnern geht es um eine demokratische Werteerziehung außerhalb der Elternhäuser. Champs spricht sich gegen Radikalisierung allgemein und ganz konkret gegen Salafismus aus. „Wir wollen Werte der Demokratie und Gleichstellung von Geschlechtern vermitteln sowie präventiv über diese kulturell begründeten Familienmuster zusammen arbeiten, um gewaltbereiten Tendenzen und patriarchalischen Strukturen bei Jugendlichen entgegenzuwirken“, heißt es.

In der achten Klasse der Realschule Werdohl sieht das an diesem Morgen folgendermaßen aus: Teamleiter Hanin stellt Thesen in den Raum. Beispiele: „Ein richtiger Mann rennt nicht weg vor einer Schlägerei. Männer lesen Bücher und diskutieren gerne. Männer haben Angst, von der Partnerin verlassen zu werden. Richtig oder nicht richtig?“ Die Schüler, die die jeweilige These unterstützen würden, sollen aufstehen. Dann wird diskutiert. Hanin geht behutsam vor, bewertet nichts, fragt aber ganz konkret nach. Die Jungen und Mädchen sagen offen, was sie denken.

Neben Hanin stehen noch die Kölner Studenten Alper Yilmaz (20) und Alper Kurul (23) vor den Schülern. Die beiden arbeiten ehrenamtlich für Champs, sind pädagogisch geschult und finden mit ihrer Art schnell den richtigen Ton. Kurul erzählt seine Geschichte, wie er Stress mit der Schule bekam. Er hatte einen anderen Schüler geschlagen, weil der seine Mutter beleidigt hatte. „Ich bekam eine Konferenz an der Schule und meine Eltern waren gar nicht stolz auf mich“, so Kurul. Das sei „echt so ein Knackpunkt“ in seinem Leben gewesen, formuliert er. Seitdem habe er erkannt, dass miteinander zu sprechen besser sei als sich zu schlagen.

Das überzeugt die Schüler nicht sofort. Einer meint weiterhin, dass die Ehre der Familie, insbesondere die der Mutter, nicht gekränkt werden dürfe. „Ist eben so“, sagt er. Auf die Gegenfrage von Hanin, ob er auch zuschlagen würde, wenn die Ehre seines Vaters gekränkt würde, zieht er sich zurück. „Nö, das ist nicht so schlimm“, meint der Junge.

Ist das Wort „Hurensohn“ eine Beleidigung?

Bei Beleidigungen und Drohungen dürfe man auch die Polizei rufen, meint Hanin. „Aber Du hast doch nur die Ehre Deiner Mutter verteidigt“, meint ein Schüler. „Nee“, kontert Hanin, „ich habe dem anderen Typen eine runtergehauen.“

Vieles bringt die Jugendlichen zumindest zum Nachdenken an diesem Vormittag, ein Verdienst von Hanin. Das Thema geht in Richtung Rollenbilder: Erzieht eine Familie Jungen und Mädchen gleich? „Nein“, meinen die Schülerinnen und Schüler in der Mehrzahl.

Sie sprechen von einer überaus festen Rollenverteilung. Mädchen wollen beschützt werden, Jungen sollen als stark auftreten. Jungen machten viel Sport, Mädchen seien in manchen Familien nicht so viel wert. Wer das so festlege? „Die Gesellschaft“, lautet die Antwort. Einer meint allerdings, dass sei „früher“ so gewesen. „Früher – vor 100 Jahren oder vor zehn Jahren?“, fragt Hanin. Die Jugendlichen merken, dass sie von „früher“ nicht weit entfernt sind.

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