Ist der Cent bald Geschichte?

Abschaffung von Kleingeld: So sieht es der Handel in Werdohl

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Sie kosten in der Herstellung mehr als sie eigentlich Wert sind: Die 1- und 2-Cent-Münzen könnten eventuell bald Geschichte sein. Darüber wird in der EU-Kommission immer wieder diskutiert. Zuletzt gaben mehr als 60 Prozent der Deutschen an, dass sie für die Abschaffung seien.

Werdohl – Keine andere Geldmünze hat in Deutschland eine ähnliche Bedeutung wie der Cent: Er gilt als Glücksbringer. Er macht Preise möglich, die auf 99 enden, er füllt die Geldbörsen vieler Bürger.

Sein größtes Problem: Der Cent kostet in der Produktion mehr, als er eigentlich wert ist. Schon mehrfach wurde in den vergangenen Jahren daher über die Abschaffung der 1- und 2-Cent-Münzen nachgedacht. Im Eurobarometer stimmten 2019 stolze 64 Prozent der Deutschen für die Abschaffung. 16 der 19 Euroländer unterstützen den Gedanken. Der SV hat bei den Werdohler Händlern nachgefragt, was sie von einer möglichen Abschaffung halten. 

Edeka-Center Tank 

Heiko Tank, Inhaber des gleichnamigen Edeka-Centers an der Inselstraße, sieht das Ganze gelassen: „Dazu habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wenn die Abschaffung kommen sollte, dann ist das so, wenn nicht, dann nicht.“ Vorstellen kann sich Tank, dass durch weniger Kleingeld Kassenprozesse beschleunigt und „mehr Kunden mit ihren Einkäufen abgefertigt werden können“. 

Ganz allgemein stellt Tank fest, dass die Bedeutung von Bargeld in den vergangenen knapp 20 Jahren abgenommen habe. „Als ich 2001 zum ersten Mal selbstständig war, damals mit dem Edeka in Kleinhammer, haben fünf bis sechs Prozent der Kunden mit EC-Karte bezahlt. Der Rest war Bargeld.“ Inzwischen liefen im Edeka-Center rund 50 Prozent der Bezahlvorgänge über die EC-Karte. „Von mir aus könnten es auch 100 Prozent sein“, sagt Tank. Für ihn bedeutet Bargeld nämlich mehr Arbeit. Denn das Geld muss nach Geschäftsschluss gezählt werden. Das geschieht zwar mit einer Zählmaschine, nimmt aber dennoch Zeit in Anspruch. Bei Kartenzahlung bleibt ihm das erspart. „Das Geld wird einfach abgebucht – und fertig.“ 

Damit immer genug Kleingeld in den verschiedenen Münzgrößen in der Kasse ist, bedarf es Münzrollen. Die kosten Heiko Tank aber Geld, 50 Cent und mehr pro Rolle. Die EC-Zahlung ist zwar auch nicht vollständig kostenlos für den Edeka, aber dennoch günstiger und weniger aufwendig. Außerdem hat sie einen weiteren Vorteil: „Im Gegensatz zum Bargeld ist es bei der Kartenzahlung so gut wie ausgeschlossen, dass Fehler passieren, zum Beispiel in Bezug auf Wechselgeld.“ 

Aldi Nord und Lidl 

Die Unternehmensgruppe Aldi Nord betreibt eine Filiale an der Heinrichstraße. Unternehmenssprecher Michael Strothoff teilt auf Anfrage mit: „Für uns ist bei diesem Thema vor allem wichtig: Unsere Kunden sollen für den schnellen und unkomplizierten Einkauf mit der Option bezahlen, die sie persönlich bevorzugen.“ So gebe es auch Kunden, die gerne noch die Barzahlung nutzen. Andere würden die Kartenzahlung favorisieren. „Alles ist in unseren Märkten möglich. Zudem können Kunden gerne auch kontaktlos zahlen, sofern die Karte oder das Smartphone die entsprechenden technischen Voraussetzungen erfüllen.“ 

In der Mitteilung von Lidl-Sprecherin Sonja Kling heißt es im fast gleichen Wortlaut, dass es Ziel sei, den Kunden einen „rundum einfachen und angenehmen Einkauf ermöglichen“. Dazu gehöre die Auswahl zwischen verschiedenen Bezahlmöglichkeiten in allen Lidl-Filialen. 

Rewe und Netto 

Rewe Dortmund, zu dem auch die Rewe-Niederlassung in Werdohl im WK Warenhaus gehört, sowie auch Netto, in Werdohl mit Filialen an der Schlacht und am Pungelscheider Weg vertreten, verweisen auf Anfrage an den Handelsverband Deutschland (HDE). 

Dieser gibt an: „Wenn das Kleingeld abgeschafft werden soll, dann nur europaweit einheitlich. Ansonsten führen solche Aktionen nur zu Verwirrung bei den Kunden und mehr Aufwand bei den Händlern“, so HDE-Zahlungsexperte Ulrich Binnebößel. 

Generell sieht der Handelsverband die Abschaffung des Kleingeldes eher kritisch. Tendenziell würden mit der Abschaffung zum Beispiel zwar weniger Münzrollen mit Wechselgeld benötigt, allerdings würde der Wegfall der kleinsten Centmünzen durch einen Mehrbedarf insbesondere der 5-Cent Münze teilweise wieder aufgehoben. Auch Kassenprozesse würden nicht beschleunigt, „die Ausgabe von Wechselgeld bleibt bestehen“. Der Handelsverband plädiert dafür, die Aufmerksamkeit mehr den Bargeldalternativen als Centmünzen zu widmen. „Aus Handelssicht heißt die Devise ,Förderung der unbaren Zahlung statt Einschränkung der Barzahlung’“, schreibt der HDE in einer Mitteilung. So könnten Handel und Kunde zu einem natürlichen Rückgang des Bargeldes beitragen. 

Werdohler Sparkasse 

Jürgen Brill, Marktbereichsleiter bei der Sparkasse in Werdohl, erklärt, dass sein Haus der Abschaffung der kleinen Centmünzen neutral gegenüberstehe. Das Kleingeldaufkommen sei grundsätzlich auch für sie mit einigen Gebühren verbunden, die in Teilen an die Kunden weitergegeben werden, zum Beispiel am Zählautomaten. 

Brills persönliche Meinung: „Ich bin immer noch ein Freund von Bargeld, denke aber auch, dass die 1- und 2-Cent-Münzen entbehrlich sind. Manchmal, wenn ich an der Kasse stehe, erwische ich mich dabei, wie ich die kleinen Münzen zusammensuche, damit das Portemonnaie dünner wird.“ Gespannt ist Brill darauf, wie die Händler reagieren werden. Ohne kleine Münzen muss auf Fünferbeträge gerundet werden. 

WK Warenhaus 

WK-Geschäftsführer Peter Ebener zu dem Thema: „Natürlich wäre es was den Kostenaufwand betrifft sinnvoll, die 1-Cent und 2-Cent-Münzen abzuschaffen.“ Konkret spricht er von den Kosten für die Münzrollen, die bei einer Abschaffung des Kleingeldes eingespart werden könnten. „Aus Holland kenne ich es, dass an der Kasse auf- oder abgerundet wird.“ Dort funktioniere das System gut. 

Blumen Fromm 

Zeitaufwand und Fehler beim Wechselgeldzählen? Kein Problem für Carsten Fromm. Der Werdohler Florist hat sein Geschäft mit zwei vollautomatischen Kassen ausgestattet. Die zählen und sortieren Kleingeld automatisch und geben auch das Wechselgeld passend aus. „Bisher ist dabei noch nie ein Fehler passiert“, sagt Fromm. Auch der Beleg wird automatisch ausgedruckt, um der Bonpflicht, die deutschlandweit seit Anfang des Jahres gilt, gerecht zu werden. Natürlich ist so ein System nicht ganz günstig: Ein fünfstelliger Betrag werde pro Kasse bei der Anschaffung fällig. „Das macht sich aber bezahlt. Nach Ladenschluss muss ich nicht mehr lange zählen, sondern kann einfach auf ein Knöpfchen drücken und die Kasse druckt mir innerhalb einer Minute einen Bon aus.“ Auf dem steht, wie viele Münzen, Scheine und Geld insgesamt in der Kasse sind. Ein Tresor ist in die Kassen ebenfalls integriert. 

Carsten Fromm hat in seinem Blumengeschäft zwei vollautomatische Kassenautomaten und muss sich daher nicht um Kleingeld sorgen.

Münzrollen benötigt Carsten Fromm übrigens nicht. Er wechselt für die katholische Kirchengemeinde den Inhalt der Kollekten in Scheine um und füllt so seine Kleingeldbestände auf. Hat er zu viele Münzen, gibt er sie wiederum an das WK Warenhaus weiter. 

Fortuna-Apotheke 

In Apotheken ist es mit dem Runden von Preisen nicht so einfach: Die Arzneimittelpreisverordnung sei das Zauberwort, sagt Olaf Lüdtke, Inhaber der Fortuna-Apotheke am Brüninghaus-Platz. Die Verordnung schreibt feste Preise für verschreibungspflichtige Medikamente vor. 

Nach jetzigem Stand könnte man nur bei frei verkäuflichen Medikamenten Rundungen vornehmen. Deshalb hat Lüdtke sich zum Thema Kleingeld noch keine Gedanken gemacht. Spontan gibt er an: „Mit Aufwand und Kosten ist Kleingeld natürlich verbunden. Wenn ich eine Rolle mit 1-Cent-Münzen kaufe, die 50 Cent wert ist, und dann zusätzlich 50 Cent Gebühren dafür bezahle, ist das natürlich kein gutes Gefühl.“ 

Schuh-Brockhaus 

Andrea Brockhaus-Passenheim, Inhaberin von Schuh-Brockhaus, hat mit den 1- und 2-Cent-Münzen keine Probleme. „Unsere Preise enden ohnehin auf 95.“ Das Aufkommen an Kupfergeld sei daher überschaubar. Münzrollen müsse sie nicht extra kaufen und die Mini-Münzen auch nicht bei der Sparkasse zählen lassen.

Seit 2014 führt die EU-Kommission einmal jährlich Umfragen zum Thema Cent-Abschaffung durch. Zuletzt sprachen sich 64 Prozent der Deutschen dafür aus. Hintergrund für die Überlegungen ist, dass vor allem die 1-Cent-Münzen unverhältnismäßig teuer in der Produktion sind. Die Produktionskosten übersteigen den Nennwert. Gleichzeitig müssen 1-Cent-Stücke öfter nachproduziert werden, weil sie von allen Münzen diejenigen sind, die am schnellsten verloren gehen. Aus diesen Gründen stehen die Kupfermünzen auch schon seit Einführung des Euro im Jahr 2001 immer wieder mal in der Kritik. Die EU-Kommission beriet unter der Leitung Ursula Von der Leyens zuletzt 2019 über die Abschaffung der kleinsten Geldstücke. Um die Abschaffung überhaupt zu ermöglichen wäre es nötig, dass bei der Barzahlung künftig der Gesamtbetrag auf 5 Cent auf- oder abgerundet wird. Abgerundet würde bei Kaufsummen, die auf ein, zwei, sechs oder sieben Cent enden. Aufrunden müssten die Kassen künftig entsprechend, wenn drei, vier, acht oder neun Cent am Ende stehen. Stehen 4,68 Euro unterm Strich, müsste der Kunde so zum Beispiel 4,70 Euro zahlen, bei einem Preis von 1,77 Euro hingegen nur 1,75 Euro. Die Europäische Kommission erwartet, dass sich Auf- und Abrunden dabei die Waage halten und das Einkaufen für den Verbraucher am ende nicht teurer wird. Kritisiert wurde der Vorstoß unter anderem bereits von der CSU, die befürchtet, dass mit der Abschaffung der 1-Cent- und 2-Cent-Münzen der Bargeldausstieg beginnt.

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