Nuray Erdogan vom Bremfeld: "Werdohl hat kein Integrationsproblem"

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Nuray Erdogan ist eine stolze Bremfelderin. Knapp zehn Jahre hat sich die 49-jährige Türkin ehrenamtlich für die Integrationsarbeit im Projekt „Wip el ele“ für das Versetal eingesetzt. Heute ist sie der Meinung, dass vermeintliche Integrationsprobleme nur Vorurteile seien.

Werdohl – Nuray Erdogan ist bald 50 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei Kindern, stolze Bewohnerin der Siedlung Bremfeld im Versetal – und Türkin. Zehn Jahre hat sie ehrenamtlich Integrationsarbeit geleistet, erst als zweite Vorsitzende des Ausländerbeirates, dann als Vorsitzende des Integrationsrates und später als Stadtteilmutter für das Versetal. Ihre beiden Töchter studieren Betriebswirtschaft und Wirtschaftswissenschaft, der Sohn besucht die Gesamtschule. Heute sagt sie: „Werdohl hat kein Integrationsproblem.“

Nur einige wenige Werdohler ließen sich immer noch von Vorurteilen leiten und pflegten ihre Intoleranz. Nuray Erdogan hat ihre Position und die ihrer Familie schon lange klar: „Warum sollen wir als Türken der Sündenbock für das sein, was andere in ihrem Leben nicht geschafft haben.“

Als sie im Rahmen dieser Serie in ihrer Tageszeitung gelesen hatte, dass der Bremfeld damals als eine Art Ghetto für Türken bezeichnet worden war, griff sie zum Hörer. Sie habe immer gerne in der Siedlung gewohnt, auch heute noch. Alles sei überschaubar, jeder passe auf jeden auf, wie sich das unter Nachbarn gehöre.

Auch als noch sehr viele türkische Migranten auf dem Bremfeld wohnten, sei dort nichts passiert: „Durch unsere Siedlung ist nie der Streifenwagen gefahren.“ Es sei ein Vorurteil, das Türken krimineller seien. Der Stadtteil habe sich gewandelt: Viele Wohnungen stehen leer, Türken seien längst nicht mehr in der Mehrzahl, viele andere Nationalitäten seien eingezogen.

Nuray Celebi wurde 1969 in einem Dorf in der Nähe der Großstadt Afyon in Westanatolien an der Ägäis geboren. Ihre Eltern gingen kurz nach ihrer Geburt nach Werdohl. Der Vater kam 1971 zur Firma Berg nach Eveking und wohnte noch im Ledigenheim. Ein Jahr später holte Vater Celebi seine Frau nach, beide arbeiteten in Eveking und ließen ihre kleine Tochter Nuray bei den Großeltern in der Türkei.

Die Eltern waren mit dem festen Ziel nach Deutschland gegangen, dort Geld zu verdienen und bald wieder in die Türkei zurückzukehren. Doch wie bei so vielen anderen typischen Gastarbeiterfamilien kam es anders: Nachdem Nuray in der Türkei die fünfte Klasse der Grundschule absolviert hatte, holten ihre Eltern ihre älteste Tochter nach Deutschland.

Eltern verfrachteten Zehnjährige zwangsweise nach Deutschland

„Ich bin in einem kleinen Dorf in einer Großfamilie aufgewachsen“, erinnert sich Nuray heute: „Ich wollte eigentlich Lehrerin in der Türkei werden, aber meine Eltern verfrachteten mich im Alter von zehn Jahren einfach nach Deutschland.“ Der Tag war fast schon ein wenig traumatisch: „Mit zehn haben meine Eltern zur mir gesagt: Pack Deine Sachen, Du musst mit uns nach Deutschland.“ Sie sei von einem 400-Leute-Dorf in die Stadt Werdohl mit 22 000 Einwohnern regelrecht verschleppt worden. Und auch in Deutschland war sie allein, denn ihre nachgeborenen jüngeren Geschwister blieben noch bis Ende ihrer Grundschulzeit in der Türkei.

Ohne ein Wort Deutsch und ohne ihre Schwestern kam Nuray nach Werdohl, direkt in die Bremfeld-Siedlung. Ihre Eltern wohnten dort in einer Werkswohnung. Nur drei türkische Mädchen waren in der fünften Klasse der Hauptschule am Riesei: „Wir bekamen einen Crash-Kurs, innerhalb von sechs Monaten konnten wir sehr gut Deutsch.“ Spracherwerb sei auch eine Sache des Wollens, meint Nuray Erdogan heute. „Bei uns Türken ist das nicht so ausgeprägt wie bei den Deutschen, die passen sich woanders viel schneller an.“

Doch zurück zur Schülerin Nuray Celebi. Sie schaffte die mittlere Reife mit Qualifikation, auf die Qualität ihrer Hauptschulbildung ist sie heute noch stolz. Mittlerweile waren sehr viele türkische Kinder nach Werdohl gekommen, auch ihre zwei jüngeren Schwestern waren aus der Nähe von Afyon zum Bremfeld geholt worden. Nurays jüngste Schwester wurde bereits in Werdohl geboren. Die Familie war jetzt mit ihren vier Mädchen komplett.

Eltern verboten Nuray die Ausbildung beim Urologen

Nuray, die älteste Tochter, begann nach der Schule eine Ausbildung als Arzthelferin in einer urologischen Praxis in Werdohl. Sie war sehr stolz darauf, als türkische Jugendliche diese Stelle selbst gefunden zu haben. Und wieder entschieden ihre Eltern für sie: „In die Praxis kamen auch viele Männer als Patienten, meine Eltern legten fest, dass ich die Lehre abbrechen musste.“ Das gefiel Nuray nicht, aber sie fügte sich den Eltern: „Das war einfach so.“

Also fing Nuray mit 18 Jahren bei VDM Evidal als Produktionshelferin an. Sie in der Fabrik vor Männern zu schützen, war den Eltern offensichtlich nicht möglich. Nuray lernte ihren Mann Ismet kennen und heiratete ihn 1989. Bei VDM sah man mehr in Nuray Erdogan: Von der Fabrik wurde sie ins Büro als Angestellte befördert. Das junge Paar Erdogan konnte endlich aus den elterlichen Wohnungen ausziehen und gründete eine eigene Familie. Am Bremfeld war mittlerweile keine Wohnung mehr zu haben, nach langer Suche fanden die Eheleute eine Kellerwohnung am Eickelsborn.

1992 wurde Tochter Gamze geboren, Nuray und Ismet Erdogan fanden doch wieder eine Wohnung am Bremfeld in der Nähe der Eltern: Beide konnten weiter bei VDM arbeiten, Tochter Gamze wurde von der Oma betreut. 1999 kam die zweite Tochter Melisa dazu, 2004 wurde Sohn Kaan geboren.

Ab 2004 Engagement in der Integrationsarbeit

Nuray Erdogan arbeitete bis 2004 bei VDM Evidal. Nach einer Fusion hätte sie nach Menden gehen können, sie nahm allerdings die Abfindung an und hörte auf mit bezahlter Arbeit. Nur Hausfrau und Mutter sein wollte sie nicht: Sie engagierte sich fortan ehrenamtlich in der Werdohler Integrationsarbeit. Neben Ali Akdeniz in der Stadtmitte und Dilek Kaya in Ütterlingsen war sie die treibende Kraft im Versetal. Gemeinsam mit Petra Henkes organisierte sie viele Treffen, nahm an Arbeitskreisen teil und stemmte Integrationsprojekte.

Im erstmals gegründeten Ausländerbeirat war sie die zweite Vorsitzende, den danach ins Leben gerufenen Integrationsrat leitete sie. An diese ehrenamtliche Arbeit ab Mitte der 2000er-Jahre erinnert sie sich: „Jedes Mal fehlten uns für konkrete Projekte Fördermittel, das meiste ging zur Finanzierung der Stelle von Herrn Wiederspahn drauf.“ Für Integrationsprojekte habe es kaum Geld von der Stadt gegeben, die Ehrenamtler hätten sich immer um Sponsoren und Spender bemüht.

Letztlich, so ihr Fazit nach zehn Jahren ehrenamtlicher Arbeit, seien die Freiwilligen überfordert gewesen. „Wir haben alles selber machen müssen, wir sind ansonsten wirklich allein gelassen worden.“

Verärgert ist sie deswegen nicht, sie habe für sich auch viel Positives aus der Ehrenamtszeit mitgenommen. Ihre Meinung zur Integrationsarbeit hat sich – auch wegen dieser Erfahrungen – grundlegend geändert. Integration setze sie mittlerweile sehr viel niedriger an: „Es reicht, wenn sich alle an die Rechte und Pflichten des Landes halten, damit ist das Thema Integration eigentlich schon fertig.“ Für alles andere reiche gegenseitige Toleranz und Respekt. Jeder könne sein Leben in Deutschland so führen, wie er wolle, solange er sich an deutsches Recht und Gesetze halte und seiner Bürgerpflicht nachkomme.

Kampf gegen Vorurteile

Nuray Erdogan ist immer noch türkische Staatsbürgerin und will das auch bleiben. „Warum sollte ich Deutsche werden, was hätte ich davon?“, fragt sie recht provokativ. Sie trage einen türkischen Namen, sei in der Türkei geboren und fühle sich nach wie vor als Türkin, allerdings auch genau so als Werdohlerin – und sogar noch patriotischer als ganz überzeugte Bremfelderin.

Derweil kämpft Nuray Erdogan weiter tapfer gegen Vorurteile: Sie trägt kein Kopftuch, ihren muslimischen Glauben sieht sie als rein private Angelegenheit. Wer die attraktive Frau sieht und hört, denkt nicht an eine Ausländerin. Anders ergehe es ihrer Mutter: „Die Leute sehen bei ihr nur das Kopftuch und denken, sie könne kein Deutsch.“

Zum Thema Kopftuch hat sich Nuray Erdogan viele Gedanken gemacht. Im Koran werde nur an einer Stelle von der Bedeckung von Hals und Brust gesprochen, das habe sie nachgelesen. Dass das Kopftuch die Haare vollständig bedecken müsse, sei eine Interpretation der Imame. Für den persönlichen Glauben als Muslimin sei das Kopftuch genauso unwichtig wie ein Minarett. Sie sei Muslimin und erfülle ihre Pflichten – aber ohne Kopftuch und ohne Mitglied in einem Moscheeverein zu sein. Wenn eine Muslimin ein Kopftuch trage, sei es ihre ganz persönliche Entscheidung.

Kritik am Ditib-Moscheeverein

Religion sei Privatsache der Menschen und dürfe nicht mit dem Staat verbunden sein. Die Verbindung der Ditib-Gemeinden mit dem türkischen Staat und der Diyanet-Religionsbehörde gefällt ihr nicht. Die Werdohler Ditib-Gemeinde agiere ihrer Meinung nach zu verschlossen, aus der Türkei eingeflogene Imame hält sie für den falschen Weg.

Nuray Erdogan ruft stattdessen in jede Richtung zu Toleranz auf. Wer als Türke in Werdohl ausschließlich im engen Familienverbund lebe, traditionell denke und sich an die türkische Kultur klammere – der könne das doch einfach tun. Manche Türkinnen und Türken lebten in Werdohl in Parallelgesellschaften – aber was daran schlimm sei, könne sie nicht erkennen. Auch auf deutscher Seite gebe es Menschen, die sich mit ihren Vorstellungen von Lebensverwirklichung anders als die anderen verhalten würden. Ihr Credo: Solange sich alle an Recht und Gesetz hielten, sei es doch in Ordnung.

Viele Vorurteile seien aufgrund der Enge der Kleinstadt entstanden und hielten sich hartnäckig. Erdogan: „In Großstädten regt sich über so was doch niemand mehr auf.“ Dass sie als türkische Werdohlerin pauschal ausgegrenzt und für nicht vorhandene Probleme verantwortlich gemacht werde, nervt sie mittlerweile enorm: „Warum soll ich der Sündenbock sein? Warum sollen meine Kinder hinten anstehen? Es macht mich fassungslos, das ist so unfair.“

Familie will kein Sündenbock sein

Schon ihre Generation und erst recht die ihrer Kinder strebe nach Erfolg und Wohlstand in Deutschland. „Keine türkische Familie will erfolglos sein, alle Kinder sollen die beste Bildung bekommen.“ Türkische Familien seien sehr strebsam und wollten gute Berufe für ihre Kinder, damit sich jeder mit seinem Einkommen seine Wünsche erfüllen könne. Kein türkischer Mann, keine türkische Frau wolle als Faulpelz angesehen werden.

Erdogans haben eine große und sehr schön eingerichtete Wohnung auf dem Bremfeld, zwei Autos vor der Tür und drei kluge Kinder. Sie finden die Gerechtigkeit in Deutschland gut und sie bewundern, wie die Gesetze akzeptiert würden. Sie sind voll im deutschen Mittelstand angekommen – und immer noch gibt es Neid und Ängste. Nuray Erdogan braust auf: „Was kann ich persönlich für die Vorurteile der anderen, ich wollte doch gar nicht nach Deutschland, ich musste ja hierher kommen.“

Ganz anders sehe das bei ihren Kindern aus: Alle drei seien in Deutschland geboren und würden die Türkei nur von Urlaubsreisen kennen. „Ihr Zuhause und ihre Zukunft liegt in Deutschland. Das sind keine Türken mehr, das sind Deutsche.“

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