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Zu wenig Frequenz in der Stadt: Traditionsgeschäft schließt nach 99 Jahren

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Von: Georg Dickopf

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Zum Jahresende schloss Leder Köhler still und heimlich nur wenige Tage vor dem 99-jährigen Bestehen des Geschäftes.
Zum Jahresende schloss Leder Köhler still und heimlich nur wenige Tage vor dem 99-jährigen Bestehen des Geschäftes. © Dickopf, Georg

Am 5. Januar 1924 wurde das Lederwarengeschäft Köhler in der Plettenberger Innenstadt eröffnet. 99 Jahre später sieht wenig danach aus, als könne das runde Jubiläum noch gefeiert werden.

Plettenberg – Am 5. Januar vor 99 Jahren wurde in Plettenberg das Lederwarengeschäft Listringhaus und Köhler in einem der ältesten Häuser der Innenstadt an der Graf-Dietrich-Straße 5 eröffnet. Der fast runde Jahrestag ist für Christel Köhler, die Töchter des Mitbegründers Heinrich Köhler trotzdem ein trauriger Tag, denn zum Jahresende schlossen sich still und auch fast ein bisschen heimlich die Türen von Leder Köhler, unter dessen traditionsreichen Namen Stefan Harnischmacher aus Olpe die Geschäfte mit seinen Mitarbeiterinnen 16 Jahre lang fortführte.

Jetzt ist in einem Aushang an den zugeklebten Schaufenster zu lesen, dass man zum Jahresende 2022 die Türen schloss, Gutscheine in den verbliebenen Harnischmacher-Filialen einlösen könne und dort auch weiter einkaufen könne.

Wir fragten nach bei Stefan Harnischmacher, warum es keinen Räumungsverkauf oder entsprechende Anzeigen oder Hinweise gab. Dafür hätte er zusätzliche Ware kaufen müssen und da er auch noch zwei Filialen habe, sei das Geschäft einfach fristgemäß gekündigt worden.

Stefan Harnischmacher übernahm die Plettenberger Filiale von Lederwaren Köhler im Jahr 2006.
Stefan Harnischmacher übernahm die Plettenberger Filiale von Lederwaren Köhler im Jahr 2006. © TV Olpe

Dass am 5. Januar das 99-jährige Jubiläum ansteht, erfuhr Harnischmacher erst nach der Kündigung. „Ich bedauere das selbst sehr, aber ich kann den Laden nicht aus Mitleid oder wegen eines Jubiläums weiter betreiben. Einige Jahre waren wir ja recht erfolgreich in Plettenberg, aber die letzten Jahre waren so schwer, dass es nicht mehr ging.“

Lange habe er in Plettenberg unter der Baustelle der Innenstadtsanierung gelitten. „Diese Baumaßnahme war für uns nicht sonderlich förderlich. Dann kam Corona und als wir dachten, dass es besser würde, kam die Inflation“, sagt der Olper, der seit dem Herbst eine deutliche Kaufzurückhaltung spürte, weil die Leute Geld für Energienachzahlungen an die Seite gelegt hätten.

Sachliche Analyse

Ganz sachlich analysiert Harnischmacher die weiteren Gründe für die negative Entwicklung. „Die Plettenberger gehen oft einfach nicht in Plettenberg einkaufen“, glaubt der 60-jährige und macht das am Beispiel der Schultornister fest. Davon habe er im Laden über 50 Modelle – unter anderem von Scout und Ergobag – im Angebot. „In Olpe haben wir mehr als die fünffache Menge verkauft bei dem gleichen Angebot“. In Plettenberg hätten die möglichen Kunden offenbar in anderen Städten oder im Internet eingekauft.

Während die Großeltern mit dem Enkel den Ranzen in Olpe oder Altenhundem dort kauften, wo sie selbst schon als Kind gewesen seien, gebe es diese Verbundenheit in Plettenberg nicht.

 „Stellen Sie sich mal auf den sanierten Alten Markt. In der Stadt ist zu wenig Frequenz und es sind zu wenige Menschen unterwegs“, bedauert Harnischmacher, dessen Ladenlokal am Ende der Fußgängerzone liegt.

Alte Markt hat an Frequenz verloren

„Der Alte Markt hat an Ausstrahlung gewonnen, aber an Frequenz verloren“, bedauert der Olper. Ein Caf‘é im Haus zur Sonne oder mehr Geschäfte in der Nähe wären nach Ansicht des Einzelhändlers vorteilhaft gewesen. Doch stattdessen hätten immer mehr Läden geschlossen. „So eine Stadt ist ein fragiles Gebilde, das sich aus vielen kleineren und größeren Steinen zusammensetzt.“ Sein Laden sei ein eher kleines Steinchen, aber wenn auf Mode Maiworm kein Textilgeschäft mehr in der Fußgängerzone folge, sei dies ein größeres fehlendes Steinchen und die Bereitschaft, durch die Fußgängerzone zu schlendern, sinke.

Noch dazu fahre der Plettenberger offenbar gerne mit dem Auto bis vor das Geschäft, was nach der Innenstadtsanierung nicht mehr möglich sei. Olpe und Attendorn seien von der Einwohnerzahl nahezu gleich mit Plettenberg, doch dort sei das Verhältnis der Bürger zu ihrer Stadt ein anderes und geprägt von Verbundenheit.

Abschließend gestand Harnischmacher ein, wenig Geld in Anzeigen und Werbung gesteckt zu haben. „Auch war der Teppichboden im Laden vielleicht schon älter, aber wir hatten immer ein sehr aktuelles Sortiment“, bedauerte Harnischmacher die Kundenzurückhaltung, die nun zum Aus führte. Zwei bei ihm beschäftigten Minijobberinnen habe er kündigen müsse, eine Dritte habe die Stunden aufgestockt und arbeite nun in den anderen Filialen.

Die 93-jährige Christel Köhler betrieb das Geschäft über 50 Jahre lang.
Die 93-jährige Christel Köhler betrieb das Geschäft über 50 Jahre lang. © Dickopf, Georg

Spricht man mit der Vermieterin Christel Köhler, die das Geschäft selbst über 50 Jahre bis Ende 2005 führte, schaut man in traurige Augen: „Irgendwie habe ich geahnt, dass es so kommen würde, aber die Geschäftsaufgabe hat mich schon sehr getroffen“, sagt die mit 93 Jahren sehr rüstige Plettenbergerin, die über dem Ladengeschäft wohnt. „Ich bin hier im Haus geboren worden und möchte hier auch bis zum Ende bleiben“, sagt die gelernte Großhandelskauffrau.

Plettenberg setzt sich aus zu vielen Dörfern zusammen. Ein echtes Wir-Gefühl gibt es hier nicht.

Christel Köhler

Sie bedauert, dass sich viele Stadtbewohner nicht mit der Innenstadt identifizierten: „Plettenberg setzt sich aus zu vielen Dörfern zusammen. Ein echtes Wir-Gefühl gibt es hier nicht“, bedauert Köhler, die früher noch eine Konkurrenz in Leder Seuster hatte (heute Schnelltestzentrum). Auch sie habe bemerkt, wie die Frequenz in der Innenstadt angenommen habe. „Die ganze Innenstadtsanierung hat viel zu lange gedauert und hier war drei Jahre lang Dreck und ein Baustofflager vor die Tür“, kritisiert Köhler.

Noch dazu erinnert sie sich an das Regenwasser im Laden, nachdem im Auftrag des Berliner Planungsbüros BBZ das Pflaster mit einem Gegengefälle von fünf Prozent zum wohl ältesten Ladenlokal der Stadt angelegt wurde.

Christel Köhler im September vor der Pfütze am Ladenlokal, nachdem die Berliner Planer das Gefälle falsch berechnet hatten.
Christel Köhler im September vor der Pfütze am Ladenlokal, nachdem die Berliner Planer das Gefälle falsch berechnet hatten. © Dickopf

Auch Stefan Harnischmacher hatte seinerzeit große Sorgen, dass der gesamte Bereich vor seinem Laden noch einmal aufgerissen werden musste. Doch offenbar habe ein Mitarbeiter der ausführenden Baufirma das von den Berlinern geplante Unheil kommen sehen und unter dem Pflaster ein Rohr zur Entwässerung verlegt. Darüber habe dann recht problemlos die Entwässerungsrinne angelegt werden können, die das Wasser bisher fern gehalten habe.

Nicht fern, sondern ganz nah am Gebäude steht dagegen der neue mobile Baumkübel, den Christel Köhler an der Stelle ganz passend und schön findet, zumal es dort früher mal vier Bäume gegeben habe. Gefragt worden sei sie vor der Aufstellung des Baumkübels aber ebenso wenig wie Stefan Harnischmacher.

Ihr rund 80 Quadratmeter großes Ladenlokal würde Christel Köhler demnächst gerne wieder vermieten. Und dann könnte in einem Jahr vielleicht doch noch das 100-jährige Jubiläum des wohl ältesten Plettenberger Ladenlokals gefeiert werden.

Die Gesichte des Geschäftes

Am 5. Januar 1924, also vor genau 99 Jahren gründeten Heinrich Köhler und Eduard Listringhaus die „Lederhandlung“ Listringhaus und Köhler mit Schuhmacherwerkstatt an der Graf-Dietrich-Straße 5. Das Haus wurde 1725 nach dem Stadtbrand von dem Fassbinder Heinrich Steffen errichtet. Es blieb in der Familie bis heute, denn die Großmutter von Christel Köhler war Wilhelmine Köhler, geb Steffen.

Im November 1961 starb Vater Heinrich Köhler, so dass Christel Köhler ab 1962 – also vor 61 Jahren (!) das Geschäft übernahm. Die Großhandelskauffrau beliefert anfangs vor allem Schuhmachergeschäfte mit Ersatzteilen. 1983 wurde das Geschäft räumlich erweitert. Im Jahr, 1995 trennte man sich von der Sparte der Schuhbedarfsartikel. Ende 2005 schloss die damals 75-jährige Christel Köhler das Geschäft, das ab April 2006 unter gleichem Namen von Familie Harnischmacher weiterbetrieben wurde, die den Hauptsitz ihres Geschäftes in Olpe und eine weitere Filiale in Lennstadt-Altenhundem betreibt und den Mietvertrag in Plettenberg zum 31.12.2022 kündigte.

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