Zeit zum Zocken auf der ersten Plettenberger Retron

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Matthias Igel und Sandra Bürger haben für Samstag alles vorbereitet, damit sie selbst und die Besucher in die Welt von Super Mario und Co. abtauchen können.

Plettenberg - Atari, C64, NES, Super Nintendo oder Playstation I – all das könnt ihr am Samstag auf der ersten Plettenberger Retron spielen. Exklusiv für unsere Jugendseite Inside haben die Veranstalter vorzeitig ihre Konsolen angeworfen.

Evil Otto hat es auf Evil Igel abgesehen. Der eine, Evil Otto, dieser Schurke, dieser grimmige Flummi, hüpft einfach durch die Wände und macht Jagd auf unseren tapferen Berserker. Der andere, Evil Igel, schwitzt an seinem Spielecontroller, steuert seinen Helden nach links, rechts, oben, unten. Vorbei an den Roboter-Gangs. Entlang der Wände. Hauptsache weg.

„Dieses Schwein“, brüllt Evil Igel, während aus dem Lautsprecher eine heuchlerische Dudelmusik ertönt.

Evil Otto hat Evil Igel erwischt. Game Over.

Sekunden vergehen, und Evil Igel starrt noch immer fassungslos auf den Bildschirm dieses Röhrenfernsehers, der gerade mal die Bildschirmdiagonale eines Tablets-PCs hat. Von neuem bilden sich die schwarzen und weißen Striche, die mal eine Wand, mal die Roboter-Gang und mal den Flummi Evil Otto darstellen sollen. Von der Grafik, mit der Videospieler heutzutage verwöhnt werden, ist dieses Gerät mit dem Namen Vectrex Lichtjahre entfernt. Spaß macht es trotzdem.

Der Vectrex ist Evil Igels neuestes Schätzchen. Igel, ein Typ mit Atari-T-Shirt, Haaren bis zu den Schulterblättern und eigentlich vor 41 Jahren von seinen Eltern auf den Vor- namen Matthias getauft, wird wieder zum kleinen Jungen, wenn er vor dem Vectrex sitzt. Eine Spielekonsole, die 1982 auf den Markt kam. In einer Zeit, in der man noch in Spielhallen gehen musste, um an Automaten zu zocken. „Die in diesem Gerät entstehende Röntgenstrahlung ist ausreichend abgeschirmt“, lässt ein Aufkleber auf der Rückseite der Konsole wissen. Fürchten müssen wir uns also nicht. Nur vor Evil Otto in dem Spiel „Berzerk“. Der macht einem ganz schnell den Garaus, wenn man nicht aufpasst.

Inside durfte am Dienstagabend Zeuge des Dramas am Vectrex werden. Matthias Igel und seine Freundin Sandra Bürger, die am kommenden Samstag erstmals den Spieleabend Retron ausrichten, haben uns pünktlich vor der Veranstaltung in ihr Spielezimmer eingeladen. Einen Raum, in dem sich Konsolenspiele aus den letzten 40 Jahren stapeln, in dem es keine Uhren gibt und in dem die Mario-Kart-Figuren als Aufkleber über einen Querstreifen auf der Tapete fahren, wobei Bowser der Prinzessin etwas zu dicht auffährt, aber sei’s drum.

Zeit für die nächste Konsole. Etwas neuer als der Vectrex, aber irgendwie immer noch ziemlich steinzeitlich, ist der Commodore 64, kurz C 64. Aus dem Spielekasten angelt sich Evil Igel eine Diskette mit dem Spiel „Out Run“ und schiebt sie in den Schlitz des C 64. Ein paar Tastaturbefehle später saust der Zwei-Gang-Ferrari über die Rennstrecke beziehungsweise immer Richtung Horizont, wo Igel ihn immerhin mit dem Joystick nach rechts oder links lenken kann. In „Mario Bros.“, entwickelt 1983, muss Super Mario, seinerzeit noch in blauer Hose, nicht auf, sondern unter die Schildkröten und Krebse springen, um sie zu erledigen. Und „Micro Hexagon“ zeigt mit seinem poppigen Titellied eindrucksvoll, warum frühere Bar-Betreiber einfach mal Videospielmusik durch die Boxen tönen ließen.

Wir reisen weiter durch die Zeit, schmeißen den „Atari 2 600 Junior“ an, der Pac-Man in seiner ganzen Pixelpracht darbietet. Der Bildschirm flackert, weil die Konsole aus dem Jahr 1986 alles aus sich heraus holen muss. „Heute lacht man darüber“, sagt Evil Igel über das Gerät, das eigentlich schon 1977 auf den Markt kam und 1986 einfach neu aufgelegt wurde, „aber damals haben sich die Programmierer für solche Spiele ein Bein ausgerissen.“

1986 – das war auch das Jahr, in dem Nintendo den Videospielmarkt revolutionierte. Am 1. September kam das NES auf den Markt, ein hellgrauer Kasten mit eckigem Controller, in dessen Spiele die Kinder früher noch reingepustet haben, um sicherzugehen, dass sie auch laufen.

Für das NES zieht Igel aus dem goldenen Original-Pappkarton ein besonderes Schätzchen hervor: „The Legend Of Zelda“. Kaum zu glauben, aber das war wirklich das erste Mal, dass Titelheld Link über die Bildschirme lief und zum Start von seinem Mentor den Hinweis „It’s dangerous to go alone“ bekam, bevor er sich mit seinem Schwert auf den Weg machte, um Prinzessin Zelda zu befreien.

Ach, was waren das noch Zeiten: Während man heutzutage für die letztes Jahr erschienene Version „Zelda – Breath Of The Wild“ alle Lösungen im Internet nachschauen kann, half damals nur das Schulhof-Gespräch, um bei hakeligen Rätseln weiterzukommen. Oder aber die Nintendo Club-Magazine, deren Leser die Karten für die Spielewelten und die Tipps dankbar nutzten.

Das Super Nintendo versetzt uns danach in die Zeit der 90er Jahre. Wir zocken Street Fighter 2, der Sumoringer Honda gegen das Biest Blanka, schneller Handangriff gegen Stromstoß-Power, Sieg für Honda. Die Chinesin Chun Li greift ein, Box-Schwergewicht Balrog versucht sein Glück, aber am Ende bleibt Honda unbesiegt.

Mario Allstars zeigt eindrucksvoll den grafischen Fortschritt zu früheren Konsolen. Die Welt von Titelheld Super Mario (inzwischen mit roter Hose) erstrahlt in frischen Farben und mit eingängigen Hintergrundmelodien. Gleiches gilt für Mario Kart, auch so einem Evergreen, der bis heute auf keiner neuen Nintendo-Konsole fehlen darf. Nicht nur die Spielewelt, sondern auch die Controller waren mit je einem blauen, roten, grünen und gelben Knopf bunter.

Die Zeit rast, drei Stunden zocken fühlen sich an wie eine halbe Stunde und Evil Igel muss langsam wieder zu Matthias Igel werden und die Nachtschicht antreten. Aber eine Konsole müssen wir noch antesten, und zwar die Playstation I. Wieder ab auf die Rennstrecke, Lotus Elise gegen Ford Mustang, und Gran Tourismo 2 packt uns mit seiner irren Grafik. Welch ein Quantensprung gegenüber dem rund vier Jahre älteren Super Nintendo! Wir lassen uns in den Bann ziehen von dem fast filmgleichen Intro zu Tekken 3 und verwandeln danach unser Auto in Destruction Derby mit großer Lust zu einem Schrotthaufen.

Nach knapp dreieinhalb Stunden Zeitreise erlischt im Hause Igel auch das letzte Konsolenlicht. Glücklicherweise geht’s aber schon bald wieder weiter. Auf der Retron.

Wir können es kaum noch abwarten.

Das Wichtigste zur Retron im Überblick

Der große, öffentliche Spieleabend mit dem Titel „Retron“ findet am kommenden Samstag, 13. Januar, von 15 bis circa 0 Uhr im Schützenheim Grünetal am Ende des Wieckmerther Weges statt. Der Eintritt kostet 5 Euro, Kinder sind frei.

K Die Veranstalter Matthias „Evil“ Igel und Sandra Bürger bauen insgesamt zehn Konsolen auf (Atari 2600, Vectrex, C64, Amiga, NES, SNES, N64, Mega Drive, Game Boy, Playstation) und stellen darüber hinaus jeweils bis zu zehn Spiele bereit, die stündlich gewechselt werden sollen. Gespielt werden kann im Einzel- oder Mehrspielermodus. In zwei Wettbewerben in den Spielen Mario Kart auf SNES und Mario Bros. auf dem C64 winken den Besuchern sogar Preise.

K Kinder sind ausdrücklich eingeladen, auch wenn sie die Konsolen aus den 80er und 90er Jahren nicht kennen. „Sie haben hier die Gelegenheit, die Anfänge von Videospielen wie Zelda oder Super Mario kennenzulernen“, sagt Matthias Igel.

K Die Veranstalter folgen mit der Retron einem Trend, den zuletzt auch Nintendo genutzt hat. Die im Sommer 2016 neu aufgelegte Miniversion des NES war rasend schnell ausverkauft, ebenso wie im Herbst letzten Jahres der Super Nintendo Mini.

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