Jäger sind enttäuscht vom Wolfsmanagement

Wurden Hinweise auf möglichen Wolfsriss in Plettenberg nicht ernst genommen?

Friedrich-Wilhelm Schulz-Wiemann (links) und Hegeringleiter Hartmut Tengler fühlen sich
 vom Wolfsmanagement nicht verstanden.
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Friedrich-Wilhelm Schulz-Wiemann (links) und Hegeringleiter Hartmut Tengler fühlen sich vom Wolfsmanagement nicht verstanden.

Vor gut fünf Wochen soll es passiert sein. Ein Plettenberger Unternehmer (Name ist der Redaktion bekannt) stand hinter seiner Firma und blickte auf eine Wiese. Und dort stand nach seinen Angaben in rund 20 Meter Entfernung ein stattlicher Wolf.

Plettenberg -  „Der war nicht sonderlich menschenscheu, sondern ist erst nach einiger Zeit langsam davongetrottet“, berichtet der Plettenberger, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte und das auch begründet: „Bei mir stand in den letzten Wochen das Telefon nicht still.“

In Plettenberg Schafe gerissen?

Zahlreiche Jäger und interessierte Bürger hätten ihn angerufen und wollten ihn ausfragen. Auf die Frage, warum er seine Sichtung nicht beim Wolfsmanagement oder zuständigen Wolfsberater meldete, sagte er: „Das bringt doch sowieso nichts.“ Dabei war es offenbar nicht das erste Mal, dass der vermeintliche Wolf sich dem etwas außerhalb gelegenen Grundstück näherte, denn der Plettenberger berichtete von mehreren gerissenen Schafen. Auf eine Meldung beim Wolfsmanagement des LANUV (Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz) verzichtete er, was ihm bei amtlich dokumentierten Wolfsnachweisen per DNA-Analyse eine Entschädigung gebracht hätte.

Eine solche Analyse hätten auch der Plettenberger Hegeringleiter Hartmut Tengler und Landwirt Friedrich-Wilhelm „Friwi“ Schulz-Wiemann gerne gehabt. Denn sie sind sicher, auf der Spur eines Wolfes gewesen zu sein. Nur von offizieller Stelle wurde das nie bestätigt.

Rehkadaver oberhalb Bremcke

Rückblende: Es geht um den 5. Mai 2020. Ein Bekannter berichtete Landwirt Friwi Schulz-Wiemann von der ungewöhnlichen Reaktion des riesigen Damwildrudels, das im oberen Elsetal auf den Wiesen stand. An jenem Tag seien die Tiere voller Panik über die Wiese galoppiert. Später am Tag kam dann der Hinweis einer Reiterin, die einen Rehkadaver oberhalb von Bremcke gefunden hatte. Als Friwi Schulz-Wiemann den Kadaver sah, der einen Kehlbiss aufwies und bei dem die Eingeweide fehlten, informierte er sofort den zuständigen Wolfsberater Thomas Kroll-Bothe, der jedoch an diesem Tag verhindert war.

„Deshalb haben wir den Kadaver schließlich mit Handschuhen vorsichtig in eine Tüte gepackt und ihn bei uns in die Kühlung gelegt“, berichtet Schulz-Wiemann. Da ihnen gesagt wurde, dass die Größe des Kehlbisses entscheidend sei und mindestens vier Zentimeter betragen müsse, markierten sie die Einblutungen durch die vier Fangzähne mit Schrauben und maßen den Abstand, der 6,5 Zentimeter betrug. Einen Tag später füllte Wolfsberater Thomas Kroll-Bothe den Meldebogen aus. Die Bilder und Informationen wurden an Dr. Ingrid HuchtCiorga von der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung beim Landesumweltamt gesendet.

Eine Probenentnahme fand nicht statt, was mit der Anwesenheit eines Hundes zu tun hat. „Mein Hund hat das Tier nicht berührt“, versichert Schulz-Wiemann, der folgendes Schreiben von Dr. Hucht-Ciorga bekam: „Der Rehbock war bei der Begutachtung durch Herrn Kroll-Bothe nicht am Fundort, sondern in einem Plastiksack in einer Kühltruhe. Der originäre Fundort konnte somit nicht auf Spuren untersucht werden. Auch die Fundlage des Rehbockes und gegebenenfalls vorhandene Schleifspuren konnten nicht untersucht und dokumentiert werden. Auf einem Foto ist zu sehen, dass offenbar ein Hund in der Nähe des Kadavers war. Eine genetische Probenahme ist unter diesen Umständen nicht sinnvoll.“ 

„Kein typischer Tötungsbiss“

Auch zu dem Kehlbiss und den Spuren äußerte sich die Expertin in ihrem Schreiben an Hartmut Tengler: „Der Rehbock wies keinen für einen Wolf typischen Tötungsbiss am Hals auf. Bitte künftig keine Gegenstände – hier Schrauben – auf die freigelegten Bereiche legen; das verdeckt das Gewebe und erschwert die Beurteilung.“ Die Fraßspuren seien schon weitgehend eingetrocknet, nur an den Hinterläufen seien frischere Fraßspuren zu finden. Dr. Hucht-Ciorga weiter: „Die Fraßspuren sind unspezifisch. Ein Verdacht auf Tötung durch einen Wolf besteht nicht.“

Bild des 6,6 Zentimeter langen Kehlbisses bei einem am 6. Mai in Bremcke gefundenen Reh.

Abschließend bedankte sie sich bei der Mitwirkung, verbunden mit dem Ratschlag: „Bei künftigen Verdachtsfällen belassen Sie bitte den Kadaver am Fundort und unterrichten einen unserer Luchs- und Wolfsberater. Durch die aktuelle Corona-Lage kann es aber dazu kommen, dass bei Wildtieren eine Begutachtung vor Ort nicht organisiert werden kann.“

Arbeit mit LANUV „unbefriedigend“

Für Hegeringleiter Hartmut Tengler und Friwi Schulz-Wiemann war die Zusammenarbeit „sehr unbefriedigend. Wir wurden wie zwei Schuljungen behandelt und fühlten uns nicht wirklich ernst genommen, dabei ging es uns um den wissenschaftlichen Nachweis“, sagt Schulz-Wiemann. Sein Versuch, Kreisveterinär Dr. Trappe einzubinden, scheiterte. „Er sagte mir, dass er das nicht darf“, bedauert der Plettenberger Jäger, der schon viele tote Rehe im Wald gesehen hat, aber noch nie einen solchen Fall. „Unsere Erfahrungen als Jäger wurden kurzerhand abgetan. Man hat uns einfach lächerlich gemacht“, findet der Landwirt.

Auch das am gleichen Tag aufgescheuchte Damwildrudel habe die Wolfsexpertin trotz der Zusendung eines Videos abgetan. Wörtlich teilte sie mit: „Die Ursache für die Beunruhigung des Damwildes ist im Video nicht erkennbar. Daraus kann ich nicht ableiten, dass ein Wolf in der Gegend unterwegs sein muss. Nach meiner Beobachtung sind zur Zeit besonders viele Menschen im Wald unterwegs, mit Kindern und Hunden.“ Dem widerspricht der Landwirt massiv: „Die Tiere waren völlig durch den Wind. Radfahrer und Spaziergänger sind die gewohnt. Deshalb geraten die nicht Panik.“ Er selbst sei dagegen in Sorge, dass ein Wolf seine Fohlen in Offenstallhaltung angreife.

Wir wurden wie zwei Schuljungen behandelt und fühlten uns nicht wirklich ernst genommen, dabei ging es uns um den wissenschaftlichen Nachweis.

„Friwi“ Schulz-Wiemann zeigt sich enttäuscht über die Zusammenarbeit mit dem Wolfsmanagement

Ganz abwegig erscheint das nicht, denn im Juli und Mai 2019 gab es dokumentierte Sichtbeobachtungen eines Wolfes mit Fotos in Kierspe und Meinerzhagen. In Meinerzhagen identifizierte das LANUV das Tier auf den Bildern eines Hobbyfotografen. Ebenfalls im Mai 2019 fanden sich Kot- und Urinspuren eines Wolfs in Neuenrade. Und nach dem dokumentierten Fall am 28. November 2020 in Balve-Langenholthausen soll auch in Beckum ein Wolf gesichtet worden sein.

Wolfslosung mit Rehhaar

In Plettenberg wurde offiziell noch kein Wolf dokumentiert, dabei hinterließ das Raubtier möglicherweise kurz nach dem Riss des oben beschriebenen Rehs einen genetischen Fingerabdruck. Rund zwei Kilometer von der Bremcke entfernt fanden Jäger am 25. Mai 2020 im Hestenberg fernab von Wanderwegen eine potentielle Wolfslosung, die durch ihre Größe und die Inhaltsstoffe auffiel. „Die Losung war deutlich größer als bei einem Fuchs und wies jede Menge Rehhaare auf“, berichtet Philipp Plassmann, Sprecher des Plettenberger Hegerings.

Man habe die Losung umgehend ohne Kontakt in einen Plastikbeutel eingetütet. Nach den zwiespältigen Erfahrungen mit dem Wolfsmanagement habe man diesmal einen anderen Weg gehen wollen. Deshalb nahm ein Jäger Kontakt auf zu Dr. med. vet. Martin Peters, Fachtierarzt für Pathologie und Mikrobiologie, am Chemischen Veterinäruntersuchungsamt in Arnsberg.

Genetische Untersuchung

Dr. Peters sagte nach der Betrachtung der Bilder, dass einiges dafür spreche, dass es sich um eine Wolfslosung handeln könnte. Näheres könne aber nur eine genetische Untersuchung zeigen, die er selbst allerdings nicht durchführen oder in Auftrag geben könnte. Dieses sei nur über das LANUV möglich und laut Wolfsmanagement Aufgabe des Senckenberg-Instituts in Gelnhausen beziehungsweise Görlitz.

Dort nimmt man nach Aussage von Projektmanagerin Michelle Müller keine privaten Proben an. Stattdessen müsse das Institut vom jeweiligen Wolfsmanagement beauftragt werden. Insofern hätte die Losung zunächst zum LANUV geschickt werden müssen. Weil die Jäger nach den zuvor gemachten Erfahrungen letztlich darauf verzichteten, konnte der Beweis nicht erbracht werden, dass der Wolf sich in den Plettenberger Wäldern erleichtert hat und dabei auch jede Menge Rehhaare ausschied. Abschließend antwortete Dr. Martin Peters auf die Frage nach dem Wolf im Sauerland wie folgt: „Hier ziehen sicher Wölfe durch.“ 

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