Auch wenn Silvester dieses Jahr ruhig war

Darum werden Wildtiere im Wald trotzdem viel zu oft aufgeschreckt

Reh im Wald, Spaziergänger verhalten sich rücksichslos gegenüber Wild
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Das Wild hatte an diesem Silvester zwar weniger Stress durch Feuerwerkslärm, doch Störungen gibt es trotzdem, denn coronabedingt suchen immer mehr Menschen Erholung in der Natur. Einige davon verhalten sich laut Hegering rücksichtslos.

Etwas ruhiger als in den Vorjahren und mit weniger Feuerwerk haben die Plettenberger das neue Jahr begrüßt. Konnten die Waldbewohner so entspannter in das Jahr 2021 starten? Ein Interview.

Plettenberg - Hat Silvester Spuren hinterlassen? Und was bedeutet der coronabedingt starke Besucherandrang in der Natur für die Tiere? Dazu äußert sich Philip Plassmann, beim Hegering Plettenberg zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, im Gespräch mit Johannes Opfermann

Es wurde in diesem Jahr an Silvester weniger geknallt. Hat das Wild also diesmal einen ruhigeren, weniger stressigen Jahreswechsel erlebt als sonst?

Mit Sicherheit können wir das nicht sagen, weil es dazu keine Forschung gibt. Vom Gefühl her würde ich das aber schon sagen. Das Wild kommt nachts aus dem Wald runter ins Tal an ruhige Orte und sucht sich Äsung, also Nahrung. Bei Verkehrslärm oder wenn an Silvester plötzlich aberhunderte Böller gestartet werden, flieht das Wild zurück in den Wald. Ob es in diesem Jahr anders war, konnten wir nicht beobachten, weil an Silvester in der Regel kaum Jäger im Wald sind. Aber wir können es an den Familien- und Jagdhunden festmachen. Viele Jäger konnten häufig den Jahreswechsel nicht woanders feiern, sondern blieben daheim bei den Hunden, die wegen des Feuerwerks extrem ängstlich waren. An diesem Silvester waren die Hunde dagegen nicht so aufgedreht, weil weniger geböllert wurde. Deswegen würde ich darauf schließen, dass auch das Wild den Jahreswechsel entspannter genossen hat.

Auf der anderen Seite sind wegen Corona viel mehr Menschen in der Natur unterwegs – auch über Silvester und Neujahr. Ist damit nicht wieder zusätzlicher Stress für das Wild verbunden?

Generell haben wir schon über das ganze Corona-Jahr einen enormen Andrang an Naturbegeisterten, die in Wald und Flur unterwegs sind. Dass sich die Menschen wieder ein bisschen auf die Natur zurückbesinnen, freut uns auch. Wir müssen hier aber auch darauf hinweisen, dass das Verhalten von einigen Menschen in der Natur absolut rücksichtslos ist. Wir haben deutlich mehr Müll an vielen Stellen, und es gibt Leute, die zu Fuß oder mit dem Rad abseits der Wege kreuz und quer im Wald unterwegs sind. Probleme mit freilaufenden Hunden gibt es auch. Ich habe Verständnis dafür, dass Leute ihren Hunden Auslauf geben möchten, aber Halter sollten bitte ihre Hunde, wenn diese nicht aufs Wort hören, an die Leine nehmen. Es gab Situationen, in denen freilaufende Hunde Wild hinterher gejagt sind oder ihren Besitzern sehr weit vorausliefen – die folgten dann erst in einem sehr großem Abstand. Das geht natürlich nicht. Rehe beispielsweise befinden sich gerade im Schonmodus. Wenn Menschen sie stören oder freilaufende Hunde sie hetzen, geraten sie in Panik. Sie kommen dann erst Stunden später wieder zur Ruhe. Gerade nach den zuletzt sehr trockenen und heißen Sommern, sind die Tiere nun im kalten Winter ohnehin schon geschwächt, was man am geringeren Gewicht der Tiere beobachten kann. Jegliche zusätzliche Belastung kann bei den Wildtieren eine weitere Schwächung, gar Herzversagen und somit den Tod auslösen. Dies ist vielen Waldbesuchern nicht bewusst und muss daher unbedingt vermieden werden.

Was sollten die Menschen allgemein beachten, wenn sie in der Natur unterwegs sind?

Jeglichen Müll sollten sie nicht im Wald zurücklassen, sondern wieder mit nach Hause nehmen. Wie gesagt sollten Hunde an die Leine genommen werden. Besonders sollten die Leute darauf achten, dass sie nur auf den ausgewiesenen Wanderwegen unterwegs sind. Die Bereiche links und rechts der Wege – zum Beispiel die Dickungen, die Geburtsort für Wildnachwuchs sind, so beispielsweise bei den Wildschweinen, die ab jetzt ihren Nachwuchs zur Welt bringen – sollten sie komplett in Ruhe lassen. Auch auf Feldern und Wiesen kann man die Hunde nicht einfach freilaufen lassen. Denn dort befinden sich ab dem Frühling Junghasen, Bodenbrüter und ab Mai Rehkitze, die dort abgesetzt wurden. Wenn ein Hund sie aufstöbert und berührt, nimmt die Mutter ihren Nachwuchs nicht mehr an und er muss verhungern. Das ist ganz entsetzlich. Oder sie werden von den Hunden, die ihrem Ur-Instinkt folgen, totgebissen. Hinzukommt, dass die Tiere, wenn sie in diesen Lebensräumen immer wieder gestört werden, diese schließlich aufgeben und abwandern. Aus Sicht der Natur sind das dann ,,tote“ Flächen. Wir Jäger wollen hier nicht immer der Spielverderber sein, aber wir müssen diese Missstände auch deutlich ansprechen, da wir leider nach wie vor jedes Jahr aufs Neue diese Probleme in den Revieren feststellen und sich leider in den Köpfen mancher Mitbürger dahingehend zu wenig tut. Leider erleben wir es oft, dass Leute für die Jagd kein Verständnis haben. Dass wir uns auch um den Lebensraum der Tiere kümmern, sehen sie nicht. Übrigens: Auch auf landwirtschaftlichen Flächen sollten Halter die Hunde nicht einfach ihr Geschäft machen lassen. Denn über das Tierfutter, das ab dem Frühjahr auf den Wiesenflächen gemäht wird, können so Kühe und Pferde krank werden.

Durch Corona ist auch die Arbeit der Jäger schwieriger geworden und die Pandemie wird uns noch weiter beschäftigen. Vor welchen Herausforderungen stehen die Jäger deswegen in diesem Jahr?

Die größte Herausforderung ist die Afrikanische Schweinepest (ASP). Denn die Corona-Gesetzgebung, für die wir vollstes Verständnis haben, beschränkt auch uns Jäger. Dadurch ist es kaum möglich, Drückjagden durchzuführen. Die sind aber sehr wichtig, um die Wildschwein-Population zu regulieren. Das zeigt sich in Ostdeutschland, wo Drückjagden wegen Corona im Moment nicht durchgeführt werden können; wahrscheinlich ist das erst im Herbst wieder möglich. Dadurch hat sich die ASP deutlich ausgebreitet. Aber auch hier bei uns gibt es zu viele Wildschweine, die wir zurzeit nur von den Einzelansitzen aus erlegen können. Dies ist jedoch bei Weitem nicht so effektiv wie eine Gesellschaftsjagd, denn die Jagd auf Wildschweine ist deutlich schwerer als beispielsweise auf Rehwild. Das ist ein großes Manko für die Jägerschaft. Die Gefahr ist, dass sich die ASP weiter ausbreitet und man – wie bei Corona – die Kontrolle darüber verliert. Dazu kommt, dass wir mit mehr Wildschweinen auch mehr Wildschäden haben, worunter dann die Landwirte leiden.

Was möchten Sie abschließend noch den Menschen mitteilen, die jetzt Erholung in der Natur suchen?

Wir alle wollen die Schönheit der Natur gleichermaßen genießen, doch bitte nehmen Sie dabei auch Rücksicht auf die Wildtiere, den Wald und die landwirtschaftlichen Flächen. Jeder, der sich an die Regeln und Bitten der Jägerschaft hält, trägt so auch zum Naturschutz bei und erhält den Lebensraum und die Artenvielfalt in unserer heimischen Natur.

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