Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Christian Rotter auf der PleWo-Bühne

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Der 28-jährige Christian Rotter, blonde Haare, Akustikgitarre, auf der PleWo-Bühne.

Plettenberg - Christian Rotter kann sich noch gut an seinen letzten Auftritt in Plettenberg erinnern. Er und seine Bandkollegen gaben ein furioses Konzert, verließen am Ende durchgeschwitzt die Bühne. Und wenig später liest er in einem Leserbrief, wie die Veranstalter bloß so eine Band verpflichten konnten, die „Ohrenkrebs verbreitet“ hätte.

Rund zehn Jahre ist der Auftritt bei der Veranstaltung P-Kulinarisch schon her. Seitdem stand der Vollblutmusiker nicht mehr auf einer Plettenberger Bühne. Bis zum Samstag auf der PleWo.

Da sitzt er nun neben der Plettenberger Sängerin Fabienne Drepper, die mit ihren 21 Jahren nur etwas älter ist als er bei seinem Auftritt damals. Rotters Haare sind jetzt blond und nicht mehr schwarz, aber die Gitarre in seiner Hand ist geblieben. Er stimmt ruhige Töne an. Ed Sheerans 'Shape of you', das er und Fabienne in eine bewegende Ballade verwandeln. Es folgt Coldplays 'Hymn for the weekend', wieder so eine schöne, sanfte Melodie, toller Gesang, zum Dahinschmelzen.

Nein, wer Christian Rotters letzten Auftritt in Plettenberg noch in Erinnerung hat, der wird ihn am Samstag nicht wiedererkannt haben. Er ist 13 Jahre alt, als er sich eine Gitarre kauft, ohne, dass er auch nur ein Riff spielen kann. Aber weil sein Kumpel Julian Heidrich auf der Geschwister-Scholl-Realschule in die Schulband eingetreten ist und Christian auch was mit Musik machen möchte, steigt er mit seiner Gitarre ein. Als sich mit Stefan Schulz, Marco Liesche und Patrick Mrohs weitere Gleichgesinnte finden, gründen die Jungs im Jahr 2005 ihre eigene Band mit dem Namen ‘From Inside’.

Fabienne Drepper

Die Musik ist nichts für Schmusefanatiker. Brachial geht es bei den Jungs zur Sache, Sänger Marco Liesche singt nicht, sondern er schreit ins Mikrofon. Schnell macht sich die Band in der Hardrock-Szene einen Namen, Auftritte in Plettenberg und Umgebung werden zur Regel, Christian Rotter ist jedes Wochenende unterwegs. Den Höhepunkt erreicht die Band, als sie mit den eigenen Vorbildern von ‘Callejon’ zusammen auf der Bühne steht.

Aber die Musik ist eben auch nicht jedermanns Geschmack. Die Besucher von P-Kulinarisch wollen eher entspannen, als musikalisch eins auf die Mütze zu bekommen. So kam es auch zu dem „Ohrenkrebs“-Leserbrief, den Christian Rotter und seine Kollegen mit Humor genommen haben.

Überhaupt ist Humor etwas, das den Plettenberger schon immer ausgezeichnet hat. Bei der PleWo am Samstag strahlt Christian Rotter, wie er es immer getan hat. Er gewinnt mit seiner lockeren Art im Nu das Publikum. „Wir wirken der Kälte entgegen“, ruft er den Gästen zu und begleitet Sängerin Fabienne nun nicht mehr nur. Jetzt singt er selber. Und zwar Lady Gagas ‘Pokerface’.

Vom Hardrock-Gitarristen zum Lady-Gaga-Sänger? Christian Rotter muss selbst ein bisschen schmunzeln. „Ich bin eben älter und reifer geworden.“

Nach seiner wilden Zeit mit ‘From Inside’ im Jahr 2009 hat er Plettenberg in Richtung Köln verlassen, um dort sein eigenes Tonstudio zu etablieren. Er lernt zu diesem Zeitpunkt den Produzenten des Raggea-Stars ‘Gentleman’ kennen und kann weitere Kontakte knüpfen, die ihm als Produzent eine ganze Reihe von Aufträgen bescheren. Er verdient gutes Geld, aber ohne Nebenjob reicht es nicht.

Rotter entwickelt in den Jahren in Köln ein Gespür dafür, was sich verkaufen lässt. Er mag noch immer den Hardrock von damals und liebt den Raggea. Das ist auch am Samstag zu hören. Er versinkt völlig im Gentleman-Klassiker ‘Superior’, im Publikum unterm Stephansdachstuhl nicken die Köpfe zum Takt. Aber dann wird es wieder kommerzieller, wenn er und Fabienne zu ‘Shut up and dance with me’ wechseln.

Rotter hat sein Tonstudio in Köln inzwischen aufgegeben, weil er vor zwei Jahren einen Job im Marketing bei der Firma Logitech in Bielefeld angetreten hat. „Ich habe das Equipment natürlich mitgenommen, konnte es aber aus Platzgründen nicht mehr aufbauen“, berichtet der inzwischen 28-Jährige. „Auch das Schlagzeugspielen ist schwierig geworden – die Nachbarn haben das nicht so gerne.“ Trotzdem ist er als Musiker noch jedes Wochenende unterwegs. Gemeinsam mit Fabienne singt und spielt er auf Hochzeiten, hat allein in diesem Jahr 35 Auftritte hingelegt.

Läuft bei ihm, könnte man ganz salopp sagen. Wenn er und Fabienne heute auf einer Veranstaltung wie das frühere P-Kulinarisch spielen würden, dann würde das Publikum begeistert applaudieren und keine „Ohrenkrebs“-Vorwürfe erheben.

Aber ein Programm nur mit Balladen kann es schließlich auch nicht sein. Bei der Zugabe gibts einen Song, „den ihr alle kennt“, wie Rotter ankündigt. Es ist ‘Autobahn’ von den Ohrboten, ein Lied, das auf keinem Raggea-Festival fehlen darf. Ok, im PleWo-Publikum kennt es am Samstag vielleicht nicht jeder, aber viele Besucher stehen jetzt und tanzen mit. Sie lassen sich mitreißen von einem Musiker, der zwar kommerzieller geworden, aber genauso authentisch wie früher geblieben ist.

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