Lagerfeuer-Momente am Laptop

Wie eine Sauerländerin per Homeoffice von Schweden aus arbeitet

Die in Plettenberg und Altena groß gewordene Pia Sternberg im Homeoffice mit Hund Mango
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Die in Plettenberg und Altena groß gewordene Pia Sternberg im Homeoffice mit Hund Mango vor ihrem schwedischen Zuhause auf Gotland.

Pia Sternberg ist ein echtes Kind des Sauerlandes. Die 33-Jährige schrieb ein Jahr vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie einen viel beachteten Medienartikel zum Thema Homeoffice. Zuletzt gab sie Interviews im Spiegel, bei Xing, bei Horizont und in diversen anderen Medien, denn sie lebt das Thema Homeoffice und Mobiles Arbeiten wie keine andere. Neuerdings in Schweden wohnhaft, arbeitet sie von dort aus dem Homeoffice bei einer Berliner Agentur.

Grötlingbo/Plettenberg/Altena – Mit Georg Dickopf, den sie von Feuertonnen-Abenden an ihrem früheren Wohnsitz am Forsthaus Soen in Plettenberg kennt, sprach sie über das Sauerland, Homeoffice, Schweden und Corona.

Pia, wo bist Du groß geworden?
Ich fühle mich als Sauerländerin und hab als Kind zuerst in Dahle gewohnt. Danach ging es nach Plettenberg. Am Albert-Schweitzer-Gymnasium habe ich 2007 mein Abi gemacht und bin noch ein Jahr zu Hause geblieben – so richtig hatte ich keinen Plan, was ich mit meinem schlechten 3,5er Abi machen sollte. Ich war damals einfach ziemlich faul. Was langfristig an so einer Abinote dranhängt, war mir nicht bewusst.
Du bist schließlich in der PR-Branche gelandet...
Ja, ich studierte in Düsseldorf Anglistik und Germanistik und habe mit einer 2,1 für meine Verhältnisse einen richtigen guten Bachelor-Abschluss hingelegt – weil ich zum ersten Mal Sachen gemacht habe, für die ich mich wirklich begeistern konnte.
Von dort zog es Dich dann in den Norden...
Ich wollte immer nach Hamburg und bin dann 2011 mit meinem heutigen Verlobten zusammengezogen, der dort bereits gearbeitet hat. Ich habe beruflich mit einem Volontariat in einer PR-Agentur langsam Fuß gefasst, bin dort auch nach der Ausbildung noch geblieben und habe dann ein paar Mal in Hamburg die Agentur gewechselt.
Wo hast Du da gewohnt?
Erst auf St. Pauli in einer WG. Von dort ging es dann in einen ruhigeren Stadtteil. Irgendwann wollte ich mehr Ruhe haben. Wir haben dann später auch wegen der hohen Preise etwas außerhalb gesucht und sind hinter Stade in Drochtersen gelandet. Das hieß zwei Stunden Fahrt mit Auto und Bahn nach Hamburg rein und abends zwei Stunden raus.

Die Sache mit dem Homeoffice und den Versprechungen

Da fing es an, dass Du Homeoffice zum Thema gemacht hast...
Ich war Anfang 2019 auf Jobsuche und habe diese ganzen coolen Anzeigen der Agenturen gesehen mit ihren ach so modernen und flexiblen Arbeitsbedingungen. Aber wenn wirklich mal jemand Homeoffice machen wollte, dann fingen sie an zu stottern. Nach sechs Monaten und frustrierenden Bewerbungsgesprächen wollte ich meine Erfahrungen teilen und durfte ein Interview zum Thema „(kein) Homeoffice in Agenturen“ geben. Der Artikel schlug ganz gut Wellen. Mich haben viele Leute angeschrieben und gesagt, dass sie es ähnlich erlebt haben und Homeoffice eigentlich nur auf dem Papier existiert.
Du wolltest Homeoffice nach vorne bringen, als das für viele noch kein Thema war. Jetzt sitzen wir beide im Homeoffice und reden darüber. War Corona der Knotenlöser?
Ich glaube, es hat vieles beschleunigt, da sich viele Chefs vorher kategorisch gegen Homeoffice gewehrt haben. Wenn der Druck von gesellschaftlicher und politischer Seite so groß wird, hilft das natürlich sehr. So einen Druck kann man unter normalen Umständen gar nicht aufbauen. Und viele haben gemerkt, da kommt auch etwas bei rum. Die meisten Leute sind nicht weniger produktiv, aber gleichzeitig glücklicher.
Das ist ja auch Dein Credo. Warum kann man in den eigenen vier Wänden kreativ sein und das vielleicht noch besser?
Ich habe gemerkt, dass ich hier die beste Version von mir selbst bin. Ich will genau hier leben und kann mir alles flexibel aussuchen, wie ich leben und arbeiten will. Das wirkt sich auch positiv auf den Job aus. Dadurch bin ich fast nie frustriert, weil ich frei entscheiden kann, wann, wie und wo ich arbeite. Wenn ich vier Stunden im Zug saß, war meine Laune völlig im Keller.
Die Sauerländerin Pia Sternberg kämpfte viele Jahre für Homeoffice und mobiles Arbeiten und lebt jetzt mit Freund und Hund auf Gotland in Schweden.

Lagerfeuer-Momente am Laptop

In Deinem letzten Plädoyer für das Homeoffice war Feuer drin...
Ich habe darin geschrieben, dass wir im Jahr 2021 leben und unser Lagerfeuer-Moment immer häufiger am Laptop stattfindet. Ein Homeoffice-Gegner hatte gesagt, diese Momente gebe es nur im Büro. Das ist Quatsch. Ich arbeite jetzt seit sechs Monaten im Homeoffice und habe manche meine Kollegen noch nie persönlich gesehen und trotzdem machen wir alle einen super Job.
Wie war Dein Homeoffice-Einstieg in Hamburg?
Bei der letzten Agentur durfte ich nur einen Tag in der Woche Homeoffice machen, wurde aber selbst dann noch komisch angeschaut, weil ich die einzige war. Alle hätten es machen können, aber keiner hat es getan, weil alle in der Nähe wohnten. Als ich noch um die Ecke von der Agentur wohnte, war ich auch noch kein Homeoffice-Fan. Als ich weit außerhalb wohnte, wollte ich abends einfach nur so schnell wie möglich zu Hause sein, um mein Privatleben zu genießen.
Du hast im September 2020 einen Job bei einer Full-Remote-Agentur begonnen, wo alle Mitarbeiter arbeiten können, von wo sie wollen.
Es gibt ein Büro, wo der Chef sitzt, aber da ist niemand von den Angestellten. Die sind in ganz Deutschland verteilt.

Sauerländerin arbeitet per Homeoffice in Schweden

Per Homeoffice arbeitet  Pia Sternberg von Schweden aus bei einer PR-Agentur in Berlin und kann so die urwüchsige Landschaft Gotlands mit ihrem Verlobten und Leonberger Mango genießen.
Per Homeoffice arbeitet  Pia Sternberg von Schweden aus bei einer PR-Agentur in Berlin und kann so die urwüchsige Landschaft Gotlands mit ihrem Verlobten und Leonberger Mango genießen.
Per Homeoffice arbeitet  Pia Sternberg von Schweden aus bei einer PR-Agentur in Berlin und kann so die urwüchsige Landschaft Gotlands mit ihrem Verlobten und Leonberger Mango genießen.
Per Homeoffice arbeitet  Pia Sternberg von Schweden aus bei einer PR-Agentur in Berlin und kann so die urwüchsige Landschaft Gotlands mit ihrem Verlobten und Leonberger Mango genießen.
Sauerländerin arbeitet per Homeoffice in Schweden

 Du kannst meinetwegen auch auf den Mond ziehen. Hauptsache Du bleibst mit ebenso viel Leidenschaft und Energie an Bord.

Sachar Klein, Geschäftsführer der PR-Agentur Hypr
Was hat Dein Chef Sachar Klein gesagt, als Du ihm von Deinem Schweden-Plan erzählt hast?
Er hat gesagt „Du kannst meinetwegen auch auf den Mond ziehen. Hauptsache Du bleibst mit ebenso viel Leidenschaft und Energie an Bord.“
Ein großer, toller Satz...
Ja, mir liefen fast die Tränen runter, nachdem ich über zwei Jahre so dafür kämpfen musste. Zuvor musste mein damaliger Arbeitgeber schließen, wurde ich einmal gekündigt und ein Jahr später stand ich wegen Corona in der Probezeit ohne Job da. Und alle Agenturen hatten bei Homeoffice abgewunken. Und plötzlich habe ich einen Arbeitgeber gefunden, der sagt, „arbeite, von wo Du willst.“ Das war das komplette Gegenteil von dem, was ich bis dahin erlebt hatte.
Wie oft hast Du Deinen Chef in der Agentur Hypr bisher gesehen?
Zweimal. Das Vorstellungsgespräch lief per Videochat. Getroffen habe ich ihn bei der Einarbeitung in Berlin und bei einem Projekt. Von unseren 14 Mitarbeitern habe ich drei noch gar nicht getroffen.
Pia spricht sauerländisch und lernt jetzt schwedisch.

An jeder Milchkanne ein Glasfaseranschluss

Reicht ein Videochat als Ersatz oder kannst Du diejenigen verstehen, die sagen, dass man ab und zu an der Kaffeemaschine über die kleinen und großen Dinge des Lebens sprechen muss?
Man muss einplanen, dass man diese Schnack-Zeit trotzdem hat und diese Momente an der Kaffeemaschine nachempfindet. Es gibt Kolleginnen, mit denen ich zweimal die Woche eine halbe Stunde als „Kaffeeklatsch“ über ganz banale und private Dinge spreche. Das sind so Momente, die man sich selbst kreieren muss. Das erfordert mehr Zeit, aber ist halt trotzdem super wichtig.
Du sitzt gerade im Homeoffice mit dem Laptop vor einem kleinen roten Ferienhaus in Gotland, wo Ihr selbst ein eigenes Haus sucht. Wie sieht Dein Alltag aus und stimmt es, dass es in Schweden an jeder Milchkanne einen Glasfaseranschluss gibt?
Ja, wir haben hier 250 m/bits mitten an der Ostsee. Beruflich mache ich hier im weitesten Sinne PR und Pressearbeit, aber anders als früher, als ich für Konzerne wie Nivea, Ebay und Zippo-Feuerzeuge getextet habe, gebe ich heute vor allem Gründern von Start-ups eine Stimme und bringe ihre Geschichten ins Handelsblatt und andere Publikationen.
Ist Homeoffice auch eine Chance für sonst eher abgelegene Regionen?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben das gemerkt beim Hausverkauf in Drochtersen. Da waren 20 Hamburger Städter, die alle raus wollten aus der Stadt und hofften, dass sie zwei bis drei Tage Homeoffice bekommen.

Keine Elche, dafür viele Schafe und Pferde

Ihr lebt jetzt in Schweden in einem Feriengebiet...
Genau. Hier machen die Großstädter aus Stockholm Urlaub und es gibt hier in jeder Scheune und jedem Anbau eine Ferienwohnung.
Was ist dort anders als im Sauerland?
Es gibt hier über 30 Naturschutzgebiete und ganz viel Wald. Es gibt keine Elche – die haben es nicht auf die Insel geschafft – aber dafür jede Menge Kaninchen und Füchse. Die Gotlandschafe sind sehr berühmt und auch das Fell gibt es hier überall zu kaufen. Ein Gotlandpferd hat auch fast jeder hier.
Du bald auch?
Pferde nicht, wenn, dann Schafe. Fünf vielleicht. Und Hühner und Bienen, die wir in Drochtersen schon hatten, wollen wir hier auch.
Und dafür sucht Ihr jetzt ein Schwedenhaus mit riesigem Grundstück?
Ja, hier sind die Häuser wie die Insel fast alle aus Kalksteinen. Die Hälfte der Bevölkerung hier lebt in den drei großen Städten. Und die zweitgrößte Stadt hat gerade mal 1000 Einwohner. Grötlingbo hat rund zweihundert Einwohner. Einen Mini-Supermarkt gibt es im Nachbarort.
Gute Laune mitten in Schweden: Pia Sternberg mit ihrem Verlobten Bernie und Leonberger Mango.

Hohe Bierpreise und ein ungewöhnlicher Heiratsantrag

Apropos einkaufen. Was kostet Bier in Schweden?
Typische Sauerland-Frage: Alkohol ist hier recht teuer. Aber es gibt hier die größte Brauereidichte Schwedens. Im Supermarkt gibt es nur Alkohol bis 3,5 Prozent. Für alles andere muss man in ein staatliches Geschäft gehen. Da gibt es alles, ist aber auch gut teuer. Bernie lacht mich immer aus, wenn ich die Preise mit Deutschland vergleiche – wie jemand, der noch D-Mark in Euro umrechnet.
Dein Freund Bernie gab Dir auch den letzten Anstoß, um von Drochtersen nach Schweden auszuwandern?
Das stimmt. Als er anfing, in Dänemark Häuser zu suchen, war ich noch dabei, aber Schweden – und gerade Gotland als Insel – fand ich doch arg weit weg. Aber jetzt finde ich es super und wer weiß, was in fünf Jahren ist. Wir haben noch keine Familie und deshalb geht das jetzt alles.
Wird sich daran etwas ändern?
Ich habe Bernie an Heiligabend 2019 einen Antrag gemacht. Den Verlobungsring habe ich in einem Christmas-Cracker versteckt. Als der Ring rausflog, schaute er erstmal verdutzt. Ich habe ihm dann die Hand hingehalten, er hat den Ring ohne nachzudenken drauf gesteckt – aber dann liefen bei mir auch schon die Tränen und ich habe ihn gefragt, ob er mich heiraten will. Er hat sofort ja gesagt und sich mega gefreut.
Willst Du noch mal zurück nach Deutschland?
Ich bin für alles offen und kann mir vorstellen, irgendwann wieder im Sauerland zu wohnen, wenn wir da unser Traumhäuschen finden.

Was die Schweden in Corona-Zeiten anders machen

Zum Schluss noch ein Wort zu Corona. Was machen die Schweden anders?
Es gibt hier keine Maskenpflicht. Wir erreichten Gotland mit 500 Leuten auf einer Fähre und waren mit unseren FFP2-Masken die einzigen mit Maske an Bord. Wenn ich hier in den Supermarkt gehe, ist meistens nur eine andere Person im Markt. Das kann man halt auch nicht mit Deutschland vergleichen. Die Geschäfte und Restaurants haben alle geöffnet. Es wird an alle appelliert, aufzupassen und Abstand zu halten. Und bis Ende Juni sollen hier alle geimpft sein.
Ist denn dort alles anders in Corona-Zeiten?
Nein. Meinen Schwedisch-Sprachkurs mache ich per Videochat. Und an Weihnachten haben wir statt zusammen im Haus mit der Nachbarin am Lagerfeuer am Meer gefeiert und dabei Glögg (schwedischer Glühwein) getrunken.
Was kannst Du uns auf schwedisch sagen?
Vi ses snart, älskade Sauerland – bis bald, geliebtes Sauerland.

Von Dahle über Plettenberg, Düsseldorf, Hamburg und Drochtersen nach Gotland

Wissenswertes in Kürze: Pia Sternberg wurde in Altena geboren, lebte zunächst in Dahle und wuchs am Forsthaus Soen in Plettenberg auf. Ihr Vater ist Andreas Sternberg, gelernter Tischler und Tischtennisspieler in Evingsen, ihre Mutter Andrea Strüver ist Künstlerin. Nach dem Abitur im Jahr 2007 in Plettenberg zog Pia Sternberg 2008 nach Düsseldorf, wo sie bis 2011 Anglistik und Germanistik studierte. 2011 zog sie nach Hamburg und fasste dort in PR-Agenturen beruflich Fuß. Vom lauten St. Pauli zog es sie schließlich in ein kleines Dorf bei Stade.

Sie benötigte von dort täglich vier Stunden, um in die Agentur zu pendeln. Seit Ende 2020 lebt Pia Sternberg jetzt mit ihrem zukünftigen Ehemann in Schweden. Gotland zählt statistisch gesehen 19 Einwohner je Quadratkilometer (NRW 526), hat viele Naturschutzgebiete und ist kulinarisch berühmt für Trüffel. Es die Ferieninsel der Schweden – auch wegen der 1900 Sonnenstunden im Jahr. Es gibt dort eine große Brauerei-Kultur, viel Handwerk (Töpfereien, Schmieden, Lammfelle) und viel Natur

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