Wildschweine

Wie die Corona-Pandemie die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest begünstigt

Mit wachsenden Wildschweinpopulationen steigt auch das Risiko, dass sich die Afrikanische Schweinepest weiter ausbreitet. Doch in Zeiten der Corona-Pandemie können die Tiere nicht so effektiv bejagt werden.
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Mit wachsenden Wildschweinpopulationen steigt auch das Risiko, dass sich die Afrikanische Schweinepest weiter ausbreitet. Doch in Zeiten der Corona-Pandemie können die Tiere nicht so effektiv bejagt werden.

Nun gibt es auch die ersten bestätigten Fälle der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland – zwar bislang nur im vermeintlich fernen Brandenburg, doch die Seuche kann sich schnell weiter nach Westen verbreiten. Das liegt auch an den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wildschweinjagd.

Plettenberg – „Es war keine Frage ob, sondern wann der erste Fall in Deutschland auftritt“, sagt Philip Plassmann, Obmann für Öffentlichkeitsarbeit beim Hegering Plettenberg. Die Afrikanische Schweinepest – abgekürzt ASP – trat bisher vorwiegend in osteuropäischen Staaten auf, kursierte bereits seit längerem in Polen. Seit November 2019 war auch im Wildschweinbestand im westlichen Polen der ASP-Befall offiziell bestätigt worden. Auch in Belgien, wo seit September 2018 immer wieder Fälle gemeldet wurden, gab es in diesem Jahr mehrere bestätigte Infektionen bei Wildschweinen.

„Ein so großer Sprung ist durch Menschen verursacht worden“, erklärt Plassmann zum Auftreten der Seuche sowohl östlich als auch westlich von Deutschland. Möglicherweise haben Lkw-Fahrer, so eine Vermutung, dem Erreger den großen Sprung ermöglicht, zum Beispiel durch weggeworfene kontaminierte Lebensmittel, die dann von Wildschweinen gefressen wurden. Dass Deutschland dabei bislang übersprungen wurde, war wohl reiner Zufall. Nun sind jedenfalls in Brandenburg schon mehrere ASP-Fälle aufgetreten und auch labortechnisch bestätigt worden.

Ausbreitung wurde nur verlangsamt

„Brandenburg klingt erstmal sehr weit weg, aber morgen kann die Seuche schon 50 Kilometer nähergekommen sein, übermorgen vielleicht 200“, sagt Plassmann. In Brandenburg sei vorher viel getan worden, um die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verlangsamen: Zäune wurden aufgestellt, die Jagd intensiviert. „Dort, wo die ASP nun aufgetreten ist, hat man die Ausbreitung definitiv verlangsamt, sie aber nicht aufhalten können.“ Möglicherweise sei ein infiziertes Wildschwein von Polen über die Grenze nach Brandenburg übergewechselt und später verendet. „Wenn dann andere Wildschweine, die ja Allesfresser sind, davon gefressen haben, kann sich die Krankheit schnell weiterverbreiten.“

Bei der Bekämpfung der Schweinepest gibt es allerdings ein großes Problem: die Corona-Pandemie. Normalerweise würden jetzt im August und September, wenn der Mais geerntet wird und auch Wildschweine die Felder auf der Suche nach Nahrung aufsuchen, Drückjagden veranstaltet, um die Populationen zu verringern. Doch durch die Corona-Auflagen ist auch für die Jägerschaft alles anders als sonst.

Mehr Verstecke dank Borkenkäfer

„Die Jägerschaft ist mit den Hygienereglen voll einverstanden – das ist mir sehr wichtig“, betont Plassmann. Diese seien zur Eindämmung des Coronavirus notwendig. Trotzdem sei es ärgerlich, dass sich die Hygieneauflagen auf den Jagden nicht umsetzen ließen. „Das bedeutet, dass wegen Corona viele Drückjagden nicht stattfinden oder wieder abgesagt werden.“

Wildschweine könnten so nicht effektiv bejagt werden und würden sich im Winter und Frühjahr noch weiter vermehren als ohnehin schon. „Die Gefahr, dass sich die Afrikanische Schweinepest dadurch weiter ausbreitet, wird somit größer“, sagt Plassmann. Dort, wo nun die ASP-Fälle festgestellt wurden, seien vermutlich auch infolge von Corona Lücken bei der Bejagung entstanden.

Zur besseren Bejagung der Wildschweine wird auch über technische Hilfsmittel wie Schalldämpfer und unter Jägern umstrittene Nachtzielgeräte nachgedacht.

Doch es ist nicht nur das Coronavirus, das die Ausbreitung der Schweinepest befördert, sondern auch ein Insekt, das insbesondere im Sauerland in den letzten Jahren massive Schäden angerichtet hat: der Borkenkäfer. „Durch die Borkenkäfer-Katastrophe haben wir überall Kahlschläge und werden in ein paar Jahren überall Dickungen haben“, sagt Plassmann. So nennt der Jäger die niedrigen Dickichte, die auf den Kahlflächen nachwachsen und Wildschweinen Schutz bieten. „Da wird die Bejagung noch schwieriger und sie können sich unentdeckt weiter vermehren. Da kommt alles zusammen.“

Das beste Mittel, um einer Ausbreitung der ASP vorzubeugen, sieht Plassmann weiter in der intensiven Bejagung, entweder durch die Einzel- oder die Drückjagd. „Das hat auch in Plettenberg sehr gut geklappt“, sagt Plassmann. Anstatt 200 bis 300 Sauen wie in normalen Jahren habe man in den letzten Jahren 600 bis 700 Sauen zur Strecke gebracht, mehr als das Doppelte. Auch jagdpolitisch habe man die Jagd ausgeweitet, sodass Wildschweine – ausgenommen tragende und führende Bachen – ganzjährig bejagt werden können.

Umstrittene Nachtzielgeräte

Möglicherweise werde bald zudem technisch aufgerüstet, um die nachtaktiven Tiere besser bejagen zu können. In Brandenburg habe die Politik bereits die Jagd mit Schalldämpfern erlaubt, berichtet Plassmann. „Und es wird dort nur eine Frage der Zeit sein, wann auch Nachtzielgeräte zugelassen werden.“ Auch in NRW sei es innerhalb der Jägerschaft immer wieder diskutiert worden. „Ein Großteil der Jäger lehnt Nachtzielgeräte ab, weil es der Jagdethik widerspricht“, sagt er.

Andererseits ist die ASP eine für Wildschweine zu fast 100 Prozent tödliche Seuche, und der Importstopp für deutsches Schweinefleisch, das in China und Japan verhängt wurde, trifft die Schweinemastbetriebe bereits empfindlich – schon, ohne dass dort eine Infektion aufgetreten ist.

Und da die umstrittenen Nachtzielgeräte zur Eindämmung der ASP sicher ein effektives Mittel bei der Jagd seien, hält es Plassmann auch in NRW nur für eine Zeitfrage, wann sie auch hier eingesetzt werden dürfen. „Ich persönlich bin mit dem Einsatz auch nicht einverstanden, aber die Frage ist: Was ist das größere Übel?“

Was wäre bei einem Schweinepest-Fall zu tun?

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist für den Menschen zwar ungefährlich, für Tiere hingegen in den allermeisten Fällen tödlich. Die Übertragung erfolgt über direkten Kontakt (z.B. Blut, Speichel) oder indirekt über Speiseabfälle oder kontaminierte Gegenstände, etwa Kleidung, Landmaschinen oder Jagdausrüstung. Würde das Virus von infizierten Wildschweinen in Schweinemastbetriebe übertragen, müsste man sämtliche Tiere keulen – ein enormer wirtschaftlicher Schaden.

Was zu tun wäre, wenn im Raum Plettenberg ein ASP-Fall festgestellt würde, erklärt Ordnungsamtschef Thorsten Spiegel: „Maßnahmen zur Eindämmung einer Ausbreitung können zum Beispiel sein: Umfassende Desinfektion der Fundstelle, örtliche Jagdbeschränkungen, begrenzte Ernteverbote, Einrichtung einer Kernzone mit Betretungs- und Verbringungsbeschränkungen.“ Als Ursache für die Verbreitung in Europa über längere Entfernungen hinweg werde insbesondere das achtlose Wegwerfen von Speiseabfällen vermutet, die den Erreger enthalten können. „Die Afrikanische Schweinepest ist anzeigepflichtig. Eine Schlüsselrolle kommt hier naturgemäß der Jägerschaft zu“, betont Spiegel. Für die Tierseuchenbekämpfung liegt die Kompetenz bei den Veterinärämtern, also beim Märkischen Kreis. „Gleichwohl hält unsere Feuerwehr mit geeigneten Schutzanzügen, Schutzbrillen, FFP-Masken, speziellen Desinfektionsmitteln eine Basis-Schutzausrüstung bereit, mit der sie, sollte es später zu einer relevanten Ausbreitung kommen, vor Ort unterstützen könnte“, so Spiegel.

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