Zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung

Wenn die Kinder zuhause bleiben: Alltag einer Familie mit drei Kleinkindern und zwei Hunden

Das ist die Familie Gesell vom Dingeringhauser Weg.
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Das ist die Familie Gesell vom Dingeringhauser Weg mit (von links) Thea, 3, Mutter Julia Gesell, Anton, 5, Vater Alexander und Emil, anderthalb.

Thea hat einen Kratzer am Finger. Sie zupft ihrer Mutter am Hosenbein, blickt mit großen Augen zu ihr herauf und sagt: „Mama, ich brauche ein Pflaster.“ Mutter Julia Gesell kann aber eigentlich gerade kein Pflaster holen, weil sie mitten in die Arbeit an ihrem Computer auf dem heimischen Esszimmertisch vertieft ist. Sie schaut sich den Kratzer an. „Ist doch gar nicht so schlimm“, sagt sie über die kaum sichtbare Schramme am Finger, pustet kurz, und wie von Zauberhand tut der Finger auch gar nicht mehr weh.

Plettenberg – So oder so ähnlich geht das alle paar Minuten. Mal mit Draufgänger Emil (anderthalb Jahre alt), mal mit dem Großen, Anton (5), oder eben mit der gerne mal theatralischen Thea (3), bei der der Name manchmal Programm ist, wie ihre Mutter mit einem Lachen bemerkt. Homeoffice und Kinderbetreuung – es ist gar nicht so leicht, alles unter einen Hut zu bekommen.

Die Familie Gesell vom Dingeringhauser Weg hat sich dennoch bewusst für diesen Weg entschieden. Denn eigentlich könnten sie ihre Kinder auch in die Notbetreuung des Kindergartens schicken. Das möchten sie aber nicht, um sich und die Angehörigen vor möglichen Corona-Infektionen zu schützen und um den Kindergarten zu entlasten.

Normalerweise besuchen Thea und Anton die Tigerund die Bärengruppe im Familienzentrum Mittendrin. Deren Leiterin Sandra Becker stellt während der CoronaZeit immer wieder fest, was Eltern alles auf sich nehmen, um die Situation zu bewältigen. Klar und offen habe die Einrichtung den Eltern gegenüber kommuniziert: Wenn es nötig ist – ob aus beruflichen Gründen oder zum Beispiel bei familiär belastenenden Situationen – kann jedes Kind in den Kindergarten gebracht werden. Genau dafür gebe es ja die Notbetreuung. Aber viele scheinen alles zu versuchen, um dem Aufruf der Bundesregierung, die Kinder möglichst zuhause zu behalten, zu folgen.

„Wir haben sogar berufstätige Eltern mit drei Kindern und zwei Hunden zuhause. Da steht die Mutter dann extra morgens eher auf, um schon im Homeoffice zu arbeiten, bevor die Kinder wach werden“, berichtete Sandra Becker im Gespräch mit unserer Zeitung und meinte mit diesem Beispiel die Familie Gesell, die wir nach diesem Hinweis gerne kennenlernen wollten.

„Dann leben wir in den Tag hinein“

Bei den Gesells spielt sich das derzeit so ab: Der Tag für Mutter Julia beginnt um 6 Uhr. Ehemann Alexander geht morgens noch eine Runde mit den Hunden, bevor er zur Arbeit zu den Märkischen Kliniken nach Lüdenscheid fährt, sodass sich Julia nach dem kurzen Frischmachen im Badezimmer direkt im Schlafanzug an den Arbeitsplatz im Esszimmer setzen kann. Wenn sie Glück hat, schlafen die Kinder bis um 8.30 Uhr. Wenn sie Pech hat, ist schon um 7.30 Uhr Trubel.

„Dann leben wir in den Tag hinein“, beschreibt Julia Gesell. Frühstück für die Kinder, Zähneputzen („was manchmal 15 Anläufe braucht“) und dann spielen die Kinder im Wohnbereich. Viele Male am Tag hört Julia Gesell dann die Einstiege: „Mama, kannst du mal eben...“, „Mama, ich brauche...“ oder „Mama, ich habe...“

Doppelbelastung seit August 

Im August hatte die Mutter wieder eine Stelle als Bürokauffrau im Personalwesen angenommen. Sie musste die ersten Wochen auch ins Büro, zu diesem Zeitpunkt lief der Kindergarten-Betrieb aber auch noch uneingeschränkt. Als im Dezember die Notbetreuung in den Kitas startete, konnte Julia Gesell aufs Homeoffice umsteigen. „Mir ist da wirklich ein Stein vom Herzen gefallen, als mir der Arbeitgeber das ermöglicht hat“, sagt sie.

Den ersten Tag im Homeoffice hat sie noch am Schlafzimmer-Schreibtisch, eine Etage unter dem Wohnbereich, versucht. Als die Kinder dann aber mit Filzstiften auf den Heizkörpern malten, beschloss sie, dass es besser ist, die Kinder ständig im Blick zu haben.

Jede Menge Blödsinn kommt dem Gesell-Nachwuchs natürlich immer noch in den Sinn. Da wird das Spielzeug des anderen gemopst oder Emil zupft mal wieder an den Tapeten. Deshalb läuft zur Ablenkung gerne mal der Kinderkanal im Fernsehen, auch wenn Mutter Julia weiß, dass das sicher nicht die sinnvollste Beschäftigung für ihre Kinder ist. Deshalb geht es nachmittags, nach ihrem und Alexanders Feierabend, auch meistens raus in den Garten, spazieren gehen mit den Schwiegereltern, Schlitten fahren oder einfach etwas basteln.

Ob die Eltern damit ihren Kindern gerecht werden können? Sie hoffen es, machen sich da vor allem bei Anton Gedanken. Im Sommer wird er eingeschult, zurzeit fehlen ihm die so wichtigen Schlussmonate mit seinen Freunden im gewohnten Kindergarten-Umfeld. Schon Mittendrin-Leiterin Sandra Becker hatte im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt, dass sie glaubt, dass die Abstinenz gerade den Vorschulkindern am schwersten fällt. „Gerade sie machen oft innerhalb kürzester Zeit noch wahnsinnige Entwicklungssprünge“, berichtete Becker.

Auch die Gesells stellen sich immer wieder die Frage: Was muss Anton noch alles für die Schule können? Glücklicherweise ist er von Natur aus ein überaus wissbegieriges Kind. Er fragt oft nach Zahlen, kann schon seinen eigenen Namen schreiben. Erste Schulübungen erledigt er, allerdings etwas widerwillig. „Ich bin froh, nicht auch noch Homeschooling machen zu müssen“, sagt Julia Gesell deshalb mit einem Lachen.

Den Kindern fehlen die Freunde 

Was Anton vor allem fehlt, sind seine Freunde, die er nur noch über Videoanrufe sieht, und die vielen aufregenden Veranstaltungen und Projekte des Kindergartens. Das große Weihnachts-Musical zum Beispiel, in dem Anton Stern Nummer 3 gespielt hätte und seinen auswendig gelernten Text mehrfach stolz zuhause vorgetragen hatte, ist entfallen, auch das bevorstehende Winterfest kann nicht stattfinden.

Die Hoffnung liegt – wie so oft in diesen Tagen – bei allen Beteiligten auf einem baldigen Ende der Pandemie. Damit sich die Arbeitssituation für die Eltern wieder etwas entspannt. Und vor allem, damit Kinder wie Emil, Anton und Thea bald wieder eine ganz normale Kindheit mit den alltäglichen Abenteuern und ihren Freunden erleben können. 

Tipps für Eltern zur Förderung der Kinder

Wie können Eltern ihre Kinder daheim sinnvoll beschäftigen und fördern? Sandra Becker, Leiterin des Familienzentrums Mittendrin, hat da einige Tipps parat. Gerade dieVorschulkinder müssen fit sein für den Schulstart.

Hier schließt sich Becker dem MartinLuther-Schulleiter Thorsten Jagusch an, der den Eltern zum Beispiel bei Konzentrationsschwächen der Kinder empfohlen hat, einfach mit ihnen Gesellschaftsspiele zu spielen – und zwar nicht nur zwei, drei Minuten, bis das Kind keine Lust mehr hat, sondern es müsse auch lernen, Situationen auszuhalten und bis zum Ende zu spielen.

Ebenfalls eignen sich für die Vorschulkinder ganz einfache Schulübungen. „Die Kinder sind stolz, wenn sie schon das können, was erst die Größeren lernen“, sagt Sandra Becker. Für die jüngeren Kindergartenkinder empfiehlt sie dagegen, neben der so wichtigen Bewegung, den Alltag unbedingt sprachlich zu begleiten. Hierbei helfen die guten alten Bilder- oder Wimmelbücher. „Einfach auf schlagen und die Kinder am besten auch selbst erzählen lassen“, empfiehlt Sandra Becker, deren Einrichtung den Eltern zum Beispiel auch jeden Tag neue Spielideen über einen Aushang an der Eingangstür mit auf den Weg gibt.

Ein Beispiel: Eishockey. „Baut dafür zwei Tore aus Lego-Duplo, gießt etwas Wasser in ein Backblech und lasst es über Nacht frieren. Benutzt Löffel als Schläger und einen Flaschendeckel als Puck“, heißt es in der Anleitung der Erzieher. 

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