Förster Markus Ingenohl im Interview

Warum das Fichtensterben auch Chancen bietet

Förster Markus Ingenohl zeigt hier Setzlinge von Douglasie, Lärche und Tanne.
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Der heimische Wald der Zukunft wird reicher an verschiedenen Baumsorten sein: Förster Markus Ingenohl zeigt hier Setzlinge von Douglasie, Lärche und Tanne.

Plettenberg – Wer an dem großen, ehemaligen Dura-Parkplatz an der Königstraße vorbeifährt, sieht dort ein riesiges Holzlager. Ein ständiges Ab- und Aufladen zeugt von der regen Holzfällung in den umliegenden Wäldern. 

Vom Baumsterben haben wir alle schon viel gelesen und gehört. Aber in diesen Mengen? Unser Reporter Hartmut Damschen hat sich viele Informationen von Förster Markus Ingenohl geholt, um so ein genaueres Bild zeichnen können. Ingenohl ist Förster des Regionalforstamtes Kurkölnisches Sauerland mit seinem Dienstsitz in Plettenberg-Lettmecke und ist für 2 300 Hektar Wald zuständig.

Das große Holzlager an der Königstraße erregt immer wieder die Aufmerksamkeit der Passanten. Ist das der Platz für alle Holzeinschläge der Umgebung?

Es ist schon ziemlich gewaltig, aber vielfach wird das gefällte Holz auch direkt von den kleineren Holzlagern im Wald zu den Abnehmern transportiert. Eigentlich ist das Lager an der Königstraße in meinen Augen ein Aufmerksamkeitserreger und sollte Denkanstoß sein, über die Veränderung in der Natur nachzudenken. Der Klimawandel mit seinen anhaltenden Trockenperioden der letzten drei Jahre hat sichtbar auch bei uns seine Spuren hinterlassen.

Was hat sich in dem Forst Ihres Zuständigkeitsbereiches alles verändert?

Mit Kyrill 2007 fing es ganz gewaltig an. Riesige Baumbestände fielen dem Orkan anheim. Vor allem flachwurzelnde Bäume lagen hangweise am Boden. Seit einigen Jahren ist durch den Klimawandel der Grundwasserspiegel stetig gesunken. Ideal wären 50 bis 60 Zentimeter, real hat sich das Wasser in eine Tiefe von 1,80 Meter zurückgezogen. Da haben es die Bäume schwer, das wenige Wasser über ihre Kapillare bis in die Kronen hochzupumpen. Der Erfolg: Das Sterben der Bäume fängt an den Baumkronen an und das Holz verliert seine Festigkeit.

Da kommen die Schädlinge ins Spiel?

Die Natur kennt eigentlich keine Schädlinge. Der Borkenkäfer, hier speziell die Art des Buchdruckers genannt, erkennt ziemlich schnell, welcher Baum keine Widerstandkraft mehr hat und macht sich in dessen Rinde breit. Die Folge ist, dass der Baum noch mehr geschädigt wird und sich nicht mehr, sollte auch mehr Wasser verfügbar sein, erholen kann. Die Population der Buchdrucker findet ideale Lebensbedingungen vor und kann sich massig vermehren. In diesem Fall erfüllt der Käfer eine gewisse Art von Waldpolizei. Bäume, die sich nicht mehr erholen können, werden so absterben und machen Platz für neues Leben.

Dem kompletten Tod eines Baumes kommen Sie also durch das massenweise Fällen zuvor?

Richtig. Um nicht einen finanziellen Komplettverlust an wertvollem Holz zu erleiden, müssen wir nun schnell handeln, noch nutzbares Holz ernten und auf den Markt bringen. Da können Sie sich vorstellen, dass das große Angebot den Preis drückt.

In welcher Größenordnung bewegt sich der Verlust?

Je nach Verwertbarkeit, können wir nur noch ein Viertel bis zu einem Drittel der sonst üblichen Preise erzielen.

Jetzt heißt es schnell sein. .Jeder, der mit den Problemen zu tun hat, drängt doch jetzt auf den Markt. Sie fällen doch nicht selbst?!

Nein, das überlassen wir den etablierten Holzeinschlag-Unternehmen. Die haben jetzt alle Hände voll zu tun. Wir haben auch Unternehmen aus Bayern unter Vertrag. An anderen Stellen sind auch Firmen aus dem europäischen Ausland im Einsatz, weil die Arbeiten europaweit ausgeschrieben werden müssen.

Wer nimmt denn diese Massen an plötzlich zur Verfügung stehendem Holz ab?

Der ehemalige Dura-Parkplatz an der Königstraße wird jetzt als Umschlagplatz für Borkenkäfer-Holz verwendet

Zu 70 Prozent geht das Kalamitätsholz nach Asien. Die restlichen 30 Prozent verwerten zumeist die holzverarbeitenden Betriebe in unserer Nähe.

Von welchen Mengen reden wir, wenn wir Ihren Bestand betrachten?

Üblich war es, 12 000 bis 13 000 Festmeter Holz im Jahr zu schlagen, wobei wir auf Zuwachs hinarbeiteten. In diesem Jahr werden es 48 000 Festmeter sein.

Das ist mit dem rund Vierfachen ein erheblicher Anteil am Bestand, der wieder ersetzt werden muss. Wie wollen Sie bei der Aufforstung vorgehen?

Es gibt verschiedene Herangehensweisen. Als 2007 Kyrill hier viel Bestand vernichtete, haben wir diesen Hang sich selbst überlassen (Dabei zeigte er dem Chronisten ein Gebiet südlich von Vierkreuze). Nun, nach fast 14 Jahren, hat sich eine bunte Vielfalt an Gehölzen entwickelt. In dem Fall hat die Natur alles selbst übernommen.

Der anscheinend gesunde Wildwuchs macht es doch bestimmt schwer, gezielt Holz zu ernten?

Das stimmt. Wir müssen dann Waldwirtschaftswege nachträglich anlegen. Aber das ist ja noch nicht soweit. Doch die Vegetation, die hier zu sehen ist, sagt uns, dass die Natur sich selbst helfen kann.

Aber das kann doch nicht wirtschaftlich effektiv sein? Muss an der Stelle nicht modern aufgeforstet werden?

Das passiert auch. Unsere jetzt kahl geschlagenen Waldstücke werden nach den neuesten Erkenntnissen wieder aufgeforstet. Dabei hilft uns auch, dass wir damals in unserem Forst ein Testprojekt der Universität Göttingen von 1965 bis in das Jahr 2010 begleiten konnten. Damals wurden 46 verschiedene Lärchenarten unter den unterschiedlichsten Bodenbedingungen gepflanzt. Die Erkenntnisse daraus fließen in unsere heutigen Aufforstungsmaßnahmen mit ein.

Kommen denn im Hinblick auf den Klimawandel mit höheren Temperaturen, weniger Niederschlag und dadurch bedingtem sinkenden Grundwasserspiegel andere Baumarten zum Tragen? Palmen werden es wohl nicht sein.

(lacht) Nein, doch wir werden je nach Bodenbeschaffenheit mehr Laubhölzer anteilig zur Reduzierung der Fichten pflanzen und unsere Mischbestände erhöhen. Unsere heimischen Hölzer sind immer noch unsere Basis.

Können Sie sich vorstellen, dass Kindergärten oder Schulklassen an Pflanzaktionen oder Baumpatenschaften beteiligt werden?

Durchaus. Solche Beteiligungen hat es auch schon gegeben und wir freuen uns, wenn Kinder frühzeitig mit der Natur in Berührung kommen.

Wenn man sich rund um Plettenberg umschaut, gibt es mittlerweile viele Kahlschläge, wo vorher Fichten standen. Ist schon abzusehen, wie lange die ungewollte Holzernte noch dauern wird?

Es scheint, als ob der Höhepunkt des Fichtensterbens erreicht ist. Die Arbeiten damit werden uns bestimmt noch das nächste Jahr beschäftigen.

Das hat doch auch Unruhe im Revier verursacht. Ist das Wild vor den vielen Geräuschen in andere Reviere gewechselt?

Nein, es hat hier jede Menge anderer Rückzugsmöglichkeiten, die ihnen ein ruhiges Leben in unserem Forst ermöglichen.

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