Ein Lebensbaum. Ein Stammbaum. Evangelisch, gräflich, moslemisch.

Wie uns der Weihnachtsbaum durch die Jahrzehnte begleitet

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Fröhliche Weihnachten 2017 – im Hundt’schen Wohnzimmer steht seit Donnerstag ein deutsch-albanischer Christbaum, geschmückt von Kastriot Blushi und Anne Hundt. 

Plettenberg - „Früher war mehr Lametta“, lässt Altmeister Loriot seine zornige Kunstfigur Opa Heppenstedt am Weihnachtsbaum zetern. Heute würde der tüddelige Alte als Wutbürger gehandelt; damals, 1978, war der olle Opa einfach nur schräg. Er lenkt aber den Blick darauf, dass der Baum damals wie heute hinterfragt wurde – frei nach dem Motto „Wisst Ihr noch wie voriges Jahr es am Heil’gen Abend war.“ 

Fröhliche Weihnachten 2017 – im Hundt’schen Wohnzimmer steht seit Donnerstag ein deutsch-albanischer Christbaum, geschmückt von Kastriot Blushi und Anne Hundt. J Foto: asweiter, und so fort.Und Hand auf’s Herz: Jeder vergleicht den heutigen Baum mit dem von damals – dem aus der Kindheit, den ersten im eigenen Heim, den ersten mit den Kindern, und so Unvergessen ist unser erster „eigener“ Weihnachtsbaum, den wir uns 1986 frisch verheiratet ins Haus holten. Nein falsch – den wir uns ins Haus holen wollten. Die Jugend der Evangelischen Kirchengemeinde Herscheid war unter tatkräftiger Anführung von Pfarrer Hartmut mit Axt und Säge in die kirchlichen Waldungen gezogen. Dort hatte man die kleineren Fichten gefällt und nach Herscheid transportiert. Schön in Reih’ und Glied lagen die Bäumchen auf dem Pflaster vor dem alten Martin Luther-Haus, bereit, als Weihnachtsbäume zu Gunsten der evangelischen Jugendarbeit verkauft zu werden. Das war die Gelegenheit: Aschauer-Hundts entschieden, einen evangelischen Weihnachtsbaum zu nehmen und unter dem Herscheider Immergrün in Plettenberg an der Lohmühle zu feiern. 

Natürlich wurde der schönste unter den angebotenen Bäumen ausgewählt und im Passat Kombi ins Tal geschafft. In dem langen Auto ging das ebenso gut wie klaglos. Erst als es darum ging, den Baum daheim in den Ständer zu schieben und aufzurichten, fiel es uns auf. Entweder hatten wir die Wohnzimmerdecke zu niedrig angelegt oder ich hatte den Baum zu groß gewählt. Absägen kam irgendwie nicht in Frage – wieso, das ist nicht mehr erinnerlich. Der Baum blieb jedenfalls „am Stück“ und im Ständer. Und kam zu stehen – im Treppenhaus. Weihnachten 1986 fand im Flur statt, denn dort hatte der evangelische Weihnachtsbaum ausreichend Platz nach oben. Ach ja, der Chronist hatte für die nächsten Jahre was gelernt . . . Jedenfalls gelang es ab dem Jahr Zwei, wieder in der Stube zu feiern. Mehr oder weniger auf der Mitte zwischen Wohn- und Esszimmer hat der Weihnachtsbaum seinen festen Platz gefunden. Da wird er von allen Seiten und allen Familienmitgliedern und Gästen gesehen. 

Im nächsten Jahr ein weltlich-gräflicher Baum 

Übrigens haben wir als sogenannte „Mischehe“ uns seinerzeit darauf geeinigt, keinen konfessionsgebundenen Weihnachtsbaum mehr anzuschaffen, sondern einen weltlichen Baum zu nehmen. Na ja, ganz weltlich nun auch nicht, eher einen blaublütigen Christbaum. Am Schloss Brüninghausen bot Jobst Freiherr von Wrede gräfliche Weihnachtsbäume aus dem Ohler Gebirge an – fertig gefällt und mundgerecht eingenetzt oder zum selbst sägen. Die Variante, selbst zu sägden, stand hoch im Kurs, als sich Nachwuchs eingestellt hatte und der so gut zu Fuß war, dass er selbst durch die Tannenschonung laufen konnte: Tobten zwei Zipfelmützen durchs Tannengrün und Stimmchen riefen mal hier, mal dort: „Den hier“, „Der ist schöner“, „Nein, das muss er sein“. 

Ein Baum schöner als der andere, ganz gewiss! Dann wurde gesägt, was das Zeug hielt. Arbeitshandschuhe und Schwedensäge hatten wir dabei und zogen stets mit dem schönsten aller Bäume nach Hause. Irgendwann war es mit der Tradition der gräflichen Weihnachtsbäume und der heimeligen Atmosphäre am Schloss mit Kakao und kleinem Weihnachtsmarkt vorbei. Gelernt hatten wir immerhin soviel, dass unsere Weihnachtsbäume nicht größer als „ein Lucas“ sein durften. 

Längenmaß: Einmal bis zur Nasenspitze 

Das Längenmaß war also klar und diente fortan beim Kauf eines ökologisch korrekten biologisch-dynamischen Weihnachtsbaumes als Richtschnur. Unsere Bäume waren fortan nicht mehr gräflich, sondern bäuerlich. Die beste aller Ehefrauen hatte basisdemokratisch entschieden „Wir fahren zu Babsi“ – das hieß auf den Bauernhof Schulte in Köbbinghausen. Dort gab es zwei Erkenntnisse: Ein Besuch im Kuhstall war jetzt ebenso drin wie die Erkenntnis, dass ein bäuerlicher Weihnachtsbaum mehr Muskeln hat als ein gräflicher. Bei gleicher Größe war der Stamm nun deutlich voluminöser und härter.

Im Jahr eins des bäuerlichen Baumes musste sogar die Flex ran, um den Baum in den eigentlich bereits großen Ständer zu bekommen. (Kann ich nur empfehlen, mal die Flex an Nordmanntanne oder Blaufichte anzusetzen: Dagegen verblasst jeder Räucherofen und selbst ein ümmelnder Kamin kommt da nicht mit. Der Werkstoff beduftet die Wohnstube ebenso gründlich wie nachhaltig) – was Grund genug war, im Jahr darauf einen neuen Baumständer Typ XXXXL anzuschaffen. 

Der Baum 2017 spricht alle Sprachen 

In diesem Jahr gibt es in unserem Haus wieder was Neues rund um den Weihnachtsbaum. Diesmal gibt es einen echten Multikulti-, völlig überkonfessionellen, bäuerlichen Baum. „Den holen wir bei Babsi“, hieß es wieder, womit die Herkunft klar wäre. Er steht da, wo er immer steht, zwischen Ess- und Wohnzimer. Geschmückt wurde er am Donnerstag von Tochter Anne (evangelisch) und Patensohn Kastriot (moslemisch) unter ebenso kundiger wie unnötig altkluger Anleitung des katholischen Papas. Der Baum ist uns auch in diesem Jahr wieder Lebens- und Stammbaum, markiert wieder einen Lebensabschnitt. 

Gefeiert wird am Heiligabend als deutsch-albanische Großfamilie: Mehedi und Kastriot Blushi sind mit uns; die beiden albanischen Patenjungs kennen den Tannenbaum übrigens aus ihrer Heimat. In Albanien markiert der geschmückte Baum den Jahreswechsel und ist dort als Silvesterbaum gebräuchlich. Es mag ja sein, dass an den Krüppelfichten der Loriot-Ära früher mehr Lametta war, der Stamm dünner, unser Baum mal adliger oder deutscher war. Und wenn schon: Fröhliche Weihnachten, auf dass wir alle im nächsten Jahr wieder sagen „Wisst Ihr noch wie voriges Jahr es am Heil’gen Abend war“.

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