Was diese Hausärzte über das Impfen denken

Hausarzt Bernd Oehlschlägel könnte mehr Menschen impfen, wenn genug Impfstoff da wäre.
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Hausarzt Bernd Oehlschlägel könnte mehr Menschen impfen, wenn genug Impfstoff da wäre.

Mit dem Ende der Impfpriorisierung am Montag sahen sich auch die niedergelassenen Ärzte einer Flut von Terminanfragen ausgesetzt. Doch der Impfstoff sei weiterhin knapp.

Plettenberg - In manchen Praxen ist es aufgrund der Anfragenflut unmöglich durchzukommen, die Arbeitsbelastung für die Angestellten enorm. Sie sind hauptsächlich mit dem Thema Impftermine beschäftigt, erst recht nach der Aufhebung der Impfpriorisierung, und bekämen dann noch den Ärger mancher Anrufer zu hören, wenn Terminwünsche nicht erfüllt werden könnten.

„Eine Zumutung für das Personal“

„Der Ton ist rauer geworden“, sagt der Plettenberger Hausarzt Bernd Oehlschlägel. Kinder- und Jugendarzt Michael Achenbach spricht von einer „Zumutung für das Personal“, das sich einiges anhören müsse. Inzwischen werden Anrufer in seiner Praxis mit einer Bandansage abgefangen. Darin bittet er auch, von Nachrichten auf dem Anrufbeantworter zum Thema Impfungen abzusehen. Wer sich auf die Warteliste setzen lassen möchte, müsse persönlich in der Praxis erscheinen und auch eine Priorisierungsberechtigung vorweisen, ist zu hören. Wenn die Praxis Impfstoff erhalte, werde man sich aktiv bei den Patienten melden.

Erst Impftermine zu vereinbaren und dann wieder absagen zu müssen, wäre „fies“ für die betroffenen Personen, so Achenbach im Gespräch mit unserer Zeitung: „Wir wollen keine falschen Hoffnungen wecken, das macht schon die Politik.“ An deren Adresse sollten Bürger auch ihren Ärger richten und nicht an die Praxen, wenn diese die Impfterminwünsche nach der Aufhebung der Priorisierung nicht erfüllen können.

Eine politische Entscheidung

„Die politische Impfpriorisierung ist zu Ende, aber die medizinische geht weiter“, betont Michael Achenbach. „Wir haben immer noch Menschen, die den Impfstoff dringender brauchen als andere, deswegen müssen wir eine Reihenfolge bilden.“ Denn der Impfstoff sei nach wie vor knapp. Es war allerdings vorher angekündigt worden, dass dies in den ersten Juniwochen der Fall sein würde. So sei es dann auch eingetreten, sagt er. Der Großteil der Impfdosen ist – das gilt nicht nur für seine Praxis – für Zweitimpfungen vorgesehen. Nur eine kleine Menge bleibe für Erstimpfungen übrig.

Hausarzt Bernd Oehlschlägel sieht das offiziell verkündete Ende der Impfpriorisierung ebenfalls etwas kritisch. „Das sind politische Entscheidungen, um die Bevölkerung zu beruhigen“, meint er. „Die Politik weiß nicht, was in den Praxen los ist, aber wir werden damit zurechtkommen.“

Wie schon in den vergangenen Wochen entscheide Oehlschägel weiterhin selbst, wer von seinen Patienten geimpft werden soll. Praxisfremde Patienten würden bei ihm nicht geimpft, sondern nur die eigenen. Diese könnten sich entweder mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer oder dem Vakzin von Johnson & Johnson – für letzteres ist nur ein Impftermin anstelle von zweien nötig – impfen lassen.

Für beide Präparate gebe es eine eigene Liste, in die sich die Patienten eintragen können. „Sie können sich auf eine Liste setzen lassen und wir arbeiten das dann nach und nach ab.“ Eben nach Verfügbarkeit der Impfstoffe.

Kinderarzt Michael Achenbach impft hier die Plettenbergerin Bärbel Lenz.

Praxen könnten mehr impfen

Beim ersten Mal habe die Praxis eine größere Menge bekommen, berichtet Oehlschlägel. „Das hat dann ganz schön gefluppt.“ In dieser Woche – genauer am Mittwoch – bekam die Praxis sechs Biontech/Pfizer-Ampullen, aus denen sich je sechs Impfdosen entnehmen lassen – insgesamt also 36 – sowie fünf Flaschen von Johnson & Johnson, die zusammen ebenfalls etwa 30 Impfdosen ergeben. „Das wäre unser Wochenbedarf“, sagt Oehlschlägel.

Geimpft würde außerhalb der Sprechzeiten, in der Regel an einem Mittwoch- oder Freitagnachmittag. In zwei oder drei Stunden ließen sich die Impfungen durchführen. „Wir verimpfen alles, was wir bekommen.“ Es ginge aber noch mehr. „Wir könnten deutlich mehr verimpfen, wenn wir mehr Impfstoff kriegen könnten“, sagt der Allgemeinmediziner.

Normalen Betrieb aufrecht erhalten

Die in der zurückliegenden Woche verimpfte Vakzinmenge bewege sich in Michael Achenbachs Praxis in einer ähnlichen Größenordnung: 64 Impfungen habe er durchführen können. In der kommenden Woche hofft er, vorausgesetzt die entsprechenden Impfstoffmengen sind vorhanden, mehr Impfungen zu schaffen. Dabei müsse man allerdings auch die Kapazitäten der Praxen beachten, zu deren Aufgaben eben nicht nur Corona gehört.

„Wir gucken schon, dass wir möglichst weiterhin den normalen Betrieb aufrecht erhalten.“ Wenn es politisch gewollt sei, dass die Praxen ihre Kapazitäten voll auf die Impfkampagne ausrichten, wären Anweisungen nötig, welche anderen Leistungen die niedergelassenen Ärzte weglassen sollten. „Wenn wir 500 Impfungen in der Woche machen würden, wären wir ausschließlich damit beschäftigt“, so Achenbach.

Jeder Geimpfte schützt andere

Wie wichtig das Impfen grundsätzlich ist, macht noch einmal Bernd Oehlschlägel deutlich. Dabei seien Diskussionen um den Wirkungsgrad des einen Vakzins im Vergleich zum anderen unnötig. „Entscheidend ist, so schnell und so viel wie möglich zu impfen.“

Nur so könnten die noch nicht geimpften Menschen und die, die sich nicht impfen lassen können, geschützt werden. Das Risiko schwerer Verläufe sinke, so Oehlschlägel und wirbt dafür, sich impfen zu lassen: „Jeder Geimpfte schützt uns alle ein bisschen.“

Komplikationen bei Jugendlichen?

Doch für Kinder und Jugendliche hat die Ständige Impfkommission keine allgemeine Empfehlung ausgesprochen. Die Stiko empfiehlt nur die Zwölf- bis 17-Jährigen mit Vorerkrankungen wie chronische Lungenerkrankungen, Herzfehler oder Diabetes sowie Kindern und Jugendlichen mit Trisomie 21 zu impfen sowie jene, die Kontaktpersonen von schwerkranken Personen sind.

Diese Entscheidung hat Kinder- und Jugendarzt Michael Achenbach nicht anders erwartet und begrüßt sie. „Das ist absolut nachvollziehbar“, meint er und verweist darauf, dass in Israel und den USA bei jungen Männern nach einer Covid-Impfung vermehrt Herzmuskelentzündungen festgestellt wurden. Ein Zusammenhang wird nun untersucht. „Bei Astrazeneca hat man auch bei den ersten Anzeichen von Komplikationen aufgehört zu impfen“, erinnert Achenbach. Deswegen sei es richtig, nun auch bei Jugendlichen möglichen Komplikationen erst einmal nachzugehen.

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