Blick in die Kindergärten

Corona-Alltag in der Kita: So erleben es die Kinder

Erzieherin Marina Wegener ist die Leiterin der Gorilla-Gruppe im Familienzentrum Mittendrin
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Erzieherin Marina Wegener ist die Leiterin der Gorilla-Gruppe im Familienzentrum Mittendrin und hat viel Freude mit den Kindern.

Plettenberg – Jetzt, wo die Jungs aus der Gorilla-Gruppe unter sich sind, ist es im Obergeschoss des Familienzentrums Mittendrin etwas wilder geworden.

 Flipperkugeln fliegen über Holzbretter, Modellautos werden durch den Raum gefeuert, aber nun ja, der eine oder andere entdeckt jetzt auch ganz neue Interessen für sich: zum Beispiel die Eiskönigin. Marina Wegener muss immer etwas schmunzeln, wenn sie ihren Erzieher-Kolleginnen davon erzählt, wie ihre Gorilla-Jungs neuerdings auf Anna, Elsa und das Eiskönigin-Schloss abfahren. Denn vor Corona hat die populäre Disney-Geschichte eher die Mädchen aus der Gruppe in den Bann gezogen. Aber die Jungs? Das lief dann eher so: „Anna und Elsa? Nee, lass uns lieber Spiderman spielen.“

Pandemie hat Karten neu gemischt

Aber die Corona-Pandemie hat im Kindergarten die Karten neu gemischt. Vieles hat sich während des letzten Jahres für die Kinder verändert, Interessen haben sich ebenso verschoben wie viele Situationen des Alltags. Es fängt schon mit der Gruppengröße an. Die Gorillas sind normalerweise 25 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren. Aber weil die Bundesregierung Eltern dazu aufgerufen hat, Kinder möglichst zu Hause zu behalten und nur, wenn es gar nicht anders geht, in die Kita zu schicken, sind täglich nur noch zwischen sechs und acht Gorillas in der Gruppe übrig. In anderen Gruppen des Familienzentrums ist die Anzahl der Kinder ganz ähnlich zusammengeschrumpft.

„Einige Kinder genießen diese geringe Gruppengröße wirklich“, sagt Marina Wegener. Sie ist seit zwölf Jahren Erzieherin, leitet die Gruppe, hat viel erlebt und gesehen. Aber eine so kleine Gruppe ist auch für sie etwas Neues. Klar hat das Vorteile. Die Kinder haben Spielbereiche manchmal ganz für sich alleine. Sie haben meist die volle Aufmerksamkeit der Erzieherinnen. Und es ist allgemein nicht mehr so trubelig wie mit dreimal so vielen Kindern. Aber genau dieser Trubel ist auch genau das, was fehlt. „Die Vielfalt macht es aus, die unterschiedlichen Charaktere, die für eine ganz andere Dynamik in der Gruppe sorgen“, sagt Marina Wegener. Mit fünf Kindern, die ruhig sind und gerne puzzeln, sei es zum Beispiel schwierig, Bewegungsspiele zu starten. Sind aber aktive Kinder dabei, lassen sich die Ruhigen mitziehen. Je mehr Kinder, desto besser lasse sich voneinander abschauen und zum Beispiel Sozialverhalten oder Sprache lernen, erklärt Marina Wegener.

In der Gorillagruppe im Familienzentrum Mittendrin herrscht meistens volles Haus. In Corona-Zeiten werden hier aber nur ein halbes Dutzend Kinder betreut.

Gorillas haben sich gut eingewöhnt

Die Gorillas haben sich wie die meisten anderen Kinder des Familienzentrums Mittendrin rasch an die neue Situation durch Corona gewöhnt. Regelmäßig Hände waschen, kleinere Mittagessens-Runden, die sich nach Aussage der Kinder anfühlen wie ein „Kaffeekränzchen bei Oma“, offene Fenster zum Querlüften oder in die Ellenbeuge zu niesen und nicht mehr quer über den Tisch – diese neuen Regeln und Abläufe haben die Kinder aller Gruppen laut Familienzentrumsleiterin Sandra Becker überraschend schnell verinnerlicht. Klar, Grenzen werden trotzdem getestet. Kinder, die ansonsten schon sehr selbstständig sind, haben natürlich registriert, dass die Erzieher mehr Zeit für sie haben. Da wird dann schon mal der Fuß hingehalten, wenn sich die Kinder die Schuhe anziehen sollen. „Netter Versuch“, denkt Marina Wegener und lässt sich auch durch einen Gorilla-Hundeblick nicht erweichen. Dass in ihrer Gruppe während des aktuellen Lockdowns nur Jungs in der Betreuung sind, ist reiner Zufall. Aber auch das fördert interessante Entwicklungen zutage, zum Beispiel die neue Faszination für die Eiskönigin.

Alles begann damit, dass zwei Jungs plötzlich am Eiskönigin-Schloss gespielt haben – etwas, dass sie laut Marina Wegener vor den größeren Jungs eher nicht gemacht hätten. „Jungs haben es da immer schwieriger als Mädchen“, weiß die Erzieherin, „wenn ein Mädchen Dachdeckerin werden will, ist das taff und cool, aber wenn ein Junge ein Bild in rosa malt, sind Kommentare vorprogrammiert.“ Nun, im Beispiel der Eiskönigin, machen einige Jungs einfach das, was ihnen Spaß macht. Sie bauen Eisschlösser aus weißen Legosteinen, singen in der Gruppe die Lieder aus dem Film und keiner lacht sie dafür aus. Sie sind über ihren Schatten gesprungen – laut Wegener eine wichtige Eigenschaften mit Blick auf die bevorstehende Schulzeit. Und warum überhaupt sollen nur Mädchen die Eiskönigin toll finden dürfen, diese Welt voller Schnee, diese Geschwisterliebe?! Wenn die großen Jungs wieder da sind, dürfen sie gerne mitspielen, wenn sie möchten. Schließlich gibt es in der Geschichte ja auch noch einen lustigen Schneemann namens Olaf.

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