Aufschlussreicher Vortrag

Warum sich Ladesäulen auf dem Land nicht rechnen


Öffentliche Stromtankstellen in den ländlichen Außenbezirken von Plettenberg gibt es noch nicht – eine Installation ist laut Dr. Uwe Allmann auch nicht wirtschaftlich.
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Öffentliche Stromtankstellen in den ländlichen Außenbezirken von Plettenberg gibt es noch nicht – eine Installation ist laut Dr. Uwe Allmann auch nicht wirtschaftlich.

Die großen Automobilkonzerne stellen mehr und mehr auf elektrisch betriebene Fahrzeuge um und auch in Plettenberg sieht man immer mehr Fahrzeuge mit einem E im Nummernschild.

Plerttenberg - Doch wie sieht es mit der Netzinfrastruktur aus? Wo kann man in Plettenberg sein E- oder Hybrid-Auto laden? Gibt es genügend Ladesäulen, wie wirtschaftlich können diese betrieben werden und reicht das Stromnetz überhaupt aus, wenn immer mehr per Stecker ihr Auto laden?

Auf all diese Fragen gaben Stadtwerke-Geschäftsführer Dr. Uwe Allmann und Wolfgang Hinz, Geschäftsführer der Enervie Vernetzt GmbH, kürzlich aufschlussreiche Antworten im Bau- und Liegenschaftsausschuss.

Allmann stellte klar, dass eine gute Ladeinfrastruktur wichtig sei. „Unsere Stammkunden nehmen das Angebot dankbar in Kauf.“ Dass Auswärtige die Stromladesäulen nutzen würden, sei aber eher die Ausnahme. Die Stadtwerke selbst würden ihre Fahrzeugflotte nach und nach umstellen.

Problematisch seien die Standzeiten an den Ladestationen. „Es ist natürlich bequem, ein Auto sieben bis acht Stunden stehen zu lassen und drei bis vier Stunden zu tanken.“ Noch dazu sei es dann ein günstiger Parkplatz. Doch die optimale Lösung sei das nicht.

In den Außenbereichen der Stadt Plettenberg gebe es bislang noch keine Ladesäulen. Die Stadtwerke müssten rund 8 000 Euro für eine solche Ladesäule investieren, hätten aber gleichzeitig strenge Auflagen der Finanzbehörden, denn die Gewinne der Stadtwerke fließen laut Allmann ans Aquamagis und die Kultour GmbH, um diese zu finanzieren.

Schwer, Geld damit zu verdienen

„Grundsätzlich können die Stadtwerke Dinge anschieben, aber wenn wir den Steuervorteil in Höhe von 750 000 Euro verlieren, haben wir ein Problem“, betonte Allmann. Wenn man sehe, dass derzeit 20 Autofahrer acht Ladesäulen nutzen würden, könne man sich ausrechnen, dass damit kein Geld zu verdienen sei.

„Es gibt Regionen, wo das läuft, aber dass wir hier damit Geld verdienen, wenn wir marktübliche Preise nehmen, wird sehr schwer“, verdeutlichte Allmann.

Am besten frequentiert seien die Ladesäulen im Parkhaus an der Brachtstraße mit rund 1000 Ladevorgängen im Jahr. Dort würden im Schnitt 20 bis 25 kW/h getankt, am Rathaus (500 Ladevorgänge im Jahr) seien es meist 15 bis 20 kW/h.

Bundesweit gibt es laut Allmann derzeit für 17 Autos eine Ladesäule – „bei uns für zwei bis drei Autos. Die Abdeckung ist bereits sehr gut“, so der Stadtwerke-Geschäftsführer. Derzeit würden die Tankkarten von den Stadtwerken extrem subventioniert.

Bei einer Jahresladung von 600 kWh seien es 100 Euro, bei einigen „Ausreißern“ bis zu 1000 Euro, die man dazu steuere. „Wir dürfen und können die Stromsparte wegen der behördlichen Auflagen und dem Stichwort „Organschaft“ aber nicht dauerhaft subventionieren“, so Allmann. Auch deshalb werde man ab 2022 auf komplettes Plug-Surfing umstellen mit einem Bonus von 50 Euro pro Stadtwerke-Kunde. Während der Stadtwerkekunde bisher sechs Euro im Monat zahlt und so oft und so viel tanken kann, wie er will, sind es dann bei einem Ladevorgang rund zwölf Euro.

Stadtzenrum gut abgedeckt

Was die Säulenstruktur in Plettenberg angeht, sah Allmann das Stadtzentrum bereits sehr gut abgedeckt, Denkbar seien weitere Ladesäulen als Infrastrukturleistung in den Randlagen. Doch auch hier dauere es sehr lange, bis mit solchen Ladesäulen Gewinn erwirtschaftet werde.

Bei Ladesäulen für Fahrräder wäre eine Amortisation theoretisch eher möglich. „Trotzdem ist es wirtschaftlich völlig unrealistisch, da der Pflege- und Abrechnungsaufwand in keinem Verhältnis zu den Umsätzen und der Lebenswirklichkeit stehen“, betonte Uwe Allmann. Denn kaum ein Radfahrer führe ein Ladekabel mit sich und Diebstahl und Vandalismus seien hierbei weitere Probleme. Denkbar wäre so etwas in seinen Augen als Serviceangebot für Kiosk- oder Gastronomiebetriebe.

Was passiert, wenn tatsächlich fast an jeder Ecke im Sauerland Ladesäulen stehen, verdeutlichte Wolfgang Hinz, der für das Enervie Stromnetz verantwortlich ist. Derzeit zähle man im Netzgebiet rund 1 500 Elektrofahrzeuge. In zwei bis drei Jahren steige die Zahl auf bis zu 5000 Fahrzeuge und erreiche bis 2030 möglicherweise eine Zahl von 35 000 E-Autos. Bundesweit seien es derzeit 300 000 Elektrofahrzeuge.

„Wir bauen Stromnetze für 60 Jahre. Es kommt, aber es kommt nicht so schnell. Die nächsten zehn Jahre müssten wir theoretisch gar nichts tun“, sagte Hinz mit Blick auf die Leistungsfähigkeit des Stromnetzes.“ In den am stärksten betroffenen Netzbereichen sei mit Trafoüberlastungen erst ab drei Millionen E-Fahrzeugen bundesweit zu rechnen. Im Leitungsnetz könne es ab sechs Millionen E-Fahrzeugen zu Grenzwertverletzungen kommen.

Kabeldicke ist nicht entscheidend

Dennoch sei es wichtig, mit Blick auf die Herausforderungen der Zukunft das Geld an den richtigen Stellen zu investieren. Dabei sei die Kabeldicke der mitunter schon älteren Kabel nicht entscheidend. „Ein möglichst dicker Kabelquerschnitt bringt fast nichts“, so Hinz. Entscheidend sei die Leistungsfähigkeit und Dichte der Ortsnetzstationen. An deren Ausbau werde man in den nächsten zehn Jahren arbeiten.

Gute Ausgangslage in Plettenberg

Die Ausgangslage in Plettenberg sei mit drei Umspannwerken und einer redundanten Versorgung durch die Ringleitung sehr gut. Derzeit befinde man sich in einer Testphase mit regelbaren Trafos und einer digitalen Steuerung. Wenn alle E-Auto-Besitzer ihre Fahrzeuge zur gleichen Zeit laden würden, könne eine intelligente Steuerung dafür sorgen, dass der Strom in unterschiedlichen Zeiträumen über die gesamte Nacht zur Verfügung gestellt werde und das Netz so nicht überlastet werde.

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