Die Wiedergeburt der Entertainer-Legende Peter Alexander

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Pate gestanden hat der Peter Alexander-Film „Im weißen Rössl“, der für das Musikschauspiel „Servus Peter“ durchaus frei interpretiert und zu einer Retrospektive auf Leben und Schaffen des „Großen Peter“ genutzt wurde. Peter Grimberg ist (!!!) der Alexander.

Attendorn - Mit „Servus Peter“ lebt in Attendorn die Peter Alexander-Show auf / Reminiszenz an großartige Musikfilme mit Millowitsch & Heinz Erhardt / Plettenberger und Attendorner feiern das Ensemble um Sänger und Regisseur Peter Grimberg

Er galt als „Peter der Große“, sang und spielte mit allen Größen seiner Zeit. Peter Alexander war zeitlebens Garant bester Unterhaltung. Leben und Werk des Entertainers wurden jetzt in der Stadthalle Attendorn zelebriert: Mit „Servus Peter“ gab es eine Wiedergeburt der Peter Alexander-Show, des Musikfilms „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“ und zahlreicher anderer Kultfilme der 50er und 60er Jahre. Mit an Bord: Der große Peter, Willy Millowitsch, Heinz Erhardt, Mireille Mathieu, Rocco Granata, Lolita, Trude Herr, Caterina Valente, Conny Froboess, Frank und Nancy Sinatra, Bibi Jones – und manche mehr.

Heile Welt der unschuldigen 50er Jahre – wer das als Motto der Show ausgäbe, machte sich die Sache zu einfach. „Servus Peter“ wurde soeben als bestes reisendes Musical im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet. Peter Grimberg, Sänger, Schauspieler, Autor und Regisseur der Produktion hat ein Stück musikalischer Zeitgeschichte der Wirtschaftswunderjahre in Szene gesetzt. 

Attendorner und Plettenberger, die in reicher Zahl in die Stadthalle gekommen sind, erwarten zu Recht ein Wiedersehen mit den Idolen der Jugend – eine grandiose Präsentation zeitlos schöner Schlagermusik. Und so gehts von Anfang an mit Hochkarätern los: Vor der Kulisse des legendären Gasthauses am Wolfgangsee und dem Hausberg des Ortes, dem Schafberg, gibt es – geographisch alternativ verortet – das „Hinter den Kulissen von Paris“, das Mireille Mathieu unsterblich machte.

Das beste Erhardt-Double der Gegenwart

 „Eventuell, eventuell“ heißt es anschließend, das man als fröhliche Cabrioletfahrt im offenen Borgward kennt – auf Achse damals Caterina Valente und Peter Alexander. „Ich weiß was, ich weiß was Dir fehlt“ geht es sehr beschwingt und fröhlich weiter – und das kann nur das Willy Millowitsch-Double steigern, das in großkarierter Jacke am Wolfgangsee auftaucht und vor Stolz beinahe platzt: „Was kann der Sigismund dafür, das er so schön ist?“ Peter (Alexander / Grimberg), der singende Oberkellner des Weißen Rössl, wird deutlich und gibt sich beschwipst: „Das ganze Haus ist schief“ – das stammt zwar aus dem Film „Liebe, Jazz und Übermut“ von 1957, aber leitet ideal über zum Kellner Heinz (Horst Freckmann), der in einer kongenialen Mischung aus Heinz Erhardts Komik und dem Gesichtsausdruck von Privatdetektiv Wilsberg herrlich drögen Humor abliefert. Da gibt es das Gedicht mit der Made – und so liefern die Millowitsch- und Erhardt-Doubles Slapstick und Stand-Up-Comedy der Extraklasse ab. 

Alle kennen Rocco Granata, manche auch Phil und John als deutsche Entsprechung. „Marina“ führt nun nicht nur nach Italien, sondern lässt die Stadthalle zu den Fischer-Chören des Sauerlands mutieren. Und alle, wirklich alle sind textsicher. Alsbald wird Horst Freckmann als Kellner Heinz (Erhardt) zum Tanzbär: „Immer wenn ich traurig bin, trink’ ich einen Korn“. Darauf kann es nur die Replik von Peter dem Großen geben, dem Peter Grimberg, selbst Österreicher, in geradezu perfektester Form Mimik, Gestik, Sprechweise und gespielte Selbstironie abgeschaut hat: Ein Leben lang immer der große Lausbub.

Unbeschwerte Fröhlichkeit und große Politik im Liedlein

 Diese glucksende Fröhlichkeit in der Stimme bei tief in der Kehle gebildetem Ton ist genial und Grimberg lässt die Halle an dem Geschick teilhaben, dass der Alexander zeitlebens als großer Lausbub daherkam. „Mille Mille Baci“ sang er 1960 mit Vivi Bach ein.

 Nach dem unbeschwerten Liedlein kann es vor der Pause nur einen Titel geben, an dem alle sechs auf der Bühne mitwirken: „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“. Beschwingt geht es nach 20 Minuten weiter: „Sing’ Baby sing“ von 1955, das mit Alexander und Caterina Valente unsterblich wurde. Apropos unsterblich: Katrin Claßen als lispelndes Zimmermädchen zelebriert „Seemann, Deine Heimat ist das Meer“ , Lolitas größten Erfolg von 1960, den Andrea Berg 50 Jahre später neu auflegte. Attendorn schwelgt. Attendorn singt. Attendorn ist glücklich.

 Dann Trude Herr – Katrin Claßen ist auch in dieser Rolle zu sehen und zu hören und fordert lautstart „Ich will keine Schokolade.“ Danach beginnen in Attendorn beglückende Duette und „Massenbilder“ aller Akteure: „Ein kleines Haus am blauen See“ aus dem Film „Salem Aleikum“ von 1959 sang Peter Alexander mit Margrit Imlau ein. Aber der Alexander war nicht nur der geschmeidige Schnulzenkönig, er war Entertainer von internationalem Format. Peter Grimberg zeigt das, wenn er den absoluten Schmachtfetzen „Something stupid“ von Frank und Nancy Sinatra bringt, freilich auf deutsch als „Was kann ich denn dafür?“.

Westdeutschlands erstes Migrationslied: Zwei kleine Italiener – in den 50ern gabs die gleichen Probleme.

 Ja, was kann er dafür? Unschuldig lässt Grimberg seinen Peter Alexander auffordern „Komm’ und bedien’ Dich bei mir“, was im Original vom Tiger, also von Tom Jones, stammt. Aber schon wird der falsche echte Peter Alexander wieder artig und gibt den Schwiegersohn. Das Programm wechselt zu biederer Ehrlichkeit. Mit Conny Froboess wird frühe Nachkriegs-Migration in der Bonner Republik verarbeitet: „Zwei kleine Italiener“ – zehn Jahre, bevor Udo Jürgens mit dem griechischen Wein die deutsche Scheinheiligkeit geleugneter Einwanderung zum Thema machte: „Eine Reise in den Süden ist für andre schick und fein, doch zwei kleine Italiener möchten gern zuhause sein. [...] Zwei kleine Italiener am Bahnhof, da kennt man sie sie kommen jeden Abend zum D-Zug nach Napoli.“ Kommt Ihnen bekannt vor? Ersetzen Sie einfach mal Italiener durch Syrer ... 

Hochdankbares Publikum aus Plettenberg und Attendorn

Aber zurück zu „Servus Peter“, das jetzt endgültig und unbelastet zum Höhepunkt strebte: „Vergiss mich nicht so schnell“, das Original von Bibi Johns und Peter Alexander, danach mit österreichischem Schmelz „Sag’ beim Abschied leise Servus“. Servus? Aber nicht doch. Die Attendorner und die Pletenberger verlangen stürmisch Nachschlag. Den gibt es in der ersten Lesung mit „Die kleine Kneipe in unserer Straße“. Alle sind textfest, denn alle müssen mit dorthin „wo das Leben noch lebenswert ist“. Aber es reicht nicht. Noch eine Zugabe: „Hol den Peter“ heißt es aus dem 1959 am Arlberg gedrehten Hotelfilm „Peter schießt den Vogel ab“.

 Eingebettet in den Reißer wird eine Art Schnelldurchlauf des Abends unter dem Leitmotiv „Verliebt, verlobt, verheiratet“ – bekanntlich hat der singende Oberkellner Peter im Lauf der etwas locker ausgelegten Operette seine Wirtin Mariandel (aus dem Wachauerlandellandel) erobert, ist als Kellner gekündigt, als Ehemann eingestellt. Und warum? Die Antwort liefert die dritte Zugabe: „Das tu ich alles aus Liebe“ aus dem 1957er-Film „Das haut hin“. Tja, und das sagt eigentlich alles: Es haute hin in Attendorn. Herrliche, unbeschwerte Unterhaltung, gutes Schauspiel, Gesang von hoher Qualität und ein hochdankbares Publikum.

Camilla und Stefan Aschauer-Hundt


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