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„Menschen so weit abgehängt“: Düstere Prognosen des Chefs der Tafel Deutschland

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Von: Sabrina Jeide

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Der Vorsitzende der Tafel Deutschland, Jochen Brühl, meisterte seine Premiere beim P-Weg in Plettenberg erfolgreich. Der Spruch auf dem Rücken der Zuschauerin ist fast schon sinnbildlich: „Trust faith“ – also: „Vertraue dem Glauben“.
Der Vorsitzende der Tafel Deutschland, Jochen Brühl, meisterte seine Premiere beim P-Weg in Plettenberg erfolgreich. Der Spruch auf dem Rücken der Zuschauerin ist fast schon sinnbildlich: „Trust faith“ – also: „Vertraue dem Glauben“. © Jeide, Sabrina

Es ist nicht irgendwer, der vor wachsender sozialer Ungleichheit, Verarmung und den daraus resultierenden Folgen warnt: Der Vorsitzende der Tafel Deutschland, Jochen Brühl, steht am Rande des P-Weg-Marathonwochenendes für ein kurzes Gespräch zur Verfügung. Und was Brühl zu sagen hat, ist bedrückend.

Plettenberg - Gemeinsam stehen sie im Ziel, haben erfolgreich den 21-Kilometer-Halbmarathon absolviert, Uwe Brühl darf sich sogar über die Stadtmeisterschaft in der Altersklasse M60 freuen, sein Bruder finisht als 14. seiner Altersklasse M55. Beide sind begeistert von der Atmosphäre – Uwe Brühl zum wiederholten Mal, Jochen Brühl erstmals. Es ist seine P-Weg-Premiere. Doch es soll nicht der letzte gemeinsame Auftritt gewesen sein. So Gott will, sind beide auch 2023 dabei.

Der Jüngere der Brühl-Brüder erzählt, dass er gerne mal mit seinem Bruder an einem sportlichen Event teilnehmen wollte, schließlich hätten sie zuletzt gemeinsam Fußball in der Halle gespielt – und das sei immerhin 20 Jahre her. Gesagt, getan. Seit November steht Jochen Brühl im Training und hat sich fit gemacht. Urkunde, Medaille und Finisher-T-Shirt sind der Lohn. Dass er den P-Weg als Sponsorenlauf nutzte und quasi nebenbei 1 000 Euro an Spenden für die Tafel erlief, erwähnt er völlig selbstlos ganz bewusst nur am Rande.

Es folgt der Bruch zum fröhlichen P-Weg, als selbstverständlich die Frage nach den Tafeln aufkommt: „Das hier heute ist schön, alles andere ist kein Spaß“. Mit nur wenigen Sätzen zeigt er die ganze Misere auf: 50 Prozent mehr Kunden und Kundinnen, mehr als zwei Millionen Menschen, die eine der 960 Tafeln in Deutschland besuchen. Tendenz: steigend. Zu fast allen Tafeln kommen geflüchtete Menschen aus der Ukraine. Und immer häufiger sind Menschen aus dem unteren Bereich der eigentlichen Mittelschicht auf die Hilfe bei den Tafeln angewiesen.

Jochen Brühl scheint genau wie sein Bruder ein fröhlicher, lebensbejahender Mensch zu sein, doch wenn ihn bei der Tafel Menschen ansprechen und fragen: „Was soll ich im Herbst machen – essen oder heizen?“, dann geht das an dem gestandenen Mann genauso wenig spurlos vorbei wie am Eiringhauser Pfarrer.

Insgesamt gelten laut Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverband in Deutschland mittlerweile über 13 Millionen Menschen als arm – das entspricht einer Quote von gut 16 Prozent der Bevölkerung. Jochen Brühl zeigt auf schonungslos ehrliche Weise auf, dass auch das dritte Entlastungspaket der Bundesregierung eben nicht ausreiche, um die Ärmsten unserer Gesellschaft zu schützen.

Jochen Brühl: Regelsätze müssten bei 700 Euro liegen

Es seien gute Ansätze, aber es genüge nicht für die Menschen, die sowieso schon wenig haben. Für diesen Personenkreis bräuchte es eine viel gezieltere Entlastung und nicht das Gießkannen-Prinzip. „Die Einmalzahlung ist zu wenig. Es braucht vielmehr bedarfsgerechte Regelsätze und die liegen in unseren Augen bei rund 700 Euro.“ Aktuell belaufen sie sich auf 449 Euro, das neue Bürgergeld soll auf 502 Euro steigen. Und dennoch: „Ich halte es für demokratiegefährdend, wenn Menschen so weit abgehängt sind“, sagt der Tafel-Vorsitzende.

Er appelliert, auch die Helfer der Tafeln nicht aus den Augen zu verlieren. Auch sie seien durch die allgemeinen Kostensteigerungen belastet. Fast 60 000 Ehrenamtliche – zum Beispiel auch bei der Plettenberger Tafel – die regelmäßig eine Ausgabe organisieren und großes Engagement zeigen, leisten einen hohen persönlichen Einsatz. „Da möchte ich einen großen Dank an alle Helfenden aussprechen“, lobt Jochen Brühl.

Gleichzeitig gelte es aber auch nicht zu vergessen, was eigentlich die Grundidee der Tafeln war. „Wir sind keine Versorger, wir sind Unterstützer“, erklärt Jochen Brühl. Ursprünglich sollten die Tafeln eine Entlastung darstellen – hier scheint mittlerweile ein Ungleichgewicht entstanden zu sein. Die Tafeln sind an der Belastungsgrenze.

Mit großer Sorge blickt Jochen Brühl auf die kalte Jahreszeit. „Die Menschen werden im Winter nicht nur wegen der Lebensmittel zu uns kommen, sondern auch, um sich an einem warmen Ort aufhalten zu können und Menschen zu treffen.“ Sein Appell geht auch an die Kirchengemeinden: „Öffnet die Gemeindehäuser“. Sei es zum Eintopfessen oder einfach, um soziale Kontakte in warmer Umgebung zu ermöglichen.

Es bleibt kein Zweifel: Für viele Menschen könnte es ein bitter-kalter Winter werden. Das ist bedrückend.

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