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„Keine Option für die Zukunft“: Kohle-Ausstieg sei richtig gewesen, sagt Enervie-Vertreter

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Von: Georg Dickopf

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Mark-E als Betreiber der Kraftwerksanlagen in Elverlingsen wird einen großen Teil der Flächen für die eigene Nutzung behalten. Die Trennlinie zum zukünftigen Gewerbegebiet liegt genau zwischen den beiden großen Gebäudekomplexen im Vordergrund.
Der Ausstieg aus der Kohleverstromung war aus Sicht der Enervie-Gruppe richtig. Die Ausschreibung für den Abriss von Teilen des Kraftwerksgeländes in Werdohl-Elverlingsen soll noch in diesem Jahr erfolgen. © Enervie

Lennetal - Bundesfinanzminister Christian Lindner fordert einen Stopp der Stromerzeugung über Gaskraftwerke. Genau ein solches betreibt die Enervie-Gruppe in Herdecke. Nach der Stilllegung des Kohlekraftwerks in Werdohl-Elverlingsen sollte es eigentlich dabei helfen, die noch vorhandene Versorgungslücke im deutschen Strommarkt zu schließen. Georg Dickopf befragte Stababteilungsleiter Alexander ten Hompel von der Enervie-Gruppe zu den Auswirkungen der Gaskrise.

Vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs im Januar schien es, als könnte die Gas- und Dampfturbinen-Anlage Herdecke endlich richtig zum Zuge kommen. Sie mussten Ihre Strategie nach dem Kriegsausbruch aber komplett ändern, oder?
Die Anlage wird betrieben und ist trotz historisch hoher Gaspreise bedingt durch ebenfalls historisch hohe Strompreise „gut im Markt“. Das zeigt, dass die GuD-Anlage in Herdecke für die Stromversorgung gebraucht wird. Allerdings steigen mit der neu geschaffenen einseitigen Preisweitergabemöglichkeit/Umlage für Gas auch die finanziellen Risiken im Fall einer Gasmangellage deutlich.

In der Vergangenheit litt die Enervie-Gruppe in Sachen Gaskraftwerk ja bereits mehrfach unter den wechselnden Rahmenbedingungen. Heute ist es angesichts der Gaspreise nicht mehr gewollt, dass Strom mittels Gas produziert wird. Wie stark trifft die Enervie-Gruppe diese Situation?
Das aktuell in der Anlage eingesetzte Erdgas wurde bereits vor längerer Zeit zum festen Preis eingekauft und die damit erzeugten Strommengen sind verkauft. Ein Betriebsverbot würde uns hart treffen. Die aktuellen Marktbedingungen hätten einen hohen finanziellen Verlust zur Folge, wenn wir diese Produktion aufgrund des Verbotes zurückkaufen müssten.

Bedauern Sie es, das Kohlekraftwerk in Elverlingsen so stark zurückgebaut zu haben, dass nun kein Weg zurück möglich ist?
Der Ausstieg aus der Kohleverstromung war auch aus heutiger Sicht richtig. Auch wenn Kohle kurzfristig die Versorgungssicherheit ergänzend gewährleisten soll, so ist dieser Energieträger mit Blick auf die weiterhin gültigen, sehr ambitionierten Klimaziele keine Option für die Zukunft.

Kann man in der heutigen Situation eine valide Zukunftsprognose abgeben, wie sich der Energiesektor weiter entwickelt?
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir in der aktuellen, äußerst angespannten Marktsituation, die historisch einmalig ist, keine seriöse Prognose zur weiteren konkreten Entwicklungen abgeben können. Es ist allerdings davon auszugehen, dass das hohe Preisniveau – z. B. bei der Erdgasbeschaffung – erst einmal bleiben wird.

Was passiert bei der Enervie-Gruppe, falls die dritte Gasnotfallstufe ausgerufen wird?
Die Belieferung Ihrer Gewerbe- und Privatkunden liegt dann nicht mehr in Ihrer Hand, oder?Enervie Vernetzt hat im gesamten Versorgungsgebiet rund 130 „ungeschützte Kunden“. Das sind in der Regel große Industrie- und Gewerbekunden. Diese werden bei einer Gasmangellage per Mail kontaktiert und müssen ihre Verbräuche innerhalb von 24 Stunden reduzieren. Im Vorfeld gab es mit diesen „ungeschützten Kunden“ bereits einen Austausch zur Situation. Danach werden sie somit nur noch eingeschränkt versorgt bzw. die Verbräuche reduziert. Private Haushalte gehören zu den „geschützten Kunden“ und müssen (Stand heute) mit keinen Einschränkungen rechnen. Trotzdem sollte jeder Kunde sehr bewusst und verantwortungsvoll mit Energie umgehen und auch Einsparpotenziale, schon allein aus Kostengründen, realisieren.

Was raten Sie Ihren Kunden, die mit Gas heizen und mit welchen Preisen und Preiserhöhungen müssen die Kunden rechnen?
Gibt es Beratungen zum Thema Abschlagserhöhungen etc.?Wie wir in unserer Pressemeldung veröffentlicht haben, müssen die Gaspreise trotz langfristiger Beschaffungsstrategie aufgrund explodierender Beschaffungskosten zum 1. September 2022 angepasst werden. Hier haben wir ebenfalls die Erhöhung der Abschläge empfohlen und auf die in der Meldung aufgeführten Kontakt- und Beratungsmöglichkeiten hingewiesen.

Sie übernehmen demnächst den Vertrieb der Stadtwerke in Werdohl und Plettenberg. Werden die Mitarbeiter dort zu den gleichen Konditionen übernommen und werden alle bisherigen Mitarbeiter Teil der Enervie-Gruppe?
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt dazu noch keine weiteren Details nennen können.

Strompreise bleiben weiter stabil, Gaspreiserhöhung nicht vermeidbar

Bei den Stadtwerken Lüdenscheid und der Enervie-Gruppe profitieren die Kunden von der langfristigen Beschaffungsstrategie: Mit Wirkung zum 1. Juli 2022 senkte der regionale Energiedienstleister die Strompreise sogar. Hintergrund war der kürzlich von der Bundesregierung beschlossene Wegfall der „EEG-Umlage“. Damit sollen alle Stromkunden in Deutschland wegen der zuletzt stark gestiegenen Energiepreise entlastet werden.

Die Stadtwerke Lüdenscheid, die zur Enervie-Gruppe gehören, gaben diese Absenkung vollumfänglich an die Stromkunden weiter. Zum 1. Juli sanken somit die Strompreise für die Kunden in allen Tarifen um 4,43 Cent brutto pro Kilowattstunde (kWh).

Die ebenfalls langfristige Gasbeschaffungsstrategie der Stadtwerke Lüdenscheid und der Enervie-Gruppe kann dagegen die stetig preiserhöhenden Effekte nicht mehr kompensieren. So haben sich seit Beginn des vergangenen Jahres die Großhandelspreise für Gas signifikant erhöht.

Die Stadtwerke Lüdenscheid und auch die Enervie-Gruppe muss daher mit Wirkung zum 1. September 2022 eine Erhöhung der Preise vornehmen. Somit ergeben sich über die verschiedenen Verbrauchsfälle unterschiedliche Preisentwicklungen für den Gasverbrauch. So zahlt ein Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20 000 Kilowattstunden im Tarif „Komfort Gas“ beispielsweise im Monat 41,50 Euro (brutto) oder ca. 26,2 Prozent mehr für Gas. Neben den Privatkunden erhöhen sich auch die Gaspreise für Gewerbekunden entsprechend.

Das Unternehmen empfiehlt allen Kunden dringend, die monatlichen Abschlagszahlungen nach oben anzupassen. Dies kann den Kunden helfen, um mögliche größere Nachzahlungen im Zuge der Jahresabrechnung zu vermeiden oder zumindest abzufedern.

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