Theaterstück der Kunstgemeinde

Vater – ein starkes Stück

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Das Ensemble verneigt sich vor dem begeisterten Publikum in der Aula: Von Links: Tim Neubuhr, Juliane Köster, Irene Christ, E. W. Lenik, Benjamin Kernen und Nina Damaschke.

Plettenberg - In kleinen Episoden erlebte der Besucher, wie sich die Welt eines an Demenz Leidenden immer mehr verändert. Nicht wirklich, aber in seiner sich verschiebenden Realität, weil sein Gedächtnis immer mehr Lücken bekommt.

In dem vielfach international für hohe Auszeichnungen nominierte und in Frankreich mit dem Prix Moliére und Prix de Brigadier ausgezeichnete Stück verarbeitet der französische Autor Florian Zeller seine persönlichen Eindrücke, als seine Großmutter an Demenz erkrankte. Das Stück, das die Schauspielbühnen in Stuttgart (Altes Schauspielhaus) mit einem hervorragend agierenden Ensemble nach Plettenberg brachte, überzeichnet oder karikiert nicht. Es schildert sehr real, wie Vater André (Ernst-Wilhelm Lenik), seine kleine Familie und Pflegekräfte in ihren manchmal situationskomischen, aber auch verzweifelten Situationen dem Unvermeidlichen entgegengehen.

 André erkennt anfangs, dass in seiner Erinnerung Lücken klaffen. Die versucht er zu kaschieren, spielt am Beginn diese Defizite herunter und erkennt, dass da etwas mit ihm nicht stimmt. Die sehr fürsorgliche Tochter Anne (Irene Christ) hat an mehreren Fronten zu kämpfen: Gegen die immer mehr fortschreitende Krankheit des Vaters, gegen die unvermeidbare Unterbringung des Vaters in einem Heim und gegen die Erinnerung des Vaters an die von ihm so sehr geliebte Schwester, die aber bereits mit dreißig Jahren durch einen Unfall verstarb. Der Vater rechnet aber immer noch mit ihrem Besuch. Als Running Gag dient die stets nicht vorhandene Armbanduhr. Vehement streitet André ab, sie verlegt zu haben. Da wird eher eine Pflegekraft des Diebstahls bezichtigt. Das Stück produziert manche Situationskomik, bei der aber auch dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken bleibt. Mit der hübschen, neuen Pflegekraft Laura (Juliane Köster) versucht er zu flirten und erzählt ihr, dass er früher gesteppt habe und Tänzer war. Er demonstriert ihr seine für ihn immer noch vorhandene Gelenkigkeit. Die Tochter berichtigt ihn aber, er sei doch Ingenieur gewesen. Gleich schwenkt er um und berichtet Laura: „Ich bin nämlich sehr intelligent. Manchmal bin ich selbst überrascht.“ 

Dann überwiegen wieder die traurigen Elemente, wenn er selbst gegenüber Laura berichtet: „Ich habe Lücken im Gedächtnis, winzig kleine Lücken. Bemerkt keiner – außer mir.“ Oder: „Wieso Abendessen? Wir haben doch noch nicht gefrühstückt.“ So verschwimmen immer mehr die Tage und Erlebnisse. Sehr eindrücklich die Szene, als der Vater im Sessel sitzend weint und schützend die Arme vor den Kopf hält, weil er in seiner Einbildung vom Annes Lebensgefährten Pierre bedroht wurde: „Wir müssen eine andere Lösung suchen!“ Instinktiv erkennt der Vater, dass Pierre Anne vor zu viel Selbstaufgabe und Fürsorglichkeit schützen will. 

Ein immer wieder auftauchender Pfleger (Tim Niebuhr) verunsichert André zusätzlich. Wieder und wieder droht das Unwort „Heim“, das niemals genannt, aber immer umschrieben im Stück auftaucht. Irgendwann war es dann doch so weit, und der Vater findet, sich in einem Seniorenheim wieder, aber nicht zurecht: „Was soll das denn, ein Bett im Wohnzimmer?!“ Auf einer Fahrt im Rollstuhl in den Park mit der Krankenschwester (Nina Damaschke) wird André dicht an den Bühnenrand gefahren. Er freut sich auf den Besuch am Wochenende, nein, nicht von seiner Tochter Anne, sondern er erwartet seine Mama. Das ist auch die Schlussszene, wie er hoffnungsfroh die Augen nach oben wendet und tonlos die Lippen „Mama“ formen. Ein tosender und lang anhaltender Applaus von den Zuschauern war der Lohn für die sehr intensiv gespielte Tragikkomödie. Ernst-Wilhelm Lenik brillierte als Vater. Irene Christ als liebende Tochter setzte ihre Rolle perfekt in Szene. Überhaupt muss man dem gesamten Ensemble eine Leistung ohne Makel und einer enormen Spielfreude – trotz des anspruchsvollen Stückes bescheinigen.

 Letztendlich blieben in der Aula doch einige Stühle unbesetzt. War es die Angst vor etwas, was viele Menschen betrifft und sich bis 2050 verdreifachen wird? Den Kopf in den Sand stecken ist auch keine Lösung. Übrigens gibt es in Plettenberg ein gutes Demenz-Netzwerk

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