Was ein Sauerland-Amerikaner über Trump und die Deutschen denkt

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Phil Downard (2. v. re.) mit seiner Frau Denise, seinen Eltern und vier Kinder mitsamt Partnern in Tucson / Arizona.

Es ist 30 Jahre her, als der Amerikaner Phil Downard aus dem US-Bundesstaat Arizona ein Austauschjahr im Sauerland verbrachte. Kontakte zu einigen Wegbegleitern hat er heute noch. Georg Dickopf sprach nach dem Wahltag mit ihm über die Präsidentschaftswahl, bei der Arizona bis zuletzt eine große Rolle spielt.

Herr Downard, Sie leben in Phoenix / Arizona. In ihrem Staat lag Joe Biden zuletzt knapp vorne. Hat Sie das überrascht?

Bis heute Morgen wurde hier nicht bestätigt, dass Joe Biden in Arizona gewonnen hat oder nicht. Er ist knapp vorne und das überrascht mich ein wenig, aber in letzter Zeit sind viele Menschen in unseren Staat gezogen, die eher auf Seite der Demokraten stehen.

Sagen Sie uns, wen Sie gewählt haben und warum? 

Ich habe am 3. November abgestimmt, denn das ist unser Wahltag. In Arizona bieten wir andere Abstimmungsmöglichkeiten an, aber ich habe es immer geschätzt, persönlich abzustimmen. 

Wie lange mussten Sie warten, bis Sie wählen konnten?

Ich war nur etwa 30 Minuten in der Schlange. Mein Wahlkreis war da ziemlich effizient. 

In Deutschland hört man oft von einem gespaltenen Amerika. Ist dieser Eindruck richtig?

Leider ist das sehr richtig. Wir waren immer ein bisschen gespalten, aber es scheint, dass wir bei den letzten Wahlen mehr Extreme hatten. Als Nation können wir normalerweise zusammenhalten und das überstehen, um zusammenzuarbeiten, aber das scheint in jedem Wahlzyklus schwieriger zu sein. Es gab einige sehr starke Bewegungen sowohl in der „äußersten Linken“ als auch in der „äußersten Rechten“ unserer Politik. 

Wenn im Freundeskreis über Politik gesprochen wird, gibt es dann häufig Streit? 

Das ist eine lustige Frage. Ich kann offen mit meinen Freunden sprechen und wir können auch über Dinge uneinig sein, ohne dass es zu hitzig wird. Wenn man das unter Fremden oder in der Firma tut, kann dies schnell zu einem Streit ausarten. Wir haben in Amerika ein Sprichwort: „Diskutiere nicht über Politik oder Religion, es sei denn, du willst einen Kampf.“

Sie haben eine große Familie. Haben alle den gleichen Kandidaten gewählt? 

In meiner Familie neigen wir dazu, ähnlich zu denken, aber ich weiß ich, dass wir nicht alle den gleichen Kandidaten gewählt haben. 

Was sagen Sie dazu, dass Trump sich vorzeitig zum Sieger erklärt? 

Ich persönlich glaube nicht, dass das richtig ist. Man sollte sich niemals zum Sieger erklären, es sei denn, man hat einen großen Vorteil und es gibt offensichtlich keine Möglichkeit für einen anderen Wahlausgang. Ich denke, dass die Nachrichten bis zum Abschluss der Abstimmung und Auszählung nichts verbreiten sollten, denn das schürt die Angst in der Bevölkerung. 

Glauben Sie, dass es bei einer Niederlage von Trump zum Bürgerkrieg kommt?

In Maricopa County ging Phil Downard wählen. Einen Tag später wurde die Auszählung von bewaffneten Trump-Anhängern gestört.

Ich glaube nicht, dass es einen Bürgerkrieg geben wird, aber es wird höchstwahrscheinlich viele Unruhen und möglicherweise Ausschreitungen geben (Anm. der Redaktion: Teilweise bewaffnete Trump-Anhänger versammelten sich nach der Aufzeichnung des Interviews vor dem Wahlbüro des Bezirkes Maricopa County, wo auch Phil Downard einen Tag zur seivor seine Stimme abgab).

In Deutschland wird Donald Trump als Lügner und Clown angesehen. Ist den Amerikanern bewusst, wie schlecht das Ansehen der USA geworden ist? 

Ich denke, in den USA sehen viele Trump und mögen ihn sehr. Meine persönliche Meinung ist, dass Trump als Person ein bisschen peinlich ist und das weltweite Ansehen der USA dadurch beschädigt hat, wie er sich verhält. Ich denke, dass seine Politik in Bezug auf die USA in die richtige Richtung geht. Er hat versucht, Arbeitsplätze in die USA zurückzubringen und uns aus internationalen Handelsabkommen herauszuholen, die für uns nicht so gut waren. Ich denke, die meisten Amerikaner sehen dies auch so. Und sie begreifen, dass er und dadurch auch die Amerikaner derzeit auf globaler Ebene als etwas unbesonnen angesehen werden. Ich mag Trump nicht auf persönlicher Ebene, aber ich glaube, dass er versucht hat, die USA zu einer soliden Politik zurück zu bringen.

 

Wie stark hat die Coronakrise Ihre Wahl beeinflusst? Wie viele Fälle gibt es in Arizona? Muss man dort Maske tragen?

Das Virus hat bei den Wahlen eine ziemlich große Rolle gespielt. Es ist sehr leicht, jemandem die Schuld zu geben. In Arizona gibt es 250 000 Fälle mit 6 000 Todesfällen. Wir sind gesetzlich nicht verpflichtet, Masken zu tragen, aber es wird ziemlich gut akzeptiert. In den USA überwiegt unsere Wahlfreiheit manchmal das, was getan werden sollte. Deshalb haben wir so viele Menschen, die dagegen kämpfen wollen, weil sie das Gefühl haben, dass dies ihre Freiheiten verletzt. Ich glaube nicht, dass ein Präsident in den USA aufgrund der Denkweise der Bevölkerung viel mehr hätte tun können. Ich glaube, dass ein Präsident eher eine Führungsrolle spielen sollte in der Hoffnung, dass die Menschen folgen. 

Sie haben vor 30 Jahren üb er den Rotary-Club einen Austausch in Plettenberg und Neuenrade absolviert und das Albert-Schweitzer-Gymnasium besucht. Wie sind Ihre Erinnerungen daran? 

Ich glaube meine Zeit in Deutschland hat entscheidend dazu beigetragen, wie ich die Welt sehe. Ich durfte in deutschen Familien  leben, durfte die Kultur voll erleben und offen mit Gleichaltrigen sprechen. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Deutschland und war ein paar Mal zu Besuch, aber nur für kurze Zeit. Meine Familie hat hier auch einige deutsche Austauschstudenten aufgenommen, und es ist immer gut zu sehen, wie sie die Welt und die USA sehen. Unsere Familie ist durch unsere Vorfahren mit diesem Land verbunden. Die Deutschen sind insgesamt eine sehr vielseitige und gebildete Kultur. Ich hoffe, bald wieder nach Deutschland zu kommen und dort mehr Zeit zu verbringen. 

Wie ist das Bild der Deutschen in den USA und von Angela Merkel? 

Meiner Erfahrung nach haben die meisten immer noch eine Sicht auf Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Sie wissen nicht, wie ein modernes Deutschland ist oder aussieht. Amerikaner im Allgemeinen sind auf globaler Ebene leider sehr ungebildet. Die meisten würden nicht einmal wissen, wer Angela Merkel ist oder eine Meinung zu Deutschland haben. Ich denke wegen unserer Kultur und geographischen Lage konzentrieren sich die meisten auf lokale Angelegenheiten – nur sehr wenige sehen die Dinge im globalen Maßstab. Dies ändert sich langsam, ist aber seit Generationen so. Es ist den meisten egal, es sei denn, es ist direkt in den Nachrichten oder betrifft uns. Das ist sehr traurig. Da ich die Gelegenheit hatte, in vielen Gegenden der Welt zu leben, sehe ich die Dinge anders. 

Was wünschen Sie sich vom Präsidenten? Ist es möglich, dieses Land zu vereinen? 

Ich persönlich möchte, dass der Präsident versucht, die USA wieder zu vereinen und unsere globalen Beziehungen und unseren Kurs zu festigen. Wir haben viele interne Probleme, von denen einige missverstanden oder falsch dargestellt werden, andere sind klar. Wir als Nation müssen auch unsere Rolle auf globaler Ebene verstehen. Die USA befinden sich derzeit in einem Zustand des Wandels, auf welcher Seite auch immer man dabei eher steht. Als Nation finden wir normalerweise einen Weg und arbeiten zusammen, um die Probleme zu lösen und zu wachsen. Der Präsident muss dabei führen und zeigen, dass wir uns bei manchen Dingen nicht einig sind und dennoch vorankommen. Ich glaube, wenn die USA ihren derzeitigen Weg fortsetzen, wird es nicht nur lokal, sondern auch global viel schlimmere Zustände geben.

Ein Sauerland-Amerikaner

Im Jahr 1989/90 verbrachte der in Tucson (Arizona) lebende Phil Downard ein Austauschjahr über den Rotary-Club in Deutschland und lebte dabei in vier Gastfamilien in Affeln und Neuenrade. Er besuchte das Albert-Schweitzer-Gymnasium, nahm an der HinterglemmSkifreizeit teil und lernte das deutsche Bier, das er heute noch gerne trinkt, bei einem Besuch der Neuenrader „Altstadt“ schätzen und lieben. Kurz nach dem Mauerfall war er in Berlin und brachte den Gastfamilien Mauerstücke mit. Auch in der Werdohler Partnerstadt Derwentside in England verbrachte der Amerikaner ein paar Tage. Auch wenn er einige Wochen unter dem Pfeifferschen Drüsenfieber litt, behielt er die Zeit im Sauerland in bester Erinnerung. Mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt er heute in einem Vorort von Tucson und ist Gründer einer Firma für IT-Consulting

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