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Trotz Verurteilung: Mann nach sexuellem Kindesmissbrauch noch über ein Jahr auf freiem Fuß

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Von: Georg Dickopf

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Am Bundesgerichtshof wurde das Urteil bestätigt.
Am Bundesgerichtshof wurde das Urteil bestätigt. © dpa

Ein verurteilter Attendorner Sexualstraftäter ist noch auf freiem Fuß und auch sein Führungszeugnis ist noch blütenweiß. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat seine Verurteilung bestätigt.

Plettenberg/Attendorn – Fast acht Jahre, nachdem ein 57-jähriger Attendorner sexuellen Missbrauch an Kindern begangen hat, wurde der Mann, der bis zum Herbst letzten Jahres in einem Plettenberger Unternehmen arbeitete, nun am 22. November rechtskräftig verurteilt – zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten.

Wie Dr. Kai Hamdorf, Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, mitteilte, wurde der Beschluss durch fünf Richterinnen und Richter des Bundesgerichtshofs gefasst. Die Verfahrenskosten habe der Angeklagte zu begleichen. Das Verfahren ging am 21. Juli 2022 beim Bundesgerichtshof ein. „Die Revision des Angeklagten wurde durch Beschluss vom 22. November 2022 verworfen“, so Hamdorf.

Das Urteil sei damit rechtskräftig. Der damit verbundene Eintrag ins Bundeszentralregister werde von der zuständigen Staatsanwaltschaft vorgenommen.

Attendorner nach sexuellem Missbrauch von Kindern noch über ein Jahr auf freiem Fuß

Doch bis heute ist das Führungszeugnis des weiter auf freiem Fuß lebenden Attendorner blütenweiß, was in Plettenberg bereits im letzten Jahr für Befremden sorgte. Es war zwar keine Kindertageseinrichtung, in der der Mann zwischenzeitlich beschäftigt war, aber ein Unternehmen, in dem viele junge Menschen anzutreffen sind.

Doch der Reihe nach: Vor dem Landgericht Münster wurde der Attendorner im Dezember 2021 vier Tage vor Weihnachten wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt.

Bis das Urteil gefällt und Ende November 2022 auch rechtskräftig wurde, verging viel Zeit. Die Opfer des heute 57-Jährigen sind fast acht Jahre nach den ersten Taten Heranwachsende.

Die Staatsanwaltschaft Münster hatte dem Attendorner insgesamt fünf Fälle schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern vorgeworfen – für zwei Taten wurde er verurteilt. Bis im Spätsommer letzten Jahres arbeitete der damals 56-Jährige noch bei einem Unternehmen in Plettenberg.

Die 1. Große Strafkammer im Landgericht Münster hatte den Attendorner in nicht-öffentlicher Verhandlung – zum Schutz der Opfer – zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt und blieb damit sechs Monate unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Der Angeklagte bestritt die Vorwürfe, sein Verteidiger forderte Freispruch. Das Gericht vertraute auf die Aussagen der Opfer sowie auf die Gutachten von Sachverständigen. Die Fälle sexuellen Missbrauchs, für die der Attendorner jetzt verurteilt wurde, fanden in Westerkappeln statt.

Insgesamt fünf Fälle

Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, hatte die Staatsanwaltschaft dem 57-Jährigen sexuellen Missbrauch von Kindern in fünf Fällen vorgeworfen. So soll er 2015 in drei Fällen „sexuelle Handlungen an beziehungsweise vor dem Sohn und in einem Fall an der Tochter einer befreundeten Familie vorgenommen haben“. Des Weiteren wurde ihm vorgeworfen, im Jahr 2019 sexuelle Handlungen an einem Mädchen vorgenommen zu haben. Die Kinder in den ersten drei Fällen hatten sich ihren Eltern anvertraut, die im März 2016 Anzeige erstatteten. So kam das Verfahren gegen den Attendorner ins Rollen.

Bevor es im November 2017, also rund anderthalb Jahre, nachdem der Mann aktenkundig wurde, zur Anklageerhebung am Schöffengericht Ibbenbüren kam, wurden im Zuge des Ermittlungsverfahrens zunächst Gutachter beauftragt. „Es ging dabei auch um die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Kinder“, betonte seinerzeit Henning Barton, Pressesprecher am Landgericht. Dabei ging es um die Frage, „ob die Aussagen erlebnisbasiert“ gewesen seien.

Weiter auf freiem Fuß

Zu einer Verurteilung des Attendorners kam es 2017 in Ibbenbüren aber nicht. Der Vorsitzende Richter verwies den Fall an das Landgericht Münster, da ein Amtsgericht maximal vier Jahre Haft verhängen darf und die Strafe möglicherweise höher ausfallen könnte. Der Sexualstraftäter blieb weiter auf freiem Fuß und soll sich im Sommer 2019 an seiner sechsjährigen Enkeltochter vergangen haben. Das Verfahren wurde aber eingestellt.

Vor dem Landgericht Münster wurde ein Attendorner wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Bis September 2021 arbeitete er in Plettenberg.
Vor dem Landgericht Münster wurde ein Attendorner wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Bis September 2021 arbeitete er in Plettenberg. © DPA

Das Hauptverfahren am Landgericht verzögerte sich gleich mehrfach. Zum einen, weil die in U-Haft sitzenden Angeklagten im großen Missbrauchsskandal von Münster und Lügde Vorrang hatten. Zum anderen, weil ein Richter erkrankte und der Angeklagte längere Zeit verhandlungsunfähig war. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, sich im Frühjahr 2021 bei einem Unternehmen in Plettenberg weiterbilden zu lassen. Dazu legte er ein Führungszeugnis vor, das nach Auskunft der Geschäftsführerin „absolut sauber“ war.

Arbeit in Plettenberg

Wie der Münsteraner Sprecher erklärte, werde in einem Führungszeugnis nur etwas vermerkt, wenn ein rechtskräftiges Urteil vorliege.

Die Geschäftsführerin aus Plettenberg, die den Attendorner 2021 einstellte, fiel aus allen Wolken, als sie von den Vorwürfen hörte. „Wir bekamen erst ein halbes Jahr später einen Hinweis und konfrontierten den Mitarbeiter unter Zeugen damit. Er hat dann eingeräumt, dass gegen ihn ein Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs laufe.“ Fristlos kündigen konnte das Unternehmen dem Attendorner dennoch nicht, denn eine Verurteilung gab es auch fast sechs Jahre nach der ersten Anzeige nicht. „Wir haben uns dann im beiderseitigen Einvernehmen auf eine Vertragsauflösung einigen können“, berichtete die Plettenbergerin Ende letzten Jahres.

Vom 18. November 2021 an wurde an sechs Verhandlungstagen in Münster verhandelt. Die Kinder und einstigen Opfer mussten sich fast sieben Jahre nach den Taten als Heranwachsende erneut mit den Vorfällen beschäftigen.

Nachdem das Gericht zwei Tatvorwürfe als erwiesen ansah, verurteilte es den Mann vier Tage vor Weihnachten zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten. Auf die Anordnung einer Untersuchungshaft hatte die Staatsanwaltschaft Münster verzichtet.

Hinter Gitter ging es für den verurteilten Attendorner also nicht, denn laut Gerichtssprecher Barton legte der Angeklagte nach dem Urteil Revision ein. Somit hatte nun der Bundesgerichtshof das Urteil mit Blick auf Rechtsfehler zu prüfen.

Urteil mehrfach geprüft

Nach dem Urteilsspruch in Münster wurde das Urteil zunächst schriftlich ausgearbeitet und dann an alle Verfahrensbeteiligten verschickt. Danach ging es zur Prüfung an die Generalstaatsanwaltschaft und den Generalbundesanwalt in Karlsruhe. Nach der dortigen Prüfung landete das Urteil schließlich fast sieben Monate später zur abschließenden Prüfung beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe, wo elf Monate nach dem Urteil in Münster die Akte geschlossen wurde.

„Vier Monate sind schon eine zügige Bearbeitungszeit“, konstatierte der Karlsruher Pressesprecher Dr. Kai Hamdorf.

Dass der nun rechtskräftig verurteilte Attendorner am Mittwoch, 14. Dezember, seine über vierjährige Haft antreten muss, stimmt allerdings nicht.

Wie Oberstaatsanwalt Dirk Ollech als Sprecher der Staatsanwaltschaft Münster am Dienstag auf Anfrage erklärte, sei die Akte aus Karlsruhe zwar mittlerweile eingetroffen. Wann die Ladung an den Verurteilten herausgehe, wolle er allerdings nicht sagen, damit der Verurteilte nicht aus den Medien erfahre, wann er die Haft anzutreten habe. Gemäß Paragraph 27 der Strafvollstreckungsordnung erfolge nach dem Vorliegen der Akte die Ladung zum Strafantritt für den 57-Jährigen.

Frist bis zum Haftantritt

Besagter Paragraph lautet: „In der Ladung ist der verurteilten Person grundsätzlich eine Frist zu setzen, binnen der sie sich in der angegebenen Vollzugsanstalt einzufinden hat; die Frist wird in der Regel so bemessen, dass ihr mindestens eine Woche zum Ordnen ihrer Angelegenheiten bleibt. (...).

Ob diese Frist eine oder mehr Wochen betrage, sei Ermessenssache. In der Regel werde den Verurteilten ein Frist von zwei Wochen eingeräumt. Auf die Frage, ob der wegen schweren sexuellen Missbrauchs verurteilte Attendorner Weihnachten 2022 hinter Gittern verbringe, verwies Ollech auf den Rechtspfleger. Die Entscheidung sei unabhängig vom symbolträchtigen Weihnachtsfest zu sehen.

Was das bis heute weiterhin blütenweiße Führungszeugnis des Mannes angeht, könne erst dann ein entsprechender Eintrag im Bundeszentralregister veranlasst werden, wenn die entsprechende Akte vorliege., was mittlerweile der Fall ist.

Ein Monat bis zum Eintrag ins Bundeszentralregister

Auf Nachfrage beim Bundesamt für Justiz in Bonn zu der durchschnittlichen Bearbeitungszeit zwischen rechtskräftigem Urteil und Eintrag ins Bundeszentralregistergesetz erklärte Sprecher Martin Steltner, dass ein solcher Eintrag binnen vier Wochen nach dem Vorliegen der Akte zu erfolgen habe.

Für den Attendorner, der somit möglicherweise erst nach Weihnachten oder im neuen Jahr seine Haft antreten muss, erfolgt der entsprechende Eintrag ins bis dato blütenweiße Führungszeugnis damit knapp acht Jahre nach den ersten Taten.

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