„Die Landschaft wird sich verändern“ - Regenmengen reichen bei Weitem nicht aus

+
Nähe Vierkreuze: Die Bäume rechts im Hintergrund sind tot, werden aber aus Naturschutzgründen nicht gefällt. Von den vorderen Bäumen sind nur noch Stümpfe übrig; sie mussten gefällt werden, um die Verkehrssicherheit garantieren zu können, da sie sich zu dicht am bei Mountainbikern und Wanderern sehr beliebten Weg befunden hatten.

Plettenberg/Herscheid – Der Regen der vergangenen Tage dürfte den heimischen Wäldern gut getan haben – könnte man meinen. Tatsächlich seien die Regenmengen – vor allem für ältere Bäume – bei Weitem nicht ausreichend gewesen. Förster Markus Ingenohl ist sich daher sicher: Das Klima, aber auch das Wirken des Borkenkäfers werden dafür sorgen, dass sich die heimische Landschaft verändern wird.

Markus Ingenohl, Förster des Regionalforstamtes Kurkölnisches Sauerland, am Freitagmorgen. „Wir brauchen ganz, ganz dringend Regen“, der Bedarf sei unheimlich groß. 150 bis 200 Liter pro Quadratmeter, das würde dem Wald jetzt gut tun. Zu erreichen ist dies natürlich nicht mit einem verregneten Wochenende. „Drei Wochen Landregen“ würde sich der Förster für den Wald wünschen. Der Regen am Wochenende kam vor allem den jungen Bäumen zu Gute; den ein- bis zweijährigen Kulturen sowie denen, die erst in diesem Frühjahr angepflanzt worden sind. 

Die Sorge sei schon groß gewesen, dass „die alle kaputt gehen“, so Ingenohl. Doch für die Altbestände sei die Regenmenge noch viel zu wenig gewesen: Der Regen bleibe in den Kronen hängen und verdunste. „Im Tiefwurzelbereich kommt nichts an. Aus Sicht eines alten Baumes hat es die letzten zehn Wochen nicht mehr geregnet.“ Dabei habe das Jahr für den Wald ganz gut angefangen: Im Februar und März hatte es relativ viel geregnet. „Alle waren ganz glücklich“, erklärt Ingenohl. Doch seien die letzten drei Jahre gesamt gesehen viel zu trocken gewesen.

Im Schnitt fallen in Plettenberg rund 1 200 Millimeter Regen pro Jahr; daran seien die Bäume hier gewöhnt. Die letzten Jahre waren es jedoch nur etwa 700 Millimeter. Dies hatte zur Folge, dass der Grundwasserspiegel zurückgegangen ist. Für Flachwurzler wie die Fichte würde das zum echten Problem, denn ihre Wurzeln reichen dann nicht mehr in die grundwasserführenden Schichten des Bodens. Durch die Trockenheit werde der Baum geschwächt und der Borkenkäfer habe leichtes Spiel. Die Anzahl der toten Bäume ist immens: Rund 13 000 Festmeter Holz seien seit Jahresbeginn bereits eingeschlagen geworden. 

Zudem muss der Regen auch zur richtigen Zeit fallen: Bäume brauchen den Regen wenn sie wachsen, also im Frühling und Sommer. „Naturgemäß und ökologisch“ – im Staatsforst soll die Baumfällung der Waldpflege dienen. Normal würden keine Kahlschläge gemacht, berichtet Ingenohl, sondern gezielt einzelne Bäume gefällt. Das sei das Schöne am Försterberuf: Gezielt gucken, um zu helfen. Denn während die Fichte lange Zeit optimale Bedingungen in den heimischen Wäldern vorgefunden habe, sich gut entwickelte und ausbreitete, bräuchten andere Baumarten mehr Unterstützung – Esche, Bergahorn oder Weißtanne beispielsweise.

Fichten wurden entfernt, um den anderen Baumarten zu helfen. Doch das habe sich grundlegend geändert. „Man reagiert nur noch“, sagt Ingenohl, statt wie früher zu agieren. Das sei nicht schön. Vom Rückgang der Fichten würden die anderen Baumarten jetzt allerdings nicht profitieren, denn auch sie litten akut an Wassermangel. Braune Nadeln und abgesplitterte Rinde: Wenn Bäume dieses traurige Bild abgeben, sieht auch der Laie, dass der Baum tot ist. 

Doch gibt es in den heimischen Wäldern große Baumbestände, die augenscheinlich noch ganz intakt, tatsächlich aber total vom Borkenkäfer befallen sind. Ingenohl vergleicht diese Bäume mit Weihnachtsbäumen: Obwohl sie bereits lange vor Weihnachten eingeschlagen wurden, sind ihre Nadeln noch grün, die Bäume sehen gut aus. Ähnlich verhalte es sich bei den mit Borkenkäfern befallenen Bäumen im Wald: Sie sehen gut aus, doch wenn man sie genauer betrachtet, entdeckt man winzigkleine Löcher in der Rinde, umrahmt von dem sogenannten Bohrmehl.

Unweit von Vierkreuze, auf dem Weg Richtung Sonneborn, befindet sich so eine Waldfläche. Ein mit roter Farbe aufgesprühter rechtwinkeliger Pfeil zeigt an: Links und geradeaus befinden sich befallene Bäume. Diese gilt es nun möglichst schnell zu fällen und abzutransportieren. Vier bis sechs Wochen dauert die Entwicklung eines Borkenkäfers. Dann schwärmt er aus und befällt weitere Bäume. Im Moment sieht Ingenohl seine Hauptaufgabe und die seiner Kollegen darin, solche befallenen Bäume zu identifizieren. Eine Aufgabe, die „unheimlich zeitaufwendig“ ist, da man auf einer Fläche von 2 300 Hektar „fast jeden Baum angucken“ muss. Dadurch gerieten andere Aufgaben des Försters ins Hintertreffen: „Gezielte Waldpflege kann man im Augenblick gar nicht machen.“ Die aufgestellten Fallen würden zwar helfen, doch müsse man sich vor Augen führen, dass der Feind millionenfach in der Überzahl sei.

Im Ebbe zeige sich zudem ein neues Phänomen: Der Borkenkäfer befalle nicht nur alte Bäume, sondern auch relativ junge, die in der Nähe stehen. Bisher seien das jedoch nur Einzelfälle, erklärt Ingenohl. Aus Naturschutzgründen werden die toten Bäume übrigens stehen gelassen, sofern sie sich mitten im Bestand befinden; an Straßen- und Wegesrändern werden sie gefällt, damit es nicht zu Unfällen durch ein plötzliches Umstürzen kommt. 

Denn während der Borkenkäfer nicht mehr in diesen toten Bäumen lebt, böten sie anderen Tieren einen perfekten Lebensraum. Insekten, Spechte und auch Fledermäuse profitierten von dem toten Bäumen mitten im Wald. Tatsächlich gibt es einige Tierarten, die mit den veränderten Bedingungen im Wald bestens zurechtkommen. Rehe finden in den entstandenen Strauchlandschaften mehr Nahrung und dem Rotwild sind freie Flächen lieber als geschlossener Wald.

„Die Landschaft hat sich verändert und wird sich verändern“, da ist sich Ingenohl sicher. Positiv für Wanderer sind die neuen, schönen Aussichtsflächen, auch wenn sie nicht ganz freiwillig entstanden sind. Im Bereich der Nordhelle gibt es mittlerweile riesige Flächen, die ganz kahl sind; dafür bietet sich beispielsweise ein wunderschöner Blick über die Oestertalsperre. Auf der anderen Seite gibt es aber auch noch fast käferfreie Waldgebiete, wie beispielsweise am Humberg. Ingenohl sieht „schwere Zeiten für den Wald in Plettenberg“ kommen. Eine Einschätzung der Entwicklung sei allerdings kaum möglich; wichtig sei aber, dass die trockenen Jahre unbedingt aufhören müssen. „Was wir jetzt brauchen, ist ein richtig nasser Sommer. Damit die wenigen gesunden Flächen, die wir noch haben, eine Chance haben, gesund zu bleiben.“ Die Wetterprognosen deuten allerdings in eine andere Richtung. Dennoch zeigt sich der Förster auch hoffnungsvoll: Die Natur werde das regeln, wie sie es für richtig halte. „Es wird sich was finden, das damit zurechtkommt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare