Junger Libanese vor Gericht

Ticket-Kauf auf Kosten anderer: Konto der Vocal Factory missbraucht

Christoph Ohm bei der Arbeit
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Das Konto der Vocal Factory, die unter der musikalischen Leitung von Christoph Ohm unter anderem die „Swingin’ Kids“ betreut, wurde von einem 22-Jährigen für den Kauf von Bahntickets missbraucht. Der Verein erhielt das Geld allerdings zurück.

Integration fällt schwer, wenn man als Einwanderer jahrelang in Wohnheimen herum hängt und dort vor allem seinesgleichen trifft. Ein junger Libanese fand eine andere Lösung, die ihn allerdings in Konflikt mit dem deutschen Rechtssystem brachte: Andere Bewohner brachten ihm bei, wie er fremde Kontodaten zur Bezahlung von Tickets der Deutschen Bahn nutzen konnte.

Plettenberg/Altena - „Ich hatte kein Geld. Ich wollte ausgehen“, erklärte der heute 22-Jährige im Amtsgericht Altena, wo er sich wegen rund 50 Fällen von Computerbetrug verantworten musste. Von Januar bis April 2019 hatte er unter anderem die Kontodaten der Friedrich-Wilhelm-Weber-Gesellschaft in Bad Driburg und der Stadt Warburg genutzt, damit Andere die Rechnungen für das „Schöne-Fahrt-NRW-Ticket“, Tagestickets und diverse Fernverkehrsreisen bezahlten.

Nach der Ankunft in Plettenberg nutzte er auch die Kontodaten des Vereinskontos der hiesigen Vocal Factory, die unter anderem mit dem Projekt „S(w)ingin’ Kids“ über 300 Plettenberger Grundschüler musikalisch betreut.

Letztlich blieben der Vereine und die Stadt Warburg nicht auf dem Schaden sitzen, da die abgebuchten Beträge ihnen wieder gutgeschrieben wurden. Die Deutsche Bahn bekam aber nie das ihr zustehende Geld für die Tickets – insgesamt etwa 2 000 Euro.

Einige der Tickets hatten offenbar andere Personen bestellt, weshalb sich die Zahl der dem 22-Jährigen vorgeworfenen Betrugsfälle auf 44 verringerte.

Der Angeklagte begründete seine Flucht nach Deutschland mit dem ihm im Libanon angeblich drohenden Kriegsdienst für die Schiiten-Miliz Hisbollah: „Ich sollte mit in den Krieg in Syrien ziehen.“

Im Amtsgericht Altena hatte es schon einmal einen Anlauf gegeben, die Geschichte abzuschließen: Nach dem Geständnis des Angeklagten war das Verfahren eingestellt worden. Hätte er 50 Sozialstunden abgeleistet und mit dem Jugendamt zusammengearbeitet, wäre die Sache erledigt gewesen.

Ich hoffe, dass solche Sätze wie ‘Das ist Frauenarbeit’ bei den abzuleistenden Stunden nicht mehr vorkommen.

Richter Dirk Reckschmidt

Das allerdings war gründlich schiefgegangen: Der junge Mann hatte manche Arbeiten offenbar als unter seiner Würde angesehen. Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe zitierte ihn mit den Worten: „Das ist Frauenarbeit.“ Da ging es offenbar ums Putzen. In einer Senioreneinrichtung wurde er ganz plötzlich krank: „Kopf tut weh. Arm tut weh.“

Eine Einstellung des Strafverfahrens mache keinen Sinn mehr, erklärte Oberstaatsanwalt Bernd Haldorn und beantragte eine Verdoppelung der Anzahl der Sozialstunden auf 100. Das entsprechende Urteil des Jugendschöffengerichts erlaubt es nun in ganz anderer Weise, die Ableistung der Sozialstunden zu erzwingen.

„Ich hoffe, dass solche Sätze wie ‘Das ist Frauenarbeit’ bei den abzuleistenden Stunden nicht mehr vorkommen“, gab Richter Dirk Reckschmidt dem jungen Mann mit auf den Weg.

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