Geldsegen macht nicht glücklich

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Der unerwartete Geldsegen machte Laurence und Bruno alles andere als glücklich.

„Geld allein macht nicht glücklich“ und „Geld verdirbt den Charakter“ – diese Binsenweisheiten sind allgemein bekannt. Dass ein unverhoffter Geldsegen auch zum schleichenden Wahnsinn führen kann, davon konnten sich am Samstagabend die Besucher der überaus gut gefüllten Böddinghauser Aula bei dem Stück „Als ob es regnen würde“ von Sébastien Thiéry überzeugen.

Der Vorhang war noch keine 30 Sekunden geöffnet, schon flatterte der erste 100 Euro-Schein vom Tisch; keine weiteren 30 Sekunden später gab es die ersten Unstimmigkeiten zwischen dem Ehepaar Bruno und Laurence, wem das Geld gehöre und woher es stamme. Doch damit nicht genug: Die wundersame Geldvermehrung ging weiter. Zunächst lagen plötzlich 1 420 Euro auf dem Tisch, dann flog dem Ehepaar beim Öffnen eines Schrankes das Geld förmlich um die Ohren – 30 000 Euro.

Wie viel sie nach der Pause in drei Müllsäcken verstauen konnten, weiß niemand, und zum großen Finale regneten die Scheine gar vom Bühnenhimmel.

Je größer der Geldsegen, desto paranoider wurden die Eheleute. Herbert Herrmann und Nora von Collande agierten mit größtem Unterhaltungswert als durchschnittliches Ehepaar, was nicht zuletzt auf die pointierten Dialoge zurückzuführen war. Sei es bei der Idee des auswärtigen Essengehens (Er: „Nimmst du mich so mit?“, sie: „Klar, ich hab Hunger!“) oder beim Überlegen, woher das Geld stammen könnte; während sie mutmaßte, es handle sich um einen Patienten, der sich bedanken wolle, antwortete er trocken: „Ich bin Anästhesist.“

Mit dem Auftritt der spanischen Haushaltshilfe Teresa wurde es turbulent und Ehepaar wie Zuschauer verstanden nur noch Bahnhof – äh, nein: Spanisch. Die quirlige Dame redete nämlich ohne Punkt und Komma; wohlgemerkt auf Spanisch. Wann genau Marie Wolff als Teresa während ihrer Redesalven Luft geholt hat, blieb ihr Geheimnis.

Als Urheberin des Geldsegens schied sie sehr bald aus. Suspekt war hingegen der neue Nachbar Monsieur Bedroh, gespielt von Uwe Neumann. Dieser trug zum schicken Anzug nicht nur „All Star“-Turnschuhe, sondern auch noch eine Pistole im Hosenbund. Als er davon berichtete, dass ihm Dinge abhandengekommen seien, war für das Ehepaar klar, dass er der rechtmäßige Besitzer des Geldes sein muss. Zurückgeben war jedoch nicht möglich, da das Geld bereits ausgegeben worden war und offen mit ihm reden keine Option, da Bedroh den Eindruck einer Rakete machte, deren Lunte bereits abgebrannt war.

Richtig Fahrt nahm das Stück nach der Pause auf, als Bruno und Laurence sich, vor allem in Gegenwart des Nachbarn, allmählich um Kopf und Kragen redeten. Um von der 30 Zentimeter dicken Geldscheindecke im Schlafzimmer abzulenken, wurde schnell ein Liebhaber („Der blaue Hase“) erfunden, der sich dort verstecke. Szenenapplaus gab es für die Pseudonyme von Bruno („Der schwule Hamster“) und Laurence („Geiles Frettchen“), die sie angeblich im Internet verwendet hatten. Man habe sich „so niedliche Tiernamen ausgedacht“, um den blauen Hasen kennenzulernen.

Die Situation spitze sich zu, als der Nachbar schließlich ins Schlafzimmer stürmte und von Bruno mit seiner eigenen Waffe erschossen wurde. Während Laurence noch versuchte, mitsamt eines prall gefüllten Geldsacks durch das Küchenfenster zu steigen, löste sich die Zunge der Haushälterin, zur Verwunderung aller diesmal auf Deutsch: „Ach du scheiße! Bist du bescheuert!“ Schnatternd lief sie ins Schlafzimmer und wurde ebenfalls erschossen. Ein weiterer Knall ertönte, Geldscheine segelten von der Bühnendecke und der Vorhang fiel.

Mit 100 Euro fing es an, mit einem Doppelmord endete das Stück. Das Publikum verfolgte begeistert, wie aus dem normalen Ehepaar allmählich ein Nervenbündel wurde. Glücklich wurden sie durch das viele Geld nicht („Ich habe die Nase voll von dem ganzen Geld!“), doch weggeben wollten sie es auch nicht. Zumindest für Bruno war ausgeben eine Option, doch seine Gattin war anderer Meinung: „8 000 Euro für ein Kleid auszugeben, das ist vulgär.“

Der langsam einsetzende Wahnsinn machte sich vor allem durch die gehäuften Wiederholungen bemerkbar. Während zum Beispiel Bruno immer wieder „Ich verstehe es nicht. Verstehst du es?“ murmelte, konnte man ihn sich auch gut in eine Zwangsjacke gewickelt auf dem Boden einer Gummizellen hin und her wippend vorstellen. Seine Gattin hingegen verfiel immer wieder in unangebrachtes Kichern. Das Geld entmenschlichte sie zusehends, es häuften sich auch die tierisch anmutenden Quietschgeräusche.

Die Schauspieler überzeugten in ihren Rolle auf ganzer Linie. Das Stück als solches hingegen ließ viele Fragen unbeantwortet. Als Beispiel sei der Nachbar zu nennen, der in seinem persönlichen Wahnsinn lebte. Was ihn bewegte, blieb dem Publikum aber gänzlich verborgen.

Das größte Manko für viele war aber die Tatsache, dass es keine Aufklärung gab. Die vordergründigste Frage, woher das Geld stammt, wurde nicht beantwortet. Nachdem in der Pause noch munter spekuliert worden war, wurde das Publikum schließlich etwas unbefriedigt in den Abend entlassen. An Applaus wurde dennoch nicht gespart. Am Ende überwogen die positiven Eindrücke der vorangegangenen zwei Stunden voller Slapstick, Klamauk und intelligenten Dialogen.

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