Luther auf Zeitreise

„Theater zum Einsteigen“ gastiert in der Böddinghauser Aula

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In dieser Szene sind Kathrin, Luther, Gnadenbach, Memmen und Dutchman (von links) zu sehen. Luther ist wie aus dem Nichts erschienen und behauptetet, der wahre Reformator zu ein.  

Plötzlich erscheint eine Person, die Martin Luther ganz und gar nicht ähnlich sieht und behauptet, der Reformator zu sein. Wie kann das angehen? Ein Scharlatan? Wirklich ein Zeitreisender?

Die Ev. Landeskirchliche Gemeinschaft Plettenberg-Holthausen hatte am Mittwochabend in die Böddinghauser Aula das „TZE – Theater zum Einsteigen“ mit dem Stück „Reformator – Die Rückkehr“ eingeladen. Spannend ist allein schon das seit Jahren lebende Experiment mit Laiendarstellern (diesmal acht aus ganz Westfalen) und einem Profi (Ewald Landgraf als Luther) auf und über die Bühne zu bringen. Aber so viel sei schon im Vorhinein verraten: Es klappt, und das sehr gut. Ein Jahr Vorbereitungszeit und im letzten halben Jahr einige Proben – das reichte, um, auch mit einer heimischen Laiendarstellerin (Anneke Westhoff), das Spiel um den Reformator dem Publikum spannend zu präsentieren. 

Ewald Landgraf hat es geschrieben und mit den Darstellern am Ende eingeübt. Worum es geht? Luther ist wie aus dem Nichts wieder da und verlangt immer drängender, mit Kirchenvertretern zu reden. Mit Hilfe der misstrauischen Journalistin Kathrin Arndt (Nora Rebecca Künitz), die auch noch gerade über die Schattenseiten Luthers im Lutherjahr recherchiert und ein Buch darüber herausbringen will, gelingt es ihm, Öffentlichkeit zu bekommen. Zwei Quantenphysiker, Chris Dutchman (Desirée Solenski) und Ernst Memmen (Martin Kurtz) mit Nobelpreisen, haben soeben die Möglichkeit einer Zeitreise bewiesen und unterstützen Luther.

Die Journalistin forciert ihre Öffentlichkeitsarbeit für Luther, glaubt ihm aber immer noch nicht. Anstatt von einem Bischof oder einer anderen hochgestellten kirchlichen Persönlichkeit wird er von einem Evangelischen Pfarramtssekretär (Jonas Blum) aufgesucht und zu nicht allzu bekannten Details aus dem Leben Luthers befragt. 

Neue Thesen sollen angeschlagen werden 

Als Luther kann er bravourös alles beantworten, hat aber immer noch nicht das Gespräch mit einem Kirchenfürsten. Auch Friedemann Dornkahl (Hagen Franke) ist als militanter Mitstreiter und selbsternannter Ur-Christ („Jetzt mal etwas Feuer?“) dabei nicht gerade hilfreich, sorgt aber immer wieder für heitere Momente. Selbst die Besuche von der ev. Dekanin Seicht (Sabine Hesse) und der kath. Personalreferentin Werck (Anneke Westhoff) sind nicht von Erfolg gekrönt, da nur die eigenen Positionen hervorgehoben werden. Die Journalistin ist mittlerweile von Luther überzeugt und ruft ihn auf: „Nächste Woche am Mittwoch um 5.30 Uhr an der Schlosskirche in Wittenberg.“ Dort soll er seine neuen 95 Thesen anschlagen. 

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Die Detektivin Achilles (Anja Kölsch) kündigt brisante Enthüllungen an, der „Zeitreisende“ Luther beichtet, bevor es so weit kommt, der Journalistin, dass er ihr Vater sei, nach einem Busunfall knapp dem Tod entronnen und sein neues Leben unter neuer Identität Gott verschrieben hätte. Dieses hätte er als Luther begonnen, die Nähe seiner Tochter gesucht und mit ihrer Hilfe Luthers ursprüngliche Veränderungen der katholischen Kirche neu zu beleben, ohne die Fehler, die durch die Zersplitterungen der Kirchen gemacht wurden, zu wiederholen. 

Aus dem Anschlag der neuen 95 Thesen wurde nichts, stattdessen heftete er die letzten Worte des wahren Luthers an die Kirchentür: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ In dem Stück kamen auch die persönlichen Ansichten des damaligen Luthers über Behinderte und Juden zur Sprache. Der zeitreisende Luther konnte sie nur so in dem Stück demütig und verzweifelt verargumentieren, dass er die damalig vorherrschende Meinung mitvertrat und so auch in seinem Buch „Von den Juden und ihren Lügen“, in dem er unter anderem die Verbrennung von Synagogen und Büchern, Lehrverbot und Zwangsarbeit für Juden forderte. 

Publikum dankt mit reichlich Applaus 

Die ausgesuchten Musikuntermalungen und Zwischenspiele harmonierten mit den jeweiligen Stimmungen und schafften sehr gelungene Übergänge. 

„Reformator – Die Rückkehr“, ein Denkanstoß für alle, die über die Vielfalt der Religionen nachdenken, obgleich wir alle nur an einen Gott glauben. Ganz gleich, wie er angerufen wird. Der Holthauser Gemeinschaftspastor Johannes Westhoff verabschiedete die lang anhaltend applaudierenden Besucher mit der zweiten Strophe des Lutherliedes „Ein feste Burg ist unser Gott“: Mit unsrer Macht ist nichts getan, / wir sind gar bald verloren; / es streit’ für uns der rechte Mann, / den Gott hat selbst erkoren. / Fragst du, wer der ist? / Er heißt Jesus Christ, / der Herr Zebaoth, / und ist kein andrer Gott, / das Feld muss er behalten.

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