1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Plettenberg

„Taschen machen sich andere voll“: Auch Tankwarte haben Sorgen

Erstellt:

Von: Georg Dickopf

Kommentare

Mitarbeiter eines österreichischen Forstunternehmers, der am Saley per Harvester Borkenkäferbäume fällt, füllen hier einen Extra-Tank mit 420 Litern Diesel für 2,06 Euro auf. In den nächsten Tagen könnte die Füllung rund 70 Euro mehr kosten.
Mitarbeiter eines österreichischen Forstunternehmers, der am Saley per Harvester Borkenkäferbäume fällt, füllen hier einen Extra-Tank mit 420 Litern Diesel für 2,06 Euro auf. In den nächsten Tagen könnte die Füllung rund 70 Euro mehr kosten. © Dickopf

Wir schreiben das Jahr 1992. Die deutsch-deutsche-Wende ist vollzogen. Helmut Kohl hatte zwei Jahr zuvor blühende Landschafte versprochen, Bill Clinton wird US-Präsident und Boris Jelzin regiert in Russland. Um diese Zeit bekommt der Plettenberger Tankstellenpächter Andreas Schachta drei Pfennig (umgerechnet 1,5 Cent) pro Liter Benzin- oder Dieselkraftstoff vom Esso-Konzern - und das bis heute.

Plettenberg - Im Jahr 2005 vermeldet der Esso-Exxon-Konzern fast eine Verdoppelung seines Jahresgewinnes von 280 auf 521 Millionen Euro in einem Jahr. Andreas Schachta bekommt zu diesem Zeitpunkt – also vor 17 Jahren – weiter 1,5 Cent pro Liter Kraftstoff. Benzin kostet nach deutlichen Preissprüngen nun rund 1,20 Euro, Diesel 1,05 Euro.

Noch einmal 17 Jahre später dürfte der Preis für Super-Benzin nach dem Wegfall des Tankrabattes zum 1. September auf über zwei Euro steigen und Diesel auf über 2,20 Euro. Nur eines ist unverändert geblieben: „Ich bekomme wie vor 30 Jahren 1,5 Cent pro Liter Kraftstoff“, sagt Andreas Schachta am letzten Augusttag beim Blick auf die Schlangen an den Tanksäulen.

„Wenn hier einer für 100 Euro 50 Liter Kraftstoff tankt, bekomme ich davon 75 Cent. Die Taschen machen sich da eindeutig andere voll. Ich habe überhaupt nichts von den schwankenden Preisen. Die werden uns vorgegeben“, so der Plettenberger, der hofft, dass die Preiserhöhung am 1. September nicht sofort durchschlägt, sondern mit Verzögerung kommt.

„Die Preise wurden andersrum ja auch nicht sofort gesenkt nach dem Tankrabatt“, sagt Schachta, der seit 30 Jahren den gleichen Betrag von den Ölmultis bekommt, aber selbst zuletzt Lohnsteigerungen von 30 Prozent auffangen musste.

„Es kann sich jeder selbst ausrechnen, dass ich den Laden hier dichtmachen könnte, wenn nicht auch noch Zigaretten und andere Dinge gekauft würden“, sagt der Plettenberger.

Denn selbst wenn pro Tag 200 Plettenberger für 100 Euro bei ihm volltanken, hat er am Kraftstoff gerade einmal 150 Euro verdient – bei einer Öffnungszeit von 18 Stunden. In die Kasse der Ölmultis und des deutschen Staates fließen zeitgleich fast 20 000 Euro.

„Unser Team ist deshalb auch der völlig falsche Ansprechpartner, wenn sich jemand über die Preise aufregt“, sagt Schachta, der gerade um einen günstigen Strom-Anschlussvertrag zur Beleuchtung seiner Tankstelle kämpft, Mitarbeiter für die gut laufende Waschstraße sucht und froh ist, dass auch die Werkstatt läuft. „Ich will selbst gar nicht jammern, aber grundsätzlich hätten alle Tankstellenpächter eine Anhebung der Literpauschale verdient“, findet Schachta.

Unterdessen lassen Mitarbeiter eines österreichischen Forstunternehmers, der am Saley per Harvester Borkenkäferbäume fällt, einen Extra-Tank auf der Pickup-Ladefläche mit Diesel für 2,06 Euro pro Liter volllaufen. 420 Liter fasst der Extra-Tank, was den Forstunternehmer rund 865 Euro an der Kasse kostet. Für Andreas Schachta bleiben davon 6,30 Euro.

In den nächsten Tagen dürfte der Forstunternehmer für die gleiche Menge (+17 Cent) rund 936 Euro – also rund 70 Euro mehr zahlen. Für den Esso-Pächter bleibt die Rechnung einfach, weil gleich: 6,30 Euro gehen bei knapp 1 000 Euro Umsatz an ihn und er kann nur darauf hoffen, dass die Waldarbeiter noch ein paar Schokoriegel, Zigaretten und Feierabendbier kaufen.

Während sich bei der Esso-Tankstelle an der Bahnhofstraße an der Liter-Entlohnung seit 30 Jahren nichts verändert hat, verzeichnete der Exxon-Konzern in den drei (!) Monaten April, Mai und Juni 2022 einen vierfachen Gewinnsprung von 4,7 Milliarden Euro (2021) auf nun 17,9 Milliarden im zweiten Quartal.

Hochgerechnet auf ein Jahr wären das gut 70 Milliarden Euro Gewinn – im Vergleich zum Jahr 2004 ist das eine Gewinnsteigerung von rund 25 000 Prozent (!) für den Exxon-Konzern.

Auch interessant

Kommentare