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Taifun fegt über Philippinen: Plettenberger bittet um Spenden

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Von: Christos Christogeros, Georg Dickopf

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Der Plettenberger Apotheker Rudolf Bauscher sammelt Spenden für die Opfer eines Taifuns auf den Philippinen.
Der Plettenberger Apotheker Rudolf Bauscher sammelt Spenden für die Opfer eines Taifuns auf den Philippinen. ©  Perales, Cuares, Ramirez

Von den deutschen Medien kaum erwähnt, ereignete sich am 16. und 17. Dezember 2021 auf den Philippinen eine grausame Naturkatastrophe. Ein Taifun fegte vom Pazifik kommend in gut zwei Tagen über den Mittelteil der philippinischen Inselwelt, den Visayas. 

Liloan/Plettenberg - Der Plettenberger Rudolf Bauscher, der seit mittlerweile rund vier Jahrzehnten die Philippinen seine zweite Heimat nennt, schildert seine Eindrücke – und bittet um Spenden.

Der Plettenberger Apotheker berichtet von immensen Schäden, die die Naturgewalt hinterlassen habe. Und das in einer Region, die ohnehin schon von Armut gebeutelt ist.
Der Katastrophen-Taifun Rai/Odette war mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 270 km/h über die Visayas-Inseln der Philippinen gefegt. Im Gepäck: meterhohe Sturmfluten und immense Regenfälle. Irgendwann erreichte der Taifun auch Liloan auf der zu Insel Panaon. „Der 25 000-Seelen-Ort ist über die Jahrzehnte zu meiner zweiten Heimat geworden“, erklärt Bauscher.

Ein Dorfbewohner im noch intakten Dort mit einer Netzpython.
Ein Dorfbewohner im noch intakten Dort mit einer Netzpython. © Bauscher

1983 war der Plettenberger während seiner einjährigen Asien-Rucksackreise auch für fünf Monate auf den Philippinen. „In Moalboal, auf der Insel Cebu lernte ich die fantastische, tropische Unterwasserwelt während einer sechswöchigen Taucherausbildung kennen. Ich war die meiste Zeit der einzige Schüler meines britischen Tauchlehrers. Auf den Geschmack gekommen, suchte ich im Reiseführer nach anderen Tauchgegenden“, erklärt Bauscher. Auf diese Weise sei er nach einer mehrstündigen Fahrt mit einem „mit Menschen, Schweinen, Hühnern und Reissäcken vollbeladenen, großen Auslegerboot“ nach Südleyte und schließlich weiter mit einem Bus nach Liloan gelangt. „Es war ein Sonntag im März 1983, als ich dort ankam“, erinnert sich Bauscher noch gut.
Eine Unterkunft sei nicht zu finden gewesen. „Also mietete ich mich für eine Nacht bei der Familie des Bürgermeisters ein, um am nächsten Morgen weiterzureisen“, sagt Bauscher.

Die Zerstörungen durch den Taifun Rai/Odette auf den Philippinen sind katastrophal.
So sah es vor dem Taifun aus. © Perales, Cuares, Ramirez

Mit zehn Kindern in einem Haus

Der Plettenberger sei am nächsten Tag schnell mit Einheimischen ins Gespräch gekommen. „Warum willst Du morgen schon abreisen?“ habe ihn ein Philippino gefragt, den er bei einer Party am Strand kennengelernt habe. „Du kannst bei mir und meiner Familie bleiben.“
Aus Tagen wurde ein Monat und später im selben Jahr kam noch ein Monat dazu. Rudolf Bauscher lebte bei Jimmy, dessen Haus aber nicht allzu groß gewesen sei – zumal neben den Eltern noch zehn Kinder, „alle wie die Orgelpfeifen“, untergebracht werden mussten. „Aber irgendwie bekam ich ein kleines Zimmer im Haus für mich alleine zugeteilt“, erinnert sich Bauscher.
Schon bald fand der Plettenberger die Liebe auf den ersten Blick: „Als ich den 220 Meter langen weißen, von Kokospalmen gesäumten Korallensandstrand und beim Schnorcheln die herrlichen Korallengärten sah, aus denen Wolken von kleinen Fischen aufstiegen, war es um mich geschehen.“

So sah es vor dem Taifun in dem Taucherparadies aus.
So sah es vor dem Taifun in dem Taucherparadies aus. ©  Perales, Cuares, Ramirez

In unmittelbarer Nähe hatte sich ein verlassenes Tauchresort eines schweizer Pärchens befunden – einfach aus Brettern zusammengezimmert. Die Hütte sei verlassen worden, nachdem einer der Schweizer bei einem Auftragstauchgang im Norden der Philippinen unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war. „Im Laufe der nächsten Wochen reifte der Entschluss in mir, das Land zusammen mit einem Philippino zu pachten. Delio, ein lustiger und intelligenter Student, erschien mir der geeignete Partner zu sein“, erklärt Rudolf Bauscher.
Die Idee, ebenfalls ein Tauchresort zu eröffnen, sei ihm natürlich in den Sinn gekommen – aber dazu hätten Geld und Zeit gefehlt.

Kein Strom, keine Straße

„Es gab keinen Strom und keine Straßenanbindung“, erinnert sich Bauscher. Entweder man lief die 700 Meter über einen holprigen und felsigen Pfad zur Hauptstraße, oder man wählte die Alternative, ein Auslegerboot, auch Banka oder Pumpboat genannt. „In Liloan gibt es genügend Geschäfte und Marktstände, um Sachen des täglichen Bedarfs zu erstehen“, erklärt Bauscher. Erst seit 2015 besitze das Fischerdorf Bacabac/Liloan eine „belastbare Stromversorgung“.
Noch in den 1980er Jahren habe Bauscher mehrere einfache Hütten aus Bambus, Holz und Palmblättern errichtet; er habe ein größeres Auslegerboot bauen lassen und jedes Jahr mehrwöchige Ferien mit Freunden und Familie in Liloan verbracht. Und auch die Frau seines Herzens traf Bauscher auf den Philippinen Mitte der 1980er Jahre heiratete er Elizabeth.
„Wir lebten in der prallen Natur, ohne all die Annehmlichkeiten der Zivilisation: keine Zeitung, kein Fernsehen, keine schlechten Nachrichten“, erklärt Bauscher.

Nur noch wenige Häuser sind nach dem Taifun bewohnbar.
Nur noch wenige Häuser sind nach dem Taifun bewohnbar. © Perales, Cuares, Ramirez

Ein Toilettenhäuschen und ein selbstgebauter Brunnen mit Brauchwasser zum Duschen und für die Toilettenspülung hätten für die notwendige Hygiene gesorgt. „Wir freundeten uns mit vielen Bewohnern des idyllisch gelegenen Nachbardorfes Bacabac an und gestalteten viele Abende gemeinsam mit Kind und Kegel bei Tanz und Gesang zur Gitarre. So sah ich im Laufe der Jahrzehnte mehrere Generationen der Bacabac-Kinder heranwachsen“, sagt Bauscher.
Die Idylle habe bis 1991 gewährt – bis ein mittelschwerer Taifun im Dezember die mit Palmblättern gedeckten Dächer beschädigt habe. „ Ich hatte 1990 die Stadt-Apotheke an der Kaiserstraße übernommen und fand deshalb in den ersten Jahren keine Zeit, zu meinem persönlichen Paradies zurückzukehren“, bedauert Bauscher.
Nach einiger Zeit seien die Hütten verfallen gewesen und Bauscher habe alles der Natur überlassen. „Dann 2011 erhielt ich von Delio eine E-Mail mit Fotos. Er hatte unseren alten Traum nicht vergessen und ließ ihn wieder aufleben“, erinnert sich Bauscher. Delio hatte ein Gebäude – von ihm Baumhaus genannt, da es sich an einen großen Talisaybaum anschmiegte – aus natürlichen Materialien errichtet. Ebenerdig seien der nach außen offene Aufenthaltsraum und die Küche untergebracht gewesen. Über eine Holztreppe sei man zu zwei einfachen, darüber liegenden Übernachtungszimmern gelangt. „Das war der Anfang einer Entwicklung, die bis zum Taifun-Biest Odette anhielt“, sagt Rudolf Bauscher.
Delio und seine Frau hätten das Bitoon White Beach Resort mit viel Liebe und Initiative ausgebaut. „Immer mehr philippinische Touristen entdeckten den Strand und kamen besonders an den Wochenenden und in den Ferienzeiten“, erinnert sich Bauscher, der zu diesem Zeitpunkt 61 Jahre alt war.

Die Karte zeigte den Inselstaat Philippinen.
Die Karte zeigte den Inselstaat Philippinen. © cc/dpa

„In diesem Alter wollte ich kein Tauchresort mehr eröffnen und mich unternehmerisch betätigen. Aber der Traum eines Ferienhäuschens ließ sich durchaus verwirklichen“, sagt Bauscher. Daher habe er jedes Jahr drei bis fünf Monate am Strand auf den Philippinen verbracht.
Die augenblickliche Situation sei katastrophal. Das Resort wurde total zerstört. „Mein 40 Quadratmeter großes Ferienhäuschen hat die Taifuntaufe außen fast unbeschädigt überstanden und ist weiterhin bewohnbar. Auch die Fenster blieben ganz, da sie durch starke Tischlerplatten geschützt waren“, erklärt Bauscher.
Der Taifun habe fast fünf Stunden gewütet. Die Menschen seien aufgerufen worden, sich in die Evakuierungszentren zu begeben, was „aber weder meine Freunde noch die Menschen in Bacabac befolgten“.

Der Traumstrand sieht heute so aus.
Der Traumstrand sieht heute so aus. © Bauscher

Hochstufung zum Supertaifun

Die Nachrichten hätten im Vorfeld nur über Winde um die 110 Stundenkilometer informiert, aber Taifun Odette habe dann über dem Pazifik innerhalb eines Tages so viel Energie aus dem warmen Oberflächenwasser gesaugt, dass der Taifun von der untersten Kategorie zum Supertaifun hochgestuft worden sei. Odette habe Bacabac fast vollständig zerstört; die Hütten in Meeresnähe seien durch die Flutwellen, die sich bis 300 Meter durch den Ort bis zu den Reisfeldern ergossen hätten, weggespült worden. „Manche konnten nur schwimmend dem Tod entkommen. Einer starb in seinem Haus, als zwei Kokospalmen auf das Dach stürzten und ihn erschlugen“, berichtet Bauscher. 170 Menschen würden in Bacabac aufgeteilt auf 27 Haushalte leben. Nur drei Häuser seien noch halbwegs bewohnbar. „In den ersten Tagen nach dem Desaster mussten sich die Bewohner notdürftig ein Dach über dem Kopf aus Plastik und Bruchholz zimmern“, sagt Bauscher. Alles sei feucht und durchnässt. Selbst das große zweistöckige Gebäude, errichtet von einer Philippina, die aus Bacabac stammt und jetzt in Amerika lebe, sei durch die Wellen so beschädigt worden, dass Risse im Mauerwerk entstanden seien. Kommunikation und Stromversorgung in den ländlichen Gebieten würden noch Wochen oder Monate ausfallen. „So erhielt ich erst mit Verspätung Fotos und Berichte, wenn jemand in die größeren Orte der Insel reiste“, sagt Bauscher.

Kaum Nahrung und Wasser

Vor wenigen Tagen habe er lange mit Delio telefonieren können. Besonders die ersten ein bis zwei Wochen nach der Katastrophe seien unglaublich hart gewesen: kaum trinkbares Wasser und wenig zu essen; Kinder und Erwachsene hielten an den Straßen Fahrzeuge an und bettelten um Nahrung und Wasser oder hielten Schilder hoch mit Texten wie: „Please Help“ oder „Save us From Hunger“.
Inzwischen laufe die Hilfe für das Notwendigste: Wasser und Nahrung, wobei vom Staat nicht all zu viel komme, sagt Bauscher. An jeden bedürftigen Haushalt, ungeachtet der Anzahl der Familienmitglieder, sei ein Notpaket mit folgendem Inhalt überreicht worden: Zwei Kilogramm Reis, drei kleine Sardinen-Dosen, drei kleine Corned-Beaf-Dosen und vier Plastiktöpfchen mit Instantnudeln. „Zusätzlich soll jetzt an jede bedürftige Familie 5 000 Peso (etwa 86 Euro) ausgezahlt werden“. Effektiver und schneller seien die Privatinitiativen gewesen.
Die Fischer im Dorf hätten nicht nur das Dach über dem Kopf, sondern vor allem die wichtigsten Utensilien für ihren Lebensunterhalt verloren: Ausrüstung wie Netze und starke Lampen und natürlich die kleinen aus Holz und Bambus gebauten Auslegerboote, deren kaputt geschlagene Rümpfe sich nun mit dem Schutt der Häuser vermischten. Nur ein Boot sei funktionsfähig geblieben.

Die Fischer in Bacabac wurden ihrer Existenzgrundlage beraubt: Zahllose Boote sind zerstört worden.
Die Fischer in Bacabac wurden ihrer Existenzgrundlage beraubt: Zahllose Boote sind zerstört worden. © Perales, Cuares, Ramirez

„Schon vor dem Wirbelsturm lebten die Menschen von der Hand in den Mund, aber es war die eigene Hand und nicht wie jetzt die eines Fremden, der Spenden verteilt“, erklärt Rudolf Bauscher. Den Fischern sei es wichtiger, Boote statt einem Dach über den Kopf zu haben – denn dann seien sie nicht auf fremde Hilfe angewiesen.
„Vor dem Taifun konnten sie an rund 20 Tagen im Monat auf Fischfang gehen und brachten im Schnitt ein bis drei Kilogramm Fisch pro Boot nach Hause, den sie für circa 200 Peso das Kilo verkaufen konnten“, erklärt Bauscher. Zum Vergleich: Ein Handwerker verdiene auf den Philippinen etwa 600 Peso am Tag für acht Stunden Arbeit. Ein Ungelernter bringe es nur auf 300 bis 400 Peso und manche müssten damit große Familien ernähren. „Für diese Menschen gibt es keine bezahlbare Kranken-, Renten-, und Arbeitslosenversicherung. In einem staatlichen Krankenhaus muss der Kranke einen Verwandten mitbringen, der mit im Zimmer wohnt und der ihm von zu Hause aus Essen mitbringt und ihn gegebenenfalls füttert oder auf die Toilette begleitet“, sagt Bauscher.

30 000 Corona-Fälle am Tag

Zu all dem Leid und Chaos komme nach wie vor die Corona-Situation hinzu. Gerade in den letzten Tagen seien die Zahlen von ein paar hundert exponentiell auf inzwischen über 30 000 Fälle pro Tag hoch. Das könnte erneut Lockdowns und damit Versorgungsengpässe nach sich ziehen. „Delio meint, dass in ein paar Wochen, wenn die Hilfen auslaufen, eine Hungersnot ausbrechen könnte, da ja auch die anderen Lebensgrundlagen vernichtet wurden. Die Reisfelder wurden verwüstet ebenso die Plantagen mit Kokospalmen“, erklärt Bauscher.
Die notleidenden Menschen stünden mit dem Rücken zur Wand. Das gelte auch vor allem für die armen Menschen in dem Fischerdorf Bacabac. „Denen möchte ich mit diesem Spendenaufruf eine Stimme geben. Bitte helfen Sie den Fischern, zu einer selbstbestimmten Zukunft zu gelangen, damit von den Spenden neue Auslegerboote finanziert werden können“, appelliert Bauscher.

Das Spendenkonto

Spendengelder werden laut Rudolf Bauscher von den Patres der Steyler Missionare direkt in Bacabac an die Fischerfamilien ausgezahlt. Spendenquittungen könnten bei dem Steyler Missionar P. Rodel Liguid, Leiter der phil. Mission, angefordert werden (Tel. 0 163 - 77 07 251; E-Mail: ekdurssvd@yahoo.de). Spenden sollten auf folgendes Konto überwiesen werden: Erzbistum Köln DE54 3862 1500 0000 0452 76, BIC GENODED1STB, Styler Ethik Bank. Der Verwendungszweck lautet: BACABAC Hilfe.

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