Wieviel Jobs wird die E-Mobilität  kosten?

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Stellten die Studie zu den Auswirkungen der Elektromobilität in Südwestfalen vor (v.l.): Dirk Hackenberg (SIHK), Jochen Schröder (GWS), Prof. Andreas Nevoigt und Sonja Pfaff (beide Fachhochschule Südwestfalen).

Plettenberg – Der Mobilitätswandel kommt zwar langsamer, als vor einiger Zeit noch prognostiziert, aber er kommt. Erste Auswirkungen spürt die Zulieferindustrie schon und sollte die Weichen entsprechend stellen. Eine neue Studie, die  an der Fachhochschule Südwestfalen in Iserlohn vorgestellt wurde, kann dafür erste Orientierung geben – konkrete Hilfestellung soll folgen.

Südwestfalen gehört zu den drei stärksten Industrieregionen Deutschlands und wird besonders von der Metall- und Elektroindustrie geprägt. Rund 500 Unternehmen liefern Produkte für die Automobilindustrie. Entsprechend stark wird die Region vom derzeit stattfindenden Mobilitätswandel betroffen sein. 

„An Elektromobilität führt kein Weg vorbei. Weltweite politische Vorgaben zwingen die Hersteller, sich auf diese Technologie einzulassen“, sagte Prof. Andreas Nevoigt, der als Leiter des Labors für Fahrwerktechnik die wissenschaftliche Leitung der Studie hatte. Hybridantriebe spielen in den nächsten Jahren noch eine wichtige Rolle – dadurch vollziehen sich die Veränderungen innerhalb der Fahrzeugflotten allmählich. Das verschafft der Zulieferindustrie Zeit, um sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen“, so Nevoigt. Erste Auswirkungen des Wandels sind in der Region aber bereits spürbar. So werden Zulieferunternehmen zunehmend in die Entwicklung eingebunden, denn die Hersteller nutzen gerne deren Know-how, um neue Elektromodelle schnell auf die Straße zu bringen. Es wird viel geforscht und entwickelt derzeit – vor allem im Bereich neuer Materialien und Software. 

Unternehmen aus der Elektrobranche, die beispielsweise in Lüdenscheid gut vertreten seien, würden eher Chancen durch den Wandel sehen – für Schmieden oder Gießereien sei die Situation dagegen weniger gut. Insbesondere Plettenberg sei als Schmiedestadt und als Standort vieler Umformbetriebe stark gefährdet vom Umbruch, der bundesweit bis 2035 rund 100 000 Arbeitsplätze in der Automobilindustrie kosten soll. Wie viel Stellen genau in Südwestfalen wegfallen könnten, blieb offen – das sei Kaffeesatzleserei. Aber es gibt auch Städte, die besonders betroffen sein werden: „In Plettenberg wird viel für Motoren und Getriebeteile produziert – deshalb werden die Auswirkungen dort auch stärker sein“, betonte Jochen Schröder, Geschäftsführer der GWS. 

GWS-Geschäftsführer Jochen Schröder.

Grundsätzlich müsse man sagen, dass der Bedarf an IT-Fachleuten steige, während die Aussichten für einfache Tätigkeiten in der Metallbranche schlechter seien. Angesichts einer deutlich reduzierten Zahl an Teilen in einem E-Auto und der überwiegend im Ausland angesiedelten Batterie-Produktion müsse man in Betrieben kreativ sein. Einige Unternehmen in Südwestfalen würden jetzt schon daran arbeiten, weniger abhängig von der Automobilbranche zu sein. 

Für Schröder ist die Studie, die fortgeschrieben werden soll, erst der Anfang: „Wir müssen jetzt die einzelnen Branchen genauer untersuchen und sehen, wie wir hier konkret unterstützen können.“ Dabei soll es nicht nur um die konkreten Produkte und ihre Anpassung auf elektrische Antriebe gehen. Auch innerhalb der Produktionsprozesse gibt es Veränderungsbedarf, den kleine Unternehmen oft nicht alleine stemmen können. Von klimaneutraler Produktion bis hin zur flexiblen Fertigung kleiner Stückzahlen reichen die neuen Anforderungen vieler Hersteller. „Wir lassen die heimische Industrie mit diesen Fragen nicht alleine und arbeiten derzeit an maßgeschneiderten Unterstützungsangeboten“, so Schröder weiter. Konkret hat er dabei neben der kontinuierlichen Fortführung der Studie auch verschiedene neue Projekte im Sinn: „Gemeinsam mit der Fachhochschule Südwestfalen konzipieren wir gerade verschiedene Angebote für Unternehmen“, erklärte er und wünscht sich auch den Schulterschluss von Firmen, etwas gemeinsam zu entwickeln. 

Dicke Bretter im Sauerland bohren 

Da bislang aber häufig jeder für sich arbeite, müsse man dabei im Sauerland noch einige „dicke Bretter bohren.“ Dirk Hackenberg von der SIHK wünschte sich eine größere Offenheit bei den heimischen Industriebetrieben. „Es sollten sich alle frühzeitig mit den aktuellen Trends auseinandersetzen. Wer von Anfang an dabei ist, hat gute Chancen, sich eine gute Wettbewerbsposition zu erarbeiten.“ Gut aufgestellt sind laut Prof. Nevoigt Betriebe, die viel exportieren, denn außerhalb von Deutschland sei die Verbrennertechnologie noch lange nicht abgeschrieben und im Bereich der schweren Nutzfahrzeuge gesetzt. Ohnehin sei der elektrische Antrieb auch wegen der Reichweitenproblematik vor allem in Kleinwagen zu finden. Hybridantriebe finde man dagegen vor allem in der Mittel und Oberklasse. „Es wird manchmal so getan, als würde man sich den eigenen Ast absägen – das Gegenteil ist der Fall“, sagte Nevoigt, da Deutschland mit einer Exportquote von 75 Prozent glänzen könne. „Ein rein nationaler Blick macht daher keinen Sinn“, sagte der Professor an der Fachschule Südwestfalen abschließend.

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