Angehörige und Lebensgefährten geimpft

Unberechtigte Corona-Impfungen in Seniorenheim im MK

Corona-Schutzimpfung in Krankenhaus Plettenberg
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Obwohl die Impffläschchen abgezählt waren, konnte daraus mehr Impfstoff gewonnen werden, als gedacht. Davon überrascht und mit Zeitnot im Nacken sei beim ersten Impftermin im Matthias-Claudius-Haus Unruhe ausgebrochen und es wäre zu den unberechtigten Impfungen gekommen.

Sie werden im Volksmund als „Impfdrängler“ bezeichnet – Menschen, die noch nicht dafür vorgesehen sind, eine Corona-Schutzimpfung zu erhalten, aber trotzdem schon geimpft wurden. Ein solches Vorkommnis gab es auch im Märkischen Kreis.

Plettenberg - Sechs Lebensgefährten bzw. Angehörige von Führungskräften sind dabei unberechtigt im Matthias-Claudius-Haus in Plettenberg geimpft worden. Die Perthes-Stiftung als Träger hat die Fälle gegenüber dem Süderländer Tageblatt bereits bestätigt.

Folgendes war passiert: Am 13. Januar kam im Matthias-Claudius-Haus die erste Lieferung von Impfdosen für die Corona-Schutzimpfung an. Wie vorgesehen, wurden dabei alle Mitarbeiter geimpft, die sich im Vorfeld dafür angemeldet hatten und auf einer Liste vermerkt waren. Als dann noch unerwartet Impfstoff übrig blieb, wurden eilig die besagten Personen herbeigerufen und bekamen ebenfalls ihre Impfungen, obwohl sie weder für die Perthes-Stiftung arbeiten, noch laut der bundesweit geltenden Priorisierungsliste der Bundesregierung aus anderen Gründen an der Reihe gewesen wären. 21 Tage danach bekamen sie – ebenso wie die Mitarbeiter – im Claudius-Haus ihre Zweitimpfung.

Wie und warum ist es dazu gekommen? Erklärungen liefert Ralf Lohscheller, der Geschäftsbereichsleiter für die Perthes-Altenhilfe Süd und damit Vorgesetzter für die Perthes-Seniorenheime im Märkischen Kreis. Das Bild, das er von der Situation bei den Impfungen am 13. Januar im Claudius-Haus beschreibt, lässt den Schluss auf eine Kurzschlussreaktion zu.

„Wir haben zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst, dass es zu Überschüssen bei den Impfdosen kommt“, erklärt Lohscheller. Als dann aber alle vorgesehenen Mitarbeiter wie geplant geimpft worden sind, aber noch überraschend sechs Impfdosen übrig waren, sei Unruhe ausgebrochen. Die Führungskräfte in Plettenberg hätten sich „überrollt“ gefühlt, was Lohscheller gut nachollziehen könne. Eine Strategie der Perthes-Stiftung, wie in solchen Fällen vorzugehen ist, hab es erst danach gegeben. Sie lautet, dass bei übriggebliebenem Impfstoff versucht werden soll, Menschen über 80 aus der Priorisierungsgruppe 1 kurzfristig herbeizuholen – zum Beispiel aus der direkten Nachbarschaft – oder aber Rettungskräfte angesprochen werden sollen. Letzteres ist zum Beispiel auch im Claudius-Haus in Plettenberg beim zweiten Impftermin am 3. Februar erfolgt, als erneut Impfdosen übrig blieben.

Bei der Erstimpfung am 13. Januar aber habe der Impfarzt vor der Leiterin des Claudius-Hauses gestanden und ihr mitgeteilt, dass er nun innerhalb der nächsten ein bis zwei Stunden sechs aufgezogene Impfdosen habe, die verimpft werden müssten, ansonsten würde der Biontech/Pfizer-Impfstoff ungenutzt verfallen.

„Die Entscheidung, wer geimpft wird, hat immer der Impfarzt“, betont Ralf Lohscheller, der dem Arzt mit diesem Satz aber nicht die Schuld in die Schuhe schieben wolle. Es habe im Haus aber zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr gegeben, der geimpft werden konnte oder wollte, auch Über-80-Jährige aus der Nachbarschaft seien so schnell nicht auszumachen gewesen.

„In dieser Aufregung hat die Heimleitung diese Entscheidung getroffen“, sagt Lohscheller, der mit der Leitung in Plettenberg in den letzten Tagen mehrfach telefoniert hat und sich für eine Stellungnahme gegenüber der Presse mit ihr und dem Perthes-Vorstand abgesprochen hat.

Dass die unberechtigt geimpften Personen dann noch ihre Zweitimpfung erhalten haben, liege „in der Natur der Sache“, so der Perthes-Geschäftsbereichsleiter. Hätte man es nicht gemacht, wäre die erste Impfung nach seinen Worten vergebens gewesen, was „fatal“ gewesen wäre.

Bei diesem zweiten Impftermin ist laut Lohscheller von dem übriggebliebenen Impfstoff auch der Sohn einer Mitarbeiterin geimpft worden, der an einer chronischen Erkrankung leidet. Er hat seine Zweitimpfung dann beim dritten Impftermin im Claudius-Haus erhalten.

Wichtig ist es den Perthes-Verantwortlichen, zu betonen, dass in Plettenberg keine zusätzlichen Impfdosen für die unberechtigten Impfdosen bestellt worden seien, sondern dass sich der Überschuss ausschließlich aus den vorbestellten und abgezählten Impfdosen ergeben habe und damit völlig überraschend gekommen sei (siehe dazu auch die Infobox).

Mit einer Strafe für die unberechtigten Impflinge oder das Matthias-Claudius-Haus ist mit jetzigem Stand nicht zu rechnen. Zwar hatte sich die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx, vor wenigen Wochen für Geldbußen in solchen Fällen eingesetzt, aber beschlossen wurden sie nicht.

Moralisch fraglich bleibt das Vorgehen in Plettenberg trotzdem. Das weiß auch Ralf Lohscheller. „Mit dem Wissen und der Sicht von heute muss man sagen: Das war nicht gut und man hätte anders reagieren müssen“, sagt er.

Unberechtigte Corona-Impfungen in Seniorenheim im MK und die Frage: Warum bleibt Impfstoff übrig?

Es klingt paradox: Der Impfstoff ist knapp, alles wird bei den Bestellungen genau abgezählt und doch kam es gerade in der Anfangszeit und auch jetzt noch immer wieder vor, dass Einrichtungen wie Seniorenheime oder Krankenhäuser am Ende mehr Impfdosen zur Verfügung hatten und haben als vorgesehen. Das liegt daran, dass der Biontech/Pfizer-Impfstoff in Durchstechflaschen geliefert und vor Ort mit einer Kochsalzlösung aufbereitet werden muss. Gerechnet wird bei der Lieferung, dass sich aus einem Impfstoff sechs Impfdosen ziehen lassen. Wer also zum Beispiel 120 Impfungen plant, bekommt 20 Fläschchen geliefert.

Wer die Anleitung bei der Mischung genau befolgt und exakt arbeitet, der bekommt aber nicht nur sechs, sondern sieben Impfdosen aus einer Ampulle. Zu Beginn der Impfungen rund um den Jahreswechsel hatte Hersteller Biontech/Pfizer sogar angegeben, dass nur fünf Impfdosen pro Flasche möglich seien, was später revidiert wurde. So kam es, dass sowohl zu Impfbeginn als auch jetzt noch immer wieder Impfstoff übrig bleibt, der – weil man es inzwischen weiß – meist an Impflinge auf einer Reserveliste verimpft wird. 

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