Spielplatzeröffnung in der Hechmecke

Publikum amüsiert sich über die Geschichten von Reiner Hänsch über das heimische Sauerland

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Reiner Hänsch las vor, spielte seine eigenen Songs zur Gitarre und bot kleine „Dönekes“ zwischendurch.

Plettenberg - Diese Stimme hat absoluten Wiedererkennungscharakter: Dunkel, sonor, mit einem gewissen Timbre und wenn diese Stimme dann noch die Sauerlandhymne (Zoff) singt, weiß eigentlich nahezu jeder, um wen es sich handelt. Reiner Hänsch, Multikreativkopf in vielen Bereichen, stellte in der Stadtbücherei sein neuestes Buch „Sauerland Live“ vor.

Genau beobachten, das kann Hänsch und hat dazu eine flotte Schreibe. Nach seinem Erstlingswerk und Romanbestseller „Rotzverdammi“ ist die Familie Knippschild zum dritten Mal Kernpunkt des Geschehens, zum Beispiel wie ihr Leben zwischen Misthaufen, Kirchtürmen oder aber im Handyshop, beim Eishockey oder beim Shoppen in der Herrenabteilung abläuft. Fiktiv? Ja, aber jeder erkennt sich wieder in den jeweiligen Situationen, hat sie ähnlich erlebt oder so gesehen. Beömmelt haben sich die Plettenberger beim Zuhören der vorgetragenen Episoden. „Jau, so is dat“, lachten viele, „weiße noch?“

Es war nicht einfach eine „Autorenlesung“ im üblichen Sinne. Reiner Hänsch versteht es mit Vorlesen, eigenen Songs zur Gitarre und kleinen „Dönekes“ zwischendurch, aus einer Lesung eine Mischung aus Comedy, Lesung und launiger Theaterkonzertdarbietung zu machen. Liebevoll ironisch und mit besonderem Sprachwitz kommen Geschichten über die Sauerländer, diesen besonderen Menschenschlag, Geschichten, die das Leben schreibt. Geschichten, die eigentlich überall so vorkommen, nicht nur im Sauerland. Nur passt das gerade hier so schön, weil Mr. Sauerland hier im Sauerland als gebürtiger Sauerländer sein Buch über die Familie Knippschild aus dem Land der tausend Berge vorträgt.

„Da kriechse de Pimpernellen“, sagt die alte Hedwig Pütter im Handyshop, die auf der Suche nach dem Lahn ist. Das ist einfach weg und das braucht sie doch, um Rezepte und Krankheiten zu googlen. Die routinierten Spitzenverkäufer, die einem Unnötiges aufzuschwatzen versuchen und mit Technikvokabular um sich werfen, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Das Publikum in der Stadtbücherei amüsierte sich am Freitagabend köstlich über das, was ihnen Reiner Hänsch bot.

Receiver, Router, Super-Flat – Wer kennt das nicht? Passwörter, die verknüpft sind mit Personen oder Haustieren, damit man sie nicht vergisst? Alex Knippschild hat Mitleid mit der alten Dame, deren fehlende Basiskenntnisse offensichtlich sind. „Ja sind wir denn in ’nem hochqualifizierten Techniksymposium?“ Die Überleitung zu den Mühen des Älterwerdens war da schnell geknüpft. „Man merkt schon, dass man älter ist, wenn man Titel und Interpreten kennt, die sonst keiner mehr kennt. Dass man ein gewisses Alter erreicht hat, merkt man daran, dass man lauter und langsamer angesprochen wird. Wenn mein Sohn mir allerdings ein großtastiges Telefon anbieten wird, bekommt er was um die Ohren“, flachst Hänsch und singt auf die Beatles-Melodie „Come together“ „Kannse vergessen, schreib’s auf, shit, kein Papier“.

Die Generation „Meine Frau legt mir alles zum Anziehen heraus“ ist wohl vielen bekannt. Für Alex Knippschild wird ein Bummel auf dem Dortmunder Westenhellweg inklusive Hosenkauf zu einer kaum zu bewältigenden Herausforderung, weil die Suche nach einer passenden Jeans unter so vielen verschiedenen Formen Knippschild an den Rand der Verzweiflung bringt. Wie etwa die Hüftjeans: „Nää, ich zieh doch keine Hose an, wo mir der halbe Arsch raushängt.“ Beim Modell „Destroyed Jeans“ empört er sich: „Da hat doch einer seine alte kaputte Hose in den Ständer gehängt.“ Die Zuhörer kichern, schmunzeln. Kennse, woll? Es wundert sich der in Sachen Eishockey unbefleckte Knippschild über die Mutation seiner sonst so friedfertigen, derbe Schlachtrufe brüllenden Gattin während des Eishockey-Heimspiels der Iserlohn Roosters gegen die Kölner Haie. Man erfährt vom Besuch in Herrn Kaisers Friseursalon „Kaiserschnitt“, in dem der Prozess des Haareschneides zu einer “Beschneidung“ wird, dem Gang zu einer Hinrichtung ähnelt.

Hänsch philosophiert über den Trend, Kindern den Ort ihrer Entstehung angedeihen zu lassen wie etwa San Diego, Paris. „Stelln se sich mal vor, ich hätte meinen Sohn Faulebutter genannt.“ Auch der deutsche Schlager beziehungsweise Schlagertexter bekam an diesem Abend sein Fett weg. „Vielleicht ein bisschen mehr Gehirnmasse und ein besserer Text...“ „Unglaublich, was diese Schlagertexter schon alles verbrochen haben“, wird jedem Hänschs Abneigung gegenüber dieser Musikrichtung klar.

Hänsch holte sein Publikum ab, nahm sie mit auf die amüsante Reise seiner Sichtweise und sang zum Ende seinen Kulthit „Sauerland“, den das Publikum lauthals mitsang. „In 100 Jahr’n“ beendete er den kurzweiligen Abend und kam an einer Zugabe nicht vorbei. Im Anschluss nahm sich Hänsch, der bereits zum dritten Mal in Plettenberg gastierte, Zeit zum Plaudern und Bücher signieren. Das Hörbuch zu „Sauerland live“ wird in Kürze im Handel erscheinen.

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