Respekt vor gelbem Riesen mit 530 PS

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Ein Fahrschulfahrzeug der anderen Art: Der Mercedes Actros der vierten Generation hat 530 PS, fast 13 Liter Hubraum, eine Länge von 18 Metern und ein Leergewicht von 19 Tonnen. Das Einparken ist für den Redakteur deshalb kein Kinderspiel.

Plettenberg – Trucker sind die Könige der Straßen, doch das Berufsbild des Lkw-Fahrers ist heutzutage wenig beliebt, weshalb händeringend nach Fahrern gesucht wird. Bei der Fahrschule Fellmer wird etwas dagegen getan, denn man bietet Auto-Fahrschülern an, als Beifahrer eine Lkw-Fahrstunde mitzuerleben „

„Sie sollen damit eine andere Sicht der Dinge bekommen. Und wir wollen damit das Verhalten und die Rücksichtnahme zwischen Pkw und Lkw verbessern und das Miteinander fördern“, sagt Fahrlehrer Jens Fellmer, der es ST-Redakteur Georg Dickopf an diesem Tag gestattet, am Steuer eines 40-Tonners Platz zu nehmen und eine Fahrstunde in einem Mercedes Actros IV zu absolvieren.

 Das letzte Mal steuerte der Schreiberling vor 15 Jahren einen kleinen 7,5-Tonner. Dafür sah er in den 80er Jahren die Serie „Auf Achse“ und wurde mit Trucker-Filmen wie „Theo gegen den Rest der Welt“ und Spielbergs „Duell“ groß. Doch der „große Gelbe“, den die Fahrschule Fellmer seit Ende Mai einsetzt, ist ein ganz anderes Kaliber. Das bemerkt man schon beim Besteigen des 530 PS starken Lastwagens. Vier Treppenstufen führen nach oben auf den luftgefederten Sitz.

 Nach einer ausführlichen Einweisung durch Fahrlehrer Jens Fellmer (33) steigt der Puls, denn es soll direkt losgehen. Glücklicherweise liegt der Startpunkt in Landemert und nicht mitten in der Stadt. Nachdem die Spiegel – davon gibt es jede Menge – der Sitz und das Lenkrad eingestellt sind, geht es los. Dank Automatikgetriebe ist das reine Fahren des riesigen Lkws zwar kein Kinderspiel, aber man muss nicht wie einst mit Zwischengas und viel Kupplungsgefühl fahren und schalten, sondern tritt einfach mal vorsichtig aufs Gaspedal – der Rest läuft von alleine. Dabei merkt die Automatik, ob der Lkw beladen oder leer ist und wie hoch die Belastung gerade ist. Hilfreich ist dabei der gewaltige Hubraum, denn der verbaute Sechszylinder-Diesel hat fast 13 Liter Hubraum. Und der ist bekanntlich durch nichts zu ersetzen... 

Dass man sich um das reine Fahren weniger kümmern muss, hilft ungemein, denn die Hände werden auch so schweißnass, wenn man das 18 Meter-Gefährt mitsamt Anhänger schadfrei aus der Einfahrt bugsieren will. Beim Fahren lernt man dann als nächstes den Retarder kennen. Die moderne Motorbremse hilft dabei, das unbeladen fast 20 Tonnen wiegenden Gespann einzubremsen, ohne die Bremsbeläge nutzen zu müssen. Eine vorausschauende Fahrweise hilft dabei, den mehrstufigen Retarder richtig einzusetzen. 

Eine Sternstunde war für ST-Redakteur Georg Dickopf die Fahrstunde im großen Lkw mit dem Stern. Die Marke wird hier nicht verraten...

 Vorausschauendes Fahren gilt auch für sämtliche Kurven, Kreisverkehre oder Einmündungen. Statt wie mit dem Auto die Ideallinie zu finden, tastet man sich mit dem gelben Brummer erst einmal vorsichtig in den Kreisverkehr hinein, hält dabei auf die Mitte zu, um dann mächtig am Lenkrad zu kurbeln. Ansonsten fährt man mit dem gelben Hintern und den je 400 Euro teuren Hinterreifen schnell mal durch die Blumenrabatten oder über die Verkehrsinseln. 

Wer denkt, so ein luftgefederter Fahrersitz im hochmodernen Lkw bügelt alles weg, irrt gewaltig, denn das Befahren der Herscheider Straße gleicht einer Bootsfahrt mit mittelschwerem Seegang. Man wird gut durchgeschaukelt, verflucht jedes Schlagloch und freut sich lediglich über die etwas breitere Fahrbahn. Die könnte für die großen Laster nämlich ruhig etwas ausladender sein. „Orientiere dich an der Mittellinie“, sagt Jens Fellmer. In gefühlten drei Meter Höhe ist das schon eine Überwindung, aber der Blick in den Seitenspiegel zeigt, wie wenig Platz ansonsten bis zum Fahrbahnrand bleibt.

 „Achte auch auf die Verkehrsschilder, denn die hängen fast alle genau in Spiegelhöhe“, sagt Fellmer und erinnert daran, dass auch die entgegenkommenden Lastzüge ausladende Spiegel haben. Der erfahrene Lkw-Fahrlehrer sitzt bei der Fahrstunde nicht ganz außen, sondern in der Mitte. Er hat dort und auch auf der Beifahrerseite Gaspedal und Bremse, kann aber von der Mitte aus zur Not auch mal ins Lenkrad greifen. Das wird glücklicherweise nicht nötig. Und auch das Rückwärtsfahren und das Einparken gelingen ganz gut – im zweiten Anlauf steht das riesige Gefährt ganz ordentlich. Jens Fellmer sieht durchaus gute Ansätze: „Es war super für die erste Stunde. Da kann man definitiv drauf aufbauen.“

 Gewachsen ist nach der Fahrstunde in jedem Fall der Respekt vor den Lkw-Fahrern. Denn man hat sehr viel Verantwortung für ein teures Gespann und die geladene Fracht, man muss ständig mit rücksichtslosen Autofahrern rechnen und sich mit schlechten und oft sehr schmalen Straßen herumschlagen und steht dabei zumeist noch unter enormen Zeitdruck. Von daher Hut ab vor allen Lkw-Fahrern und denen, die es noch werden wollen.

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