Der Bau der Walther-Brockhaus-Siedlung in den 1930er Jahren: Wohnungsnot und Ideologie

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Der Stolz der neuen Eigenheim-Besitzer war groß: Vor 1933 hätte kaum einer von ihnen davon geträumt, jemals ein eigenes Haus zu besitzen.

Genau so hatte es sich der nationalsozialistische Staat gewünscht: Mit der Unterstützung von Eigenheimbauern in Plettenberg zu Beginn der 1930er Jahre wurde nicht nur die Wohnungsnot entschärft – wie im Fall der Kückelheimer Walther-Brockhaus-Siedlung erzeugte der seinerzeitige Wohnungsbau bei vielen auch Sympathie und Dankbarkeit für beziehungsweise gegenüber dem NS-Regime.

Dies wird vor allem aus den Aufzeichnungen von Arnold Kruse deutlich, der gemeinsam mit weiteren Siedlern die ersten Häuser der Brockhaus-Siedlung errichtet hatte. Heimatkreis-Mitglied Christa Schneider hat sowohl die Aussagen Kruses, als auch weitere Quellen genutzt, um die Entstehung dieses neuen Plettenberger Wohngebietes wieder aufleben zu lassen.

Nach Beendigung der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 1929 bis 1932 erfolgte auch bei der Firma Brockhaus in den Jahren 1932 bis 1939 eine zunehmende Geschäftsbelebung. „Das Unternehmen engagierte sich sehr stark für den Eigenheimbau seiner Mitarbeiter. Es wurden zahlreiche Grundstücke und vergünstigte Baudarlehen zur Verfügung gestellt“, erklärt Schneider.

Schon lange vor 1933 besaßen etliche Mitarbeiter der Firma den Wunsch nach einem Eigenheim. Hoffnung gab es wenig, da es keine Möglichkeit auf öffentliche Mittel gab. „Im Jahre 1933 übernahm mit dem nationalsozialistischen Umsturz Engelbert Wahle die Geschäfte der Verwaltung und wurde bald darauf als Amtsbürgermeister eingesetzt. Im Sommer 1933 wurden plötzlich durch Anschlag in unserem Werk Bauanwärter für vorstädtische Kleinsiedlungen am Markenbrauk gesucht“, schrieb Kruse.

Wahle war ein fanatischer Nationalsozialist, der unter anderem auch völlig hinter der Rassen- und Behindertenpolitik des NS-Regimes gestanden hatte. Dank der Einsatzbereitschaft von Fabrikant Walther Brockhaus konnte diese Siedlung, finanziert durch Reichsdarlehen und betreut durch die Westfälische Heimstätte, für elf Häuser in Kückelheim geplant werden.

Bauherren wie Kruse waren dem neuen, totalitären Staat überaus dankbar – viele sollen dem NS-Regime auch nach dem Zweiten Weltkrieg wegen solcher Projekte durchaus gewogen geblieben sein. „Das große Werk, durch unseren Volkskanzler Adolf Hitler möglich gemacht, war ausgeführt. Hatten wir je Grund zu verzagen oder zu murren? Nein und nochmals nein! Wir hatten vielmehr Grund bei all dem noch dankbar und zufrieden zu sein“, schrieb Arnold Kruse.

Er dürfte zu jenen Menschen gehört haben, denen es erst unter nationalsozialistischer Herrschaft ermöglicht wurde, sich ihren Herzenswunsch, den Bau eines Eigenheims, zu ermöglichen. „Für diese Menschen und für den Arbeiter allgemein, dessen Sozialstatus in der nationalsozialistischen Leistungsgesellschaft propagandistisch eine Aufwertung erfuhr, wurde es schwer, die Verbrechen des nationalsozialistischen Unrechtstaats zu verstehen, da sie von der ‘modernen’ Sozialpolitik der Nationalsozialisten profitiert hatten“, erklärt Stadtarchivarin Martina Wittkopp-Beine im Band 6 der Plettenberger Stadtgeschichte.

Bei der Brockhaus-Siedlung handelte sich um eine Kurzarbeitersiedlung, die von den Siedlern selbst auszubauen war. Die Grundstücke von jeweils etwa 1 200 Quadratmetern wurden seitens der Firma Brockhaus Söhne zur Verfügung gestellt. Am 17. November 1933 wurde mit den Arbeiten begonnen. Durch die winterlichen Witterungsverhältnisse mit Frost und Schnee mussten diese jedoch bald eingestellt werden.

Zu Beginn wussten die Bauarbeiter noch nicht, welches Haus ihnen später zugelost werden würde.


„Am 1. März 1934 begannen die Arbeiten bei strömendem Regen und anschließender, großer Hitze erneut. Es erfolgte eine genaue Einteilung für die Arbeit im Werk und die Eigenleistung am Bau, denn zum Glück waren aus Kurzarbeitern inzwischen wieder Vollarbeiter geworden“, erklärt Schneider.

Da alle Materialien von der Straße zu den hoch gelegenen Baustellen geschafft werden mussten, wurden Feldbahngleise für die schwer beladenen Rollwagen gelegt. Nachdem Walther Brockhaus kopfschüttelnd miterlebt hatte, wie vier Männer diese Wagen die Böschung hinaufzogen, ließ er einen alten Pkw für diese Arbeit umbauen.

Bisher waren alle Bauherren an allen Hausbauten beteiligt. Noch wusste jedoch keiner, welches der Häuser für ihn und seine Familie bestimmt war. Es war dann ein äußerst spannender Moment, als im Büro der Firma Brockhaus Söhne in Gegenwart von Amtsbürgermeister Wahle, Gemeindeschulze Zimmermann und Fabrikant Walther Brockhaus die Auslosung für die Häuser Nummer 17-27 erfolgte. Nach dieser Auslosung wurde erneut bestätigt, dass man auch weiterhin so zusammenarbeiten wolle wie bisher.

Als Nächstes standen Arbeiten an, die nicht in Eigenleistung erbracht werden konnten, was natürlich eine Verteuerung nach sich zog. Nach Aussprache mit Walther und Julius Brockhaus erklärten diese sich erneut zur Hilfe bereit. Auf Veranlassung des Bürgermeisters wurde ein Darlehen von der Sparkasse zu günstigen Bedingungen gewährt. Dadurch hatten die Bauherren wieder Hoffnung, doch bis Ende des Jahres ihre Häuser beziehen zu können.

Dann musste eine niederschmetternde Nachricht verkraftet werden. Am 28. September erlitt Walther Brockhaus einen Schlaganfall und verstarb noch in derselben Nacht. Jedoch war die Großzügigkeit durch den Bruder des Verstorbenen, Julius Brockhaus, weiterhin enorm.

Besonders auch durch diese erneute Unterstützung gelang es dann tatsächlich, dass mit dem Einzug am 24. November begonnen werden konnte; am 1. Dezember waren alle Siedler in ihren Häusern. An diesem Tag fand auch die Einweihung der Walther-Brockhaus-Siedlung statt.

Am Aufgang zur Siedlung erinnerte ein Denkmal aus heimischer Grauwacke und ein Profilguss von dem Künstler Heinrich Kuhmichel aus Siegen an den Förderer dieses Projektes.

Da sich jedoch bereits beim ersten Plan der Siedlung etwa 40 Bauanwärter gemeldet hatten, blieben auch die, die nicht ausgelost worden waren, bei ihrem Wunsch, ein Eigenheim zu besitzen. Es kam jedoch hier keine „vorstädtische Kleinsiedlung“ infrage, sondern bei den dann ab Herbst 1935 erstellten Bauten handelte es sich um Eigenheime.

Auch hier unterstützte die Firma Brockhaus die Bauherren durch Übertragung der Grundstücke. Die gesamten Baukosten nach dem Bauentwurf von 1935 wurden auf rund 7800 RM pro Haus veranschlagt. So entschlossen sich elf weitere Interessenten zum Bau der eigenen vier Wände.

Das in der Kurve der Einmündung Am Kör / Am Stöwenhahn stehende Gedenkmal zur Erinnerung an den Fabrikanten Walther Brockhaus wurde nach dem Krieg entfernt und nicht wieder aufgestellt.

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